Samstag, 6. Juni 2009

Experten empfehlen Arcandor-Zerschlagung

SPIEGEL ONLINE, 6. Juni 2009

Die Arcandor-Krise ist vor allem eine Karstadt-Krise - dabei ist der Kaufhausbetreiber auch Urlaubsanbieter, Babyartikelverschicker, Verkaufs-TV-Veranstalter und Fluggesellschaft. Experten warnen bereits vor weiteren Risiken im Reisegeschäft und im Versandhandel - und raten zur Zerschlagung.

Hamburg - In Deutschlands Innenstädten wird die Notlage bei Arcandor Chart zeigen sichtbar: Karstadt-Mitarbeiter sammeln am Eingang der Warenhäuser Unterschriften für den Erhalt ihrer Filialen. Doch die 118 Jahre alte Kaufhausmarke ist nur der kleinste von drei Teilen des Arcandor-Konzerns. Auch bei Primondo - so heißt die Versandsparte mit dem Traditionshaus Quelle - und in der Touristiksparte Thomas Cook sehen Experten eine ganze Reihe von Problemen.


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Trotzdem ist über diese Geschäftsbereiche wenig zu hören. Denn warum sollte deutsche Staatshilfe für ein Versandhaus gezahlt werden, das in Russland und anderen osteuropäischen Staaten sein Glück versucht? Oder für ein Reiseunternehmen, das Passagiere aus ganz Europa zu sonnigen Domizilen bringt?

Immerhin: Die Reisetochter Thomas Cook steht im Konzern am besten da. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte sie einen Vorsteuergewinn von 112,8 Millionen Euro, während Primondo und Karstadt rote Zahlen schrieben. Analysten rechnen vor, dass Thomas Cook der einzige Konzernteil sei, den die Märkte als werthaltig ansehen. Arcandors 52-Prozent-Beteiligung an dem ebenfalls börsennotierten Reiseunternehmen sei mehr als 1,1 Milliarden Euro wert, der Mutterkonzern selbst bringe es nur auf eine Marktkapitalisierung von gut 490 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Der Rest unter dem Arcandor-Dach hat einen negativen Wert.

Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt deshalb über Thomas Cook: “Das ist die Perle des Konzerns.” Und Christian Hamann, Analyst bei der Hamburger Sparkasse, lobt: Thomas Cook sei als Reiseunternehmen deutlich besser aufgestellt als Konkurrent TUI Chart zeigen. Der Grund: Thomas Cook hält weniger kostspielige und unflexible Kapazitäten vor, sondern kann je nach Nachfrage Hotelbetten und Flüge am Markt beschaffen.

Gleichzeitig warnt Hamann aber vor zu viel Euphorie wegen der zuletzt guten Zahlen der Reisesparte. “Thomas Cook hat im vergangenen Jahr von der Pleite des Konkurrenten XL Travel in Großbritannien profitiert”‘, sagt er. Es sei nicht damit zu rechnen, dass sich solch ein Sondereffekt wiederhole, erst recht nicht im Rezessionsjahr 2009, in dem Hunderttausende um ihren Arbeitsplatz fürchten. “Für die Zukunft ist einiges an Belastungen zu erwarten”, sagt der Experte.

Dass Thomas Cook eine eigene Fluggesellschaft besitzt, könnte ebenfalls zum Problem werden. Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hatte mehrfach versucht, Condor in Bündnisse einzubringen - vergeblich. Ein Zusammenschluss mit Air Berlin Chart zeigen wurde wegen kartellrechtlicher Bedenken verworfen, ein Dreierbündnis mit TUIfly und dem Lufthansa-Billigableger Germanwings scheiterte ebenfalls.

Mittlerweile hat Air Berlin nach der Übernahme des Ferienfliegers LTU seinerseits eine Kooperation mit TUIfly geschlossen. Nur Condor steht unter den deutschen Airlines immer noch allein da - auf einem Markt, der nach Expertenmeinung sowieso durch Überkapazitäten gekennzeichnet ist. “Das ist kein Wachstumsmarkt mehr”, sagt Analyst Hamann. Seit dem Aufkommen von Billigfliegern sind die Ticketpreise gesunken, längst können sich große Bevölkerungsteile Flüge leisten.

Primondo expandiert in Osteuropa

Auch das Versandgeschäft, das Middelhoff unter dem Kunstnamen Primondo gebündelt hatte, glänzte zuletzt nicht mit Erfolgszahlen. Das vergangene Geschäftsjahr wurde mit einem Vorsteuerverlust von 272,3 Millionen Euro abgeschlossen. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres blieb die Sparte ebenfalls im Minus.

Der Bereich, zu dem neben dem Traditionsunternehmen Quelle eine ganze Reihe an Spezialversendern wie Hess Naturprodukte und Baby-Walz sowie der Homeshopping-Sender HSE 24 gehören, hat ein entscheidendes Problem: Das Geschäft mit Bestellkatalogen schrumpft, während die Kunden immer mehr im Internet bestellen. “Der Transfer von Big Books zu Online ist eine gigantische Herausforderung. Der Otto-Versand hat das gleiche Problem, aber die sind dabei viel weiter”, sagt Jürgen Maximow, Chef der Beratungsfirma Value Management Partners.

Immerhin sieht Anlegerschützer Tüngler eine positive Perspektive für die Sparte, da das Geschäft in Osteuropa ausgebaut wird. “Man hat dort eine Chance wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg”, sagt er. Zu Flächenländern wie Russland passe ein Versandgeschäft. Allerdings fügt er hinzu, dass die neuen Märkte Verluste im alten Geschäft nur dann kompensieren könnten, “wenn das Konzept schlüssig ist und die Logistikfrage geklärt ist”.

Und da sehen Skeptiker schon das nächste Risiko. Denn ein Päckchen in entlegene osteuropäische Dörfer zu schicken, ist oft aufwendiger als ein Über-Nacht-Versand innerhalb Deutschlands. Maximow merkt zudem an, dass Arcandor zwar gen Osten expandiere, auf anderen Auslandsmärkten aber praktisch nicht präsent sei. Marktbeobachter haben auch nicht vergessen, wie wenig einträglich die Trennung von Neckermann war. Ende 2007 hatte Arcandor 51 Prozent des Versandhauses an den US-Finanzinvestor Sun Capital abgegeben - zunächst ohne jede Gegenleistung. Kein gutes Zeichen für Quelle.

Den Gesamtkonzern Arcandor sehen viele Experten deshalb kritisch. Manche Beobachter plädieren bereits für eine Zerschlagung. “Der Konzern kann in der Konstellation von heute nicht überleben”, sagt Maximow. Das Wort Insolvenz sprechen Branchenkenner nur ungern offen aus. Einer, der nicht namentlich genannt werden möchte, sieht darin aber die einzige Chance für Arcandor. Nur so könne man Einkaufs- und Mietpreise neu verhandeln - und Teile des Konzerns retten.

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