Der Irrsinn der Fensterprogramme

“Spannend und informativ” ist Fernsehen im Idealfall. Alexander Kluge, Chef des TV-Drittanbieters dctp, schreibt diese Atrribute vielen seiner eigenen Sendungen zu, ohne die Zustimmung seiner doch recht spärlich vorhandenen Zuschauer zu haben. Unbeirrt bestückt er Sendeplätze auf RTL, Sat1 und VOX – und das auch weiterhin mit dem Segen der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Sehr zu Ärger von Ulrich Wickert, dessen Niederlage sich abzeichnet, bald Zutritt ins Reich des Spannenden und Informativen zu bekommen.

Um die Vernunft geht es an diesem Sonntag. Das klingt nicht sonderlich abgespacet. Aber wenn mit der Suche nach den Wurzeln der Ratio die Frage verknüpft wird, ob es eine Moral der Sterne gebe, weil doch Allgemeinheiten den Kosmos durchrauschen, dann übersteigt das nicht so manchens geistigen Horizont, sondern auch die Spitze des Mount Everest. Wohin soll das führen? In die wöchentliche konspirative Sitzung einer Vorstadtsekte oder doch nur ins deutsche Fernsehen? Letztes ist richtig – und zwar am Sonntag, genauer gesagt, dann, wenn der Sonntag gerade vorbei ist.

Mitternacht auf RTL widmet sich “Prime Time Spätausgabe”, “ein 15-Minuten-Format von Alexander Kluge“, das “Schaufenstercharakter” haben und “ein Beispiel für ‘Fernsehen der Autoren’” bilden will, der Frage, ob das Weltall sich sozialistisch verhält. Auch ohne etwas davon gesehen zu haben, lässt sich vermuten, das es für diejenigen, die etwas Spannendes und Informatives erwarten, ganz schön gruselig wird zur Geisterstunde. Gast der Sendung wird Prof. Dr. Michail Lomonossow, Universität Moskau, Ur-Urenkel des großen Astronomen Lomonossow, sein. Kennt keiner? Macht nichts. Dann merkt auch keiner, dass Peter Berling als Mitglied der Akademie der Wissenschaften vor der Kamera sitzen wird. Jener Peter Berling, der Schauspieler ist und für Kluges TV so manchen abseitigen Talkgast mimt und dabei zu Gott und der Welt immer etwas zu sagen weiß.

Wer bis zum Abspann durchhält und noch nicht zur Vernunft gekommen ist, hat genau zehn Minuten, um zu Sat1 zu switchen. Dort spricht dann laut Ankündigung Prof. Dr. Lorraine Daston, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, – kennt man auch nicht, ist aber nicht Peter Berling – über Objektivität und Vernunft. Die Sterne und der Kosmos sind dann fern, die Wurzel der Ratio wird in ferner Vergangenheit gesucht. Denn: Die Antike (wer das wohl nun schon wieder ist) spreche von der Vernunft, sie sei “ewig und immer dieselbe” und “wandert von Osten nach Griechenland ein”. Die Sendung heißt übrigens “News & Stories“.

Kein Scherz. Das ist Alltag im deutschen Fernsehen. Vergesst Barbara Salesch, die Super Nanny und Bauern, die noch immer eine Frau suchen. Erst Kluges Fernsehen – über das hier schon mal geschrieben wurde – bringt den Wert der Glotze so richtig zur Geltung. Und das mit Segen der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) – einer Landesbehörde, die Entwicklung und Förderung des privaten Rundfunks als Aufgabe hat, privaten Radio- und Fernsehveranstaltern Lizenzen erteilt und deren Programme beaufsichtigt.

