Betreten

Ein falscher Schritt, schon ist es vorbei. Landminen sind grauenvoll. Diejenigen, die sie auslegen, menschenverachtend. Der Weg durch vermintes Gelände könnte das Ende des Krisenreporters sein.

Wer so etwas macht, ist krank im Kopf.

Sagt der Ausbilder – und er hat recht. Was meine Journalistengruppe heute im Landminen-Übungspfad zu sehen bekam, ist übel. Einmal ausgelegt, sind die stummen Waffen eine tickende Zeitbombe. Irgendwann wird schon jemand drauftreten. Und dann ist mindestens ein Bein ab, wenn nicht der gesamte Körper zerfetzt.

Wer einmal eine Mine gesehen hat, wird sie schon erkennen.

Was das denkt, ist unglaublich naiv. Es gibt unzählige verschiedene Bauarten. Minen vorrangig mit Sprengwirkung – meist rund und flach, werden unter die Erdoberfläche gelegt. Gras drüber und schon sind sie gar nicht mehr zu sehen. Minen zusätzlich mit Splitterwirkung werden in kleine Erdlöcher versenkt. Ein Sensor ragt hinaus, bei der leichtesten Berührung explodiert den Sprengkörper und schleudert viel Erde und Gestein mit. Minen mit Splitterwirkung – meist zylinderförmig werden auf kurze Hölzer gesteckt und am Wegrand platziert. Über den Pfad wird ein Draht in Knöchelhöhe gespannt. Wer diesen mit dem Schuh berührt, betätigt den Auslöser. Von der Ladung wird dann die Außenhaut gesprengt, die Splitter fliegen dann bis zu 50 Meter weit und durchlöchern nahezu alles.

Viele Minen detonieren erst, wenn ein Fahrzeug drüber fährt.

Noch ein Irrtum. Es gibt zwar so genannte Anti-Tank-Mines, die erst explodieren sollen, wenn ein Panzer drüberrollt. Tatsächlich werden sie bei einer Belastung von 80 Kilogramm ausgelöst. Der Journalist mit Ausrüstung bringt das auf die Waage. Und wenn sie älter sind, werden die Bauteile brüchig. Jahre nach dem Auslöser genügt eine Belastung von wenigen Kilo.

Verminte Gegenden werden geräumt und sind dann sicher.

Schon wieder falsch. In umkämpften Gebieten ist streng genommen einer am Vortag angebrachten Markierung nicht mehr zu trauen. Der vermeintlich minenfreie Pfad kann von menschenverachtenden Kämpfern mit Fallen versehen worden sein.

Dem von einer Mine verletzten Kollegen helfe ich ganz schnell.

Bloß nicht. So hart es klingt. Wo eine Mine liegt, ist meist die nächste nicht weit. Springe ich ihm schnell zur Hilfe, trete ich möglicherweise auf die nächste. Dann kann niemand mehr helfen. Will ich ihn retten, kostet das viel Zeit. Runter in der Hocke und mit einem dünnen Gegenstand – am besten nicht aus Metall – Plastikstab, Ast,… – langsam den Boden abstochern. Aber nicht senkrecht einstechen, meist detonieren versteckte Sprengkörper nicht, wenn man sie leicht berührt, wenn man mit einem Einstichwinkel von 30 Grad stochert. Doch Vorsicht: Das wissen auch die Minenverleger und platzieren gern mal einen Sprengkörper senkrecht. Mit dem Stock berührt, geht der dann sofort hoch. Ist doch eine Fläche, auf der bequem ein Fuß Platz findet, erkundet, kann man einen Schritt vorsetzen. Das kann aber schon mal eine halbe Stunde dauern. Und dann geht’s weiter, um den nächsten Fuß vorzusetzen.

Wir waren umsichtige Journalisten, uns wäre im echten Minenfeld nichts passiert.

Auch das ist falsch. An einer Stelle auf dem Übungspfad waren zwei Sicherungsmarkierungen dicht beieinander. Unmittelbar neben der vorderen verlief ein gespannter Auslösedraht. Den haben wir berührt…

Alle Folgen:

Folge 1: Kleines Kriegs-Tagebuch
Folge 2: Hammelburg
Folge 3: Eingerückt
Folge 4: Ein Schuss und eine Granate
Folge 5: Nord gegen Süd
Folge 6: Betreten
Folge 7: Auftrag und Bearbeitung
Folge 8: Im Gefecht
Folge 9: Gewehrmündung im Gesicht
Folge 10: Auftrag und Ideologie
Folge 11: Entführung
Folge 12: Aus Schaden wird man klug

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