Nur eine kann gewinnen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Oktober 2009
Der Verleger Heinz Bauer wird siebzig und stellt die Weichen für die Zukunft seines Presseimperiums. Die vier Töchter sollen es richten. Eine Favoritin für die Konzernspitze gibt es schon.
“Halten Sie die Füße still”, rät das Horoskop des Magazins “InTouch” den Skorpionen. Der Verleger des Blattes, Heinz Bauer, ist Skorpion. Genau am Ende dieser astrologisch empfohlenen Geduldsphase feiert er seinen siebzigsten Geburtstag. Glücklicherweise hat sein Verlag, die Bauer Media Group, erst einen Tag später - am Donnerstag - die Journaille zum jährlichen Rück- und Ausblick geladen. Denn dann gibt - laut Horoskop - “Karriere-Merkur das Go für neue Projekte oder die Umsetzung von Ideen”.
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Auf Zukunftsprognosen der Astrologie mag Bauer als gläubiger Kirchgänger nicht viel geben. Er arbeitet langsam, aber konsequent daran, sein Imperium mit “Tina” und “Laura”, “TV Movie” und “Fernsehwoche”, “Selbst ist der Mann” und “Alles für die Frau” - insgesamt 282 Zeitschriften in fünfzehn Ländern - gut bestellt an die nächste Familiengeneration zu übergeben. “Mein Nachfolger wird eine Frau”, sagte er schon vor Jahren. Nicht gerade eine überraschende Ankündigung für einen Mann, der vier Töchter hat und auf Tradition schwört.
Seit dem Sommer gilt Yvonne Bauer, mit 32 Jahren die Zweitjüngste, als Favoritin. Anfang Juli holte der Vater sie als bislang einzige der Schwestern in die Verlagsleitung. “Ich hoffe, dass sich Yvonne gut einarbeitet und auch meine anderen Töchter weiter Spaß haben, sich einzubringen”, kommentierte der sonst schweigsame Patriarch diesen Schritt in einem “Spiegel”-Interview. Die Kronprinzessinnenkür hat aber wohl erst begonnen. “Im Moment ist nur eine in der Konzernleitung, ob das so bleibt, hängt auch von den Ambitionen der anderen ab”, schob Bauer nach. Für den Ernstfall habe er vorgesorgt, wolle aber nicht sein Testament vorlesen.
In anderen Familien lösen solche Vaterworte Geschwisterfehden aus, aus dem Hause Bauer ist kein Zickenterror überliefert. Mitarbeiter berichten, dass die Frauen nach Feierabend gern mal zusammensitzen - im Restaurant Weinhexe gegenüber der Verlagszentrale in der Hamburger Burchardstraße. Das Quartett ist entspannt, schließlich hat der Vater jeder Tochter einen Platz im Unternehmen versprochen. Doch nur eine wird den Chefposten bekommen.
Lange galt Mirja Bauer, die Älteste, als die geborene