Die NLM hatte Kluges TV-Firma nämlich den Zuschlag erteilt, als es darum ging, wer für weitere fünf Jahre so genannte Fensterprogramme auf RTL mit Was-auch-immer zur Sicherung der Vielfalt bestücken darf. RTL muss laut Rundfunkstaatsvertrag diese Programmfenster einrichten, da der Sender einen Marktanteil von mehr als zehn Prozent hat. Ex-Mister-Tagesthemen Ulrich Wickert passt das gar nicht. Er wollte mit seiner Firma Ulrich Wickert Produktion (UWP) auch die gesetzlich erzwungenen Lücken im RTL-Programm bestücken. Diese Aufgabe kann auch ganz lukrativ sein, denn nicht alles, was in den Programmfenster läuft, ist hinsichtlich Inhalt und Sendezeit so abseitig wie “Primetime”, das nach Mitternacht in der Nacht zum Montag gezeigt wird.

Auch “stern TV” und das “Spiegel TV Magazin” werden vom Kluges Firma dctp an RTL geliefert – und deren Sendeplätze wollte Wickert in der Ausschreibung ergattern. Aber die NLM hörte weder ihn noch andere Interessenten an, am Ende des Zulassungsverfahrens stand der Zuschlag für dctp, die Firma, die sich schon bislang auf den Sendeplätzen austobt. Wickert klagte und ist nun im Eilverfahren unterlegen. Alles sei ordnungsgemäß vergeben worden, stellte das Verwaltungsgericht Hannover fest.

Das mag so sein. Seltsam ist trotzdem, was im deutschen Fernsehen möglich ist. Wenn die Lizenz für einen Drittanbieter, der ein Fensterprogramm gestaltet, ausläuft, dann regelt Paragraf 31 des Rundfunkstaatsvertrags die Neuvergabe der Lizenz. Und in dem vorgeschriebenen Verfahren hat der Sender, dem durch das Aufzwingen von Fensterprogrammen Vielfalt abgenötigt werden soll, erstaunlich viele Mitspracherechte. Die Landesmedienanstalt schreibt die Lizenz schon zusammen mit dem großen Sender aus. Aus allen als zulassungsfähig erachteten Bewerbungen wird dann einvernehmlich der Gewinner ausgewählt. Nur wenn es diese Einigung nicht gibt, müssen Bewerber überhaupt angehört werden.

Das heißt: Die NLM bescheinigt Kluges dctp die formale Zulassungsfähigkeit. RTL entscheidet sich für “stern TV” und Co. von dctp, mit der man ganz gut gefahren ist. Diese Sendungen bringen schließlich ganz gut Quote. Im Gegenzug nimmt man eine abgespacete Spielwiese in der Nacht von Sonntag auf Montag, wenn die Super Nanny sowieso schon schläft hin. Die NLM nickt dann einmal – und fertig. Wickert kann dann so viele Anträge schreiben, wie er will. Eine Zulassung bekommt er nicht, er wird nicht einmal angehört.

Wenig Aufwand im Dienste der Meinungsvielfalt. Dabei gibt es durchaus Zweifel, ob Kluge diese gesetzlich verordnete Vielfalt überhaupt sichern kann – mit Sendungen, deren Vernunft irgendwo im All liegt oder aus Osten über Griechenland herfällt, und die sowieso niemals ein Millionenpublikum, ohne an die Wohnzimmercouch gefesselt zu sein, anschauen würde. Doch Kluge ist gar nicht der kleine Nischenanbieter, der den großen Sender bändigt. Seine Firma dctp ist selbst ein Imperium. In den kommenden sieben Tagen verantwortet dctp 17 Sendungen bei drei verschiedenen Sendern. Die meisten laufen beim Sender VOX. Dort ist Kluge als Minderheitsgesellschafter Miteigentümer. Und VOX gehört zur RTL Group, bei der Kluge im Hauptsender für Meinungsvielfalt sorgen soll.

Klingt alles irgendwie nach Vernunft der Sterne. Dctp-Fensterprogramme à la “Primetime” braucht das deutsche Publikum nicht. Es braucht überhaupt keine Drittanbieterfenster, da es eine ausreichende Vielfalt an frei empfangbaren Programmen gibt. Und die Fensterprogrammregelung? Einfach abschaffen, genauso wie die Moral der Sterne.

Dieser Beitrag ist zuerst im Blog Vanity Care erschienen.

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