Was ist Qualität im Online-Journalismus?

Keine elektronische Presse, nur programmbegleitende Inhalte – mit diesen Vorgaben wollen Ministerpräsidenten, Verleger und Privatfunkvertreter ARD und ZDF Grenzen im Internet setzen. Kritiker einer öffentlich-rechtlichen Online-Expansion sagen, anstaltliche “Inseln der Qualität” im Netz seien nicht nötig.

Es gebe genügend erfolgreiche und hochwertige Angebote – vom populären “Spiegel Online” über Internetableger überregionaler Zeitungen und Magazine bis zu Special-Interest-Seiten. Allerdings bleibt bei diesen Beteuerungen meist offen, woran sich diese Qualität bemisst. Eine kleine Orientierung.

In der kommunikationswissenschaftlichen Literatur wird meist von einem funktionalen Qualitätsbegriff ausgegangen, der Qualität nicht nur dann als gegeben ansieht, wenn normative professionelle Standards eingehalten werden. Vielmehr muss ein Informationsangebot den Bedürfnissen und Erwartungen seiner Nutzer entsprechen. Für die “Süddeutsche Zeitung” und für die “Bild” gelten demnach je eigene Qualitätsstandards. Ihre Nutzer wollen zu unterschiedlichen Anteilen informiert und unterhalten werden. Trotz aller Unterschiede in den Erwartungen an Medienangebote verlangen alle Nutzer aber, dass die Angebote professionell erstellt werden.

Was als qualitativ hochwertig angesehen werden soll, muss also 1. journalistischen Professionalitätskriterien genügen und 2. rezipientengerecht aufbereitet und gestaltet sind. Es sind zwei Ebenen der Qualität zu unterscheiden: Die erste ist auf das journalistische Handeln insgesamt bezogen. Journalistische Erzeugnisse sollen unabhängig erstellt werden, die Inhalte richtig, fair und umfassend recherchiert und aufbereitet sein, die Themen nach Aktualität und Relevanz ausgewählt sein, Quellen offen gelegt und kritisch hinterfragt werden. Die zweite Ebene der Qualität ist auf das jeweilige Produkt bezogen. Ein redaktionelles Angebot soll vielfältig und ausgewogen gestaltet sein, für die jeweilige Zielgruppe ansprechend, attraktiv, verständlich und nützlich gestaltet sein.

Diese Kriterien sind zunächst auf alle journalistischen Erzeugnisse anzuwenden. Für den Online-Journalismus ist darüber hinaus eine Neubestimmung des Verhältnisses von Orientierung an normativen Berufsstandards einerseits und Nutzerinteressen sowie -verhalten andererseits nötig. Denn das Internet ist das Selektionsmedium schlechthin. Die Nutzer selektieren viel schärfer, was sie ansehen und lesen wollen und was nicht. Allein eine schlechte Schlagzeile kann dazu führen, dass eine tiefgehende Recherche keine Beachtung findet. Eine komplizierte Navigation, ein unübersichtliches Menü, eine optisch nicht ansprechende Seitengestaltung können dazu führen, dass Nutzer nach wenigen Clicks eine Seite wieder verlassen und vorerst nie wieder zu zurückkehren.

Allerdings greift die Behauptung zu kurz, dass im Internet das Verhältnis Qualität vs. Quote endgültig zugunsten der Quote entschieden ist. Vielmehr sind alle Qualitätsebenen im Interesse der Nutzer zu pflegen. Nutzerorientierung ist deshalb auch im Online-Journalismus an ein ganzes Bündel von Faktoren und Perspektiven gebunden.

Online-Journalismus steht hinsichtlich seiner Qualität vor neuen Herausforderungen, die aus der Beschaffenheit des Internets – insbesondere seiner hypertextualen Struktur und seiner Möglichkeit, einen Rückkanal anzubieten – resultieren. Die mögliche Einbindung von kommerziellen Inhalten Dritter (Themen-Sponsoring, Verlinkung auf Ver-kaufsseiten, automatisierte Übernahme von Inhalten Dritter, Content Syndication) können dem Gebot der Trennung redaktioneller und werblicher Bestandteile entgegenstehen, die nur durch ein hohes Maß an Transparenz gegenüber den Nutzern aufrecht erhalten werden kann.

Interaktivität, vornehmlich durch die Einbindung von User Generated Content, dient einerseits der stärkeren Leser-/Nutzer-Bindung und kann zu einem beiderseitigen Mehrwert (für Nutzer und Redaktion) führen. Andererseits steht die Redaktion auch für die veröffentlichten Inhalte in der Verantwortung, die nicht von ihr stammen. Eine Kon-trolle von User-Inhalten (Bilder, Texte, Kommentare) ist ein neues Instrument zur Qualitätssicherung, weil so die Veröffentlichung strafbarer Inhalte oder Urheberrechtsverletzungen vermieden werden können.

Verschärfte Qualitätsanforderungen bestehen auf der Ebene redaktionellen Handelns ebenso hinsichtlich der Richtigkeit und der Aktualität von Inhalten. Wegen der Möglichkeit zum stetigen Publizieren haben Online-Redaktionen keinen Redaktionsschluss, sind gehalten ständig aktuelle Informationen aufzubereiten und dabei dennoch umfassend zu recherchieren, was durch knappe Personal- und Finanzressourcen erschwert sein kann und zu reiner Online-Recherche, dem Verzichten auf Recherche-Telefonate und Ortstermine sowie die ungeprüfte Übernahme von – möglicherweise falschen – Quellen im Netz führen kann.

Produktbezogen müssen Online-Journalisten den Wert ihrer Angebote sichern, indem sie sich stärker auf die Eigenheit des Internets als “Selektionsmedium” einstellen. Gehörte Vielfalt schon vor dem Online-Zeitalter zu den Qualitätsmerkmalen, so hat das so genannte Web 2.0 weitere Möglichkeiten eröffnet, um Vielfalt herzustellen. Diese müssen Online-Redaktionen auch nutzen, wenn sie Nutzer binden und im Wettbewerb bestehen wollen – durch die crossmediale Aufbereitung von Themen, die Zusammenstellung von Themendossiers und die Verlinkung auf Archivinhalte. Darüberhinaus haben Nutzwert und Usability an Bedeutung gewonnen. Nutzer müssen sich in den Angeboten zurechtfinden und Informationen sowie Anwendungen angeboten bekommen, die ihnen einen Mehrwert gegenüber anderen Diensten garantieren.

Die verschärften Qualitäts-Herausforderungen für den Online-Journalismus bestehen vor dem Hintergrund eines – im Vergleich mit den rechtlichen und berufsständischen Vorgaben für traditionelle Massenmedien – diffusen Regelungsrahmens zur Sicherung ethischer Grundsätze. Es fehlt eine berufsständische Selbstdisziplinierung nach dem Vorbild des Deutschen Presserats. Der sieht sich bislang nur dann als zuständig an, wenn Print-Texte unverändert online veröffentlicht werden. Zudem ist es aufgrund der Multimedialität und Hypertextualität des Online-Journalismus schwierig, diese oder ähnliche Leitsätze eins zu eins im Internet anzuwenden.

Auch Regelungen, die für die Rundfunk-Kontrolle (Einhaltung der Grundsätze des Rundfunkrechts, Jugend- und Verbraucherschutz) bestehen, können diese Lücke nicht füllen. Denn nach herrschender Meinung handelt es sich bei der Mehrzahl der Audio- und Video-Angebote im Netz nicht um zulassungspflichtigen Rundfunk, sondern um Abrufangebote von zulassungsfreien Telemedien. Für deren Regulierung ist in Deutschland der Bund zuständig, für Rundfunk sind es die Länder. Außerdem ist unklar, ab wann Audio- und Video-Veröffentlichungen im Netz als Rundfunk gelten könnten – genügt das bloße Angebot, muss ein fester Programmablauf bestehen oder eine Mindestzahl an Nutzern erreicht werden?

Angesichts der neuen publizistischen Freiheiten, die das Internet eröffnet, und dem zeitgleich wachsenden Quotendruck für die online publizierenden Journalisten, wäre ein strafferer Regulierungsrahmen zur Qualitätssicherung und Wahrung ethischer Grundsätze wünschenswert. Die schwierige Abgrenzbarkeit des zu regulierenden Gegenstands (was ist Online-Journalismus und was nicht), die Vielfalt der Veröffentlichungsmöglichkeiten und deren Konvergenz im Internet sowie die bislang geteilten legislativen und exekutiven Kompetenzen für eine möglichen Regulierung erschweren es jedoch, dass ein hinreichender rechtlicher Rahmen extern – durch den Staat – gesetzt wird. Hier ist der Journalismus selbst gefordert, sich auf Standards selbst zu verpflichten und diese möglicherweise mit Sanktionen bis hin zu Geldbußen zu bewehren.

Dieser Beitrag ist zuerst im Blog Vanity Care erschienen.

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