Yachtbauer spüren die Flaute
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.Oktober 2009
Die Messe Hanseboot beginnt mit weniger Ausstellern, aber vielen Neuheiten. Gute Geschäfte werden erst wieder in zwei Jahren erwartet.
HAMBURG, 23. Oktober. Bei jeder Welle sprüht Gischt als feiner Nebel auf die Kleidung, Hände greifen an die Reling, um das Rollen abzufangen. Die computergesteuerte Simulatorkabine auf der Hamburger Wassersportmesse Hanseboot schaukelt wie eine Yacht bei Windstärke sieben. Die Crew - zehn Messebesucher in einem schwankenden Kasten - erleben Wassersport mit allen Sinnen. Vor ihren Augen läuft ein Film vom Volvo Ocean Race, sie hören Wellen brechen und irgendwie riecht das Wasser auch.
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In der Halle B5 ähnelt die bis zum 1. November dauernde Branchenschau einem Freizeitpark. Torsten Conradi, der Präsident des Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verbandes (DBSV), sagt dazu: “Wir verkaufen nicht nur Produkte, sondern ein Lebensgefühl.” Und dazu gehören halt Wind, Wasser und schwankender Boden, der zuweilen unter den Füßen wegsinkt. Wer zwischen Wellenbergen schief auf der Simulatorbank hängt wie ein Segler bei der Halse, der kauft vielleicht eher eine Yacht und hilft damit den Bootsbauern aus dem Konjunkturtal.
Zum 50. Mal können Skipper in Hamburg die Hanseboot entern. Doch zum Jubiläum fällt das maritime Angebot kleiner aus. Rund 1000 Boote sind ausgestellt, 200 weniger als 2008. 100 Unternehmen, die vor einem Jahr ihre Produkte auf der wichtigen Herbstschau der Branche zeigten, blieben weg; zwei Messehallen stehen leer.
“Boote sind eine wunderschöne Nebensache, aber sie sind nicht notwendig”, sagt Conradi. Statt schwimmende Apartments mit Teakholz, elektrischen Winden und Messingarmaturen in der Kajüte anzuschaffen, vertagten viele Skipper den Yachtkauf. “Im Durchschnitt mussten die Boots- und Schiffbauer 40 Prozent Rückgang beim Absatz hinnehmen”, sagt Messe-Geschäftsführer Bernd Aufderheide.
Auch die deutschen Branchengrößen Bavaria aus Giebelstadt bei Würzburg und Hanseyachts aus Greifswald spürten den Abschwung. Zu Spitzenzeiten liefen bei den Franken täglich zwölf Segelyachten und fünf Motorboote vom Band, derzeit sind es halb so viele. “Wir schreiben aber schwarze Zahlen im operativen Geschäft”, fügt Bavaria-Verkaufsleiter Mike Reuer hinzu. Hanseyachts fuhr nach vorläufigen Zahlen im zum 31. Juli beendeten Geschäftsjahr einen Verlust von 21 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern ein. Einmaleffekte belasteten das Ergebnis. Im Vorjahr hatten die Vorpommern aber noch einen Gewinn von 7,8 Millionen Euro gemeldet. Kleinere Anbieter hatten es noch schwerer. Der Bootsbauer Dehler schlüpfte unter das Dach von Hanseyachts.
Doch die Branche sieht sich auf dem Weg in ruhigeres Fahrwasser. “Die Stimmung ist hoffnungsvoll”, sagt Verbandspräsident Conradi. Schon bei der Friedrichshafener Interboot im September notierten die Bootsbauer wieder mehr Bestellungen. “Es wird aber zwei bis drei Jahre dauern, bis die Branche wieder gute Ergebnisse erzielt”, prognostiziert Conradi.
Mit 80 Neuvorstellungen buhlen die Yachtbauer auf der Hanseboot um Kunden. Der Trend geht zu sportlicheren und komfortableren Modellen. “Der Kunde erwartet mehr Lifestyle”, sagt Reuer. Für schnittigere Rumpfkonstruktionen holte die Firma sogar Rat von BMW-Konstrukteuren. Hanseyachts setzt auf Neuerungen bei der Ausstattung. “Die Käufer wünschen die Boote nicht unbedingt luxuriöser, aber bequemer und sicherer”, sagt der Greifswalder Marketingleiter Jörn Bock. Derzeit entwickelt das Unternehmen einen elektronischen Einparkassistenten für Segelyachten.
Trotz neuer Technik an Bord werden die Preise für Yachten vorerst kaum steigen, Zwei Drittel der Unternehmen wollen laut einer Umfrage des DBSV den Käufern nicht mehr Geld abverlangen. Denn die Kunden achten stärker auf den Preis. Hanseyachts steigerte zuletzt die Verkaufszahlen mit limitierten Sonderserien, auf Extras geben die Vorpommern Nachlässe von bis 60 Prozent.
In Halle B5 haben die Besucher nach fünf Minuten simulierter Regatta klamme Jackenärmel und einen Eindruck, wie sich Hochseesegeln anfühlt. Dann können sie sich in den Nachbarhallen Yachten widmen, die trocken und fest verankert stehen. Am wenigsten kostet das 24 000 Euro teure Standardmodell für Binnenseen. Zu bestaunen ist aber auch die 21-Meter-Yacht für 4,3 Millionen Euro - und sei es bloß, um eine Ahnung von luxuriösen Ozeantouren zu bekommen.










