Ein Scheich übernimmt das Ruder
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Oktober 2009
Die Werft Blohm + Voss ist für viele Hamburger das Symbol des heimischen Welthafens: Dort liefen einst die größten Passagierschiffe vom Stapel. Dabei stammten die Gründer gar nicht aus der Hansestadt. Künftig übernimmt ein Scheich weite Teile des Traditionsunternehmens und mischt künftig als Partner von Thyssen-Krupp im Marinegeschäft mit.
HAMBURG, 15. Oktober. Die Schiffbauer sind derzeit Hamburgs größte Geheimniskrämer. Im Dock 10 der Werft Blohm + Voss liegt ein großer hellgrüner Kasten, der nur vage die Umrisse eines Bootes erahnen lässt. Die kantige Schale verhüllt ein Luxusobjekt, eine künftige Perle der Weltmeere. 162 Meter lang, strahlend weiß und angeblich 800 Millionen Euro teuer. Bestellt hat die Yacht der russische Milliardär Roman Abramowitsch. Kurz vor dem Weihnachtsfest will er per Hubschrauber bei Blohm + Voss einschweben und sein Prunkstück abholen.
Yachtbauer spüren die Flaute auf einer größeren Karte anzeigen
Über die Finessen, die sich der reiche Russe einbauen lässt, wird viel spekuliert. Topagent James Bond musste sich wohl auf seinen Film-Yachten mit weniger begnügen. Bullaugen, die Sprengstoffanschlägen standhalten, eine Raketenabwehr, ein Swimmingpool, dessen Tiefe verstellbar ist und ein Hubschrauber-Landeplatz mit Helikopter-Garage sollen zur Ausstattung gehören. Immer wieder soll der Milliardär neue Wünsche geäußert haben, die wohl nur der Russe selbst und der Schiffbauer kennen.
In anderer Sache sind die Spekulationen um Blohm + Voss indes beendet. Der Eigentümer Thyssen-Krupp trennt sich in weiten Teilen von dem Schiffbaustandort. Die Abu-Dhabi-Mar-Gruppe des Scheichs Hamdan Bin Zajed Al Nahjan steigt mit 80 Prozent ins Luxus-Yachten- und Reparaturgeschäft ein, im Marineschiffbau schließen Thyssen-Krupp und der Scheich eine Kooperation als gleichberechtigte Partner. Das Geschäft zeichnete sich ab, seit Thyssen-Krupp seinen Ausstieg aus dem zivilen Schiffbau angekündigt hatte. Die Emdener Nordseewerke sollen aus dem Konzern gelöst und an den Stahlbauer Siag abgegeben werden. Auch dabei schwieg Thyssen zu Blohm + Voss. Dort mussten offenbar die Verhandlungen abgeschlossen werden.
Für Hamburg ist der Besitzerwechsel ein Einschnitt. Die Werft liegt an der Elbe gegenüber den Landungsbrücken, an denen Touristen auf Barkassen und Raddampfer stöckeln. Die am Hafenrand auf Stelzen fahrende U-Bahn ist quasi die Zuschauertribüne für den Betrieb. Er ist Symbol des Welthafens, mehr noch als die großen Containerterminals, die einige Kilometer elbabwärts liegen. Die Hanseaten sind seit Jahrzehnten stolz auf Blohm + Voss, viele von ihnen sprechen von “ihrer” Werft. Dabei waren die Gründer Hermann Blohm und Ernst Voss keine Hamburger - und erhielten daher anfangs wenig hanseatische Zuneigung.
Den Senat der Stadt konnten der Lübecker Blohm und der in Dänemark geborene Voss 1877 nur mühsam von ihrem Plan überzeugen, große Dampfer an der Elbe zu bauen. Schließlich ließen die Stadtoberen die jungen Unternehmer gewähren - aber nur am der Stadt gegenüberliegenden Ufer auf der Flussinsel Kuhwerder, die damals mehr Sumpf als trockener Boden war. Zu allem Übel ignorierten die Hamburger Reeder zunächst das Werben der Schiffbauer und bestellten ihre Dampfer weiterhin in England.
Blohm und Voss bauten trotzdem Schiffe - mit dem Geld, das Vater Georg Blohm seinem Sohn als Startkapital mitgegeben hatte. Irgendwer würde sich schon finden, der einen Frachter abnehmen würde. Das waghalsige Unterfangen drohte in einer gewaltigen Pleite zu enden, doch als die ersten Schiffe schwammen, fassten die Hamburger Reeder Vertrauen und bestellten fortan direkt vor Ort. Angetrieben vom wirtschaftlichen Aufschwung im Deutschen Reich und der erstarkenden Seeschifffahrt, wuchs die Werft, 30 Jahre nach der Gründung pachteten die Schiffbauer 560 000 Quadratmeter zusätzliches Land, um die damals weltgrößte Werft zu schaffen. Blohm + Voss wurde zum Hamburger Symbol der Industrialisierung, die größten Passagierdampfer der Welt liefen dort vom Stapel.
Auch die Kaiserliche Marine gab ihre Schlachtschiffe bei Blohm + Voss in Auftrag. Kaiser Wilhelm II. besuchte die Werft persönlich. Und die nationalsozialistischen Herrscher ließen Kampfschiffe und U-Boote im Herzen Hamburgs bauen. Damals arbeiteten 20 000 Beschäftigte bei Blohm + Voss - darunter auch viele Zwangsarbeiter. Nach Kriegsende folgte die Demontage durch die Alliierten: Anlagen wurden gesprengt, Räume ausgeräumt, sogar das Geschirr aus der Werftküche nahmen die Besatzer mit. Ein Neustart unter altem Namen blieb den Schiffbauern zunächst versagt. Ab 1950 firmierte die Werft unter dem Namen “Steinwerder Industrie”, erst 1955 gab man dem Betrieb den Namen Blohm + Voss zurück.
Eine Episode in der Unternehmensgeschichte blieb der Flugzeugbau. Ein Fertigungsstandort ist aber bis heute erhalten. Wo heute der Airbus A380 zur Endausstattung landet, hoben einst die Flugboote der Werfttochter Hamburger Flugzeugbau (HFB) zu Testflügen ab. Vom Aufstieg des europäischen Boeing-Konkurrenten profitierte die Familie Blohm nicht mehr. In den siebziger Jahren verkaufte sie ihre Unternehmensbeteiligung.
Und beim Schiffbau musste Blohm + Voss zahlreiche Rückschläge hinnehmen. Der Niedergang der deutschen Schiffbauindustrie prägt seit Jahrzehnten die Geschichte der Werft. Passagierdampfer und Frachter laufen längst nicht mehr in Hamburg vom Stapel. Die Konkurrenz aus Asien ist zu stark geworden. Großaufträge der deutschen Marine sicherten dem Standort seitdem das Überleben.
Daneben hat sich Blohm + Voss zwei lukrative Standbeine geschaffen. Beim Bau von Luxusyachten für Abramowitsch und andere Milliardäre aus aller Welt hat das Unternehmen die Führungsposition übernommen. Und niemand renoviert so schnell mondäne Kreuzfahrtschiffe wie die Hamburger. Ein hanseatischer Betrieb ist Blohm + Voss jedoch seit Jahren nicht mehr. 2004 rückte die Werft mit HDW Howaldtswerke Deutsche Werft unter dem Dach von Thyssen-Krupp zusammen. Langfristig sollte mit französischen Schiffbauern nach dem Vorbild Airbus ein europäischer Konzern geschmiedet werden - quasi ein EADS der Meere. Dazu kam es nie. Nun geht auch Blohm + Voss, bislang Herzstück des Verbunds mit dem Sitz der Zentrale, in ausländische Hände.










