Die Konjunktur auf Deutschlandreise
SPIEGEL ONLINE, 10. Juni 2009
Helfen ist nicht immer einfach: Die staatliche KfW-Bank reist mit einem Infobus durch die Republik - um das Konjunkturpaket der Bundesregierung zu bewerben. Beim Zwischenstopp in Hamburg fehlen allerdings ausgerechnet die, an die das Geld verteilt werden soll: die Unternehmer.
Hamburg - Die Station auf dem Hamburger Gerhard-Hauptmann-Platz ist ein Zwischenstopp im Herzen der Krise. Links Karstadt, rechts die HSH Nordbank. Auf der einen Seite das Warenhaus, dessen Mutterkonzern am Dienstag Insolvenz angemeldet hat. Auf der anderen Seite jene Landesbank, die die Länder Schleswig-Holstein und Hamburg nur mit einer Milliardenspritze vor dem Untergang bewahrten. Hier, auf dem Kopfsteinpflaster des hanseatischen Innenstadtplatzes, hat die staatliche KfW-Bank ihren Infobus geparkt.
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Über das Krisenpflaster weht eine Brise, Nieselregen tropft auf das kreischend orangefarbene Sprechblasen-Schild, auf dem die Frage steht: “Welche Unternehmen profitieren vom KfW-Sonderprogramm?”
Die Nachfrage bleibt mager
Um genau diese Frage zu beantworten, sind die Berater seit Ende Mai mit dem dunkelblauen Bus unterwegs. Unter dem Motto “Konjunktur auf Tour” informieren sie Bürger, Kleinunternehmer und Mittelständler über Hilfsangebote aus den Konjunkturpaketen des Bundes. Von Aachen bis Görlitz, von Flensburg bis Konstanz - bis Mitte Juli hält der umgebaute Linienbus mit Computerterminals und Gesprächsecke jeden Tag in einer anderen Innenstadt.
Nun steht Hamburg auf dem Fahrplan - ausgerechnet auf dem Platz neben Karstadt. Doch dieses Mal es geht nicht um die Großen, sondern um die regionale Wirtschaft. Für die hält die KfW viel Geld parat: Darlehen im Gesamtwert von 40 Milliarden Euro aus den Konjunkturpaketen darf das Institut an Firmen verteilen, um ihnen in der nicht selbst verschuldeten Krise zu helfen.
Und doch ist die Nachfrage - allem Krisengejammer zum Trotz - nicht nur in Hamburg mager. Bis Ende Mai gingen bundesweit Anträge auf Kredite über 4,95 Milliarden Euro ein, ein Zehntel der bereitstehenden Summe. Ausgezahlt hat die KfW bis dato erst 680 Millionen Euro - ein Grund mehr, den Deutschen per Rundreise die komplexen Konjunkturpakete hinterherzutragen.
Eine Stunde warten
Doch das ist gar nicht so einfach: Vor dem Infobus stehen selten mehr als zehn Personen gleichzeitig. Die KfW dennoch zufrieden, man ist offenbar mit niedrigen Erwartungen auf Tour gegangen. Will man mit einem der beiden Bankberater sprechen, muss man sich allerdings einen Termin für ein Gespräch unter Sonnenschirmen holen.
Und das bedeutet bis zu einer Stunde Wartezeit für Interessenten wie Klaus Baden. Er steht vor einer beruflichen Zukunft als Berater für Mietnebenkosten und sucht einen Existenzgründerkredit. Dafür benötigt er keine Millionen, 50.000 Euro würden ihm für den Aufbau einer kleinen Firma genügen. Am Bistrotisch neben ihm wartet Jens Hahlbrock. Er hat von seinem Vater ein altes Vier-Familien-Haus in der Holsteinischen Schweiz bei Malente überschrieben bekommen. Das will er nun auf Energieeffizienz trimmen - möglicherweise mit Hilfe der KfW. Im Konjunkturtopf des Instituts liegen für solche Anliegen 8,5 Milliarden Euro.
Einer der wenigen Unternehmer am Infobus ist Frank-Ulrich Müller. In der Firma Schiess-Defries aus Duisburg ist er für die Finanzen zuständig. “Zwei bis vier Mitarbeiter müssen vielleicht bald gehen”, erzählt er. Das Unternehmen mit 25 Beschäftigten konstruiert Schiffshebeanlagen, die Gewichte bis zu 400.000 Tonnen aus dem Wasser hieven und sie an Land seitwärts bewegen. Werften können damit den Kauf eines zusätzlichen Docks sparen - und bestellen trotz Krise bei Schiess-Defries.
Das Problem liegt denn auch anderswo: Drei bis fünf Anlagen verkaufe die Firma pro Jahr. Stückpreis 20 Millionen Euro. Mit bislang je einer Bestellung aus Algerien, Pakistan und Vietnam sei man 2009 gut im Geschäft. Wären nicht die Banken, die immer höhere Sicherheiten für Exportkreditgarantien verlangten, klagt Müller. Zuweilen bleibe deshalb von der Anzahlung eines Auftraggebers nichts im Unternehmen.
Psychologische Hemmschwelle überwinden
Offene Worte über die Nöte des eigenen Unternehmens, die vielen Chefs nicht leicht fallen. Bernd Reichart, Syndikus der Hamburger Handelskammer, hat beobachtet, dass bei kleineren Firmen oft “eine psychologische Hemmschwelle besteht, um Unterstützung zu bitten”. Wenn der eigene Betrieb, der mit viel Eigeninitiative aufgebaut wurde, in Schieflage gerate, redeten Chefs zuweilen die eigene Not klein und verpassten dadurch den optimalen Zeitpunkt für eine Hilfe. “Den Karren laufen zu lassen und dann, wenn ein Reifen platt ist, zur Bank zu sagen, pumpen Sie mal auf, das reicht nicht.”
Wer Hilfsangebote nicht kennt, fragt nicht danach - erst recht nicht auf dem Pflaster des Hamburger Gerhard-Hauptmann-Platzes. “Ein Konjunkturpaket ist doch relativ anonym”, sagt KfW-Mitarbeiter Holger Schwabe. “Die meisten kennen noch die Abwrackprämie, dann wird es schon dünn.” Wenn dann ein Kleinunternehmer selbst nicht genau Bescheid weiß und im Schlepptau seines Steuerberaters bei seiner Bank vorspreche, hinterlasse er nicht den besten Eindruck.
Doch nicht alle Wissenslücken über die Konjunkturpakete könne das KfW-Team auf Tour schließen, räumt Schwabe ein. “Wir können es aber schaffen, dass Bürger und Unternehmer dazu selbst qualifizierte Fragen stellen können.”
Krisenbewältigung ist eben nicht einfach.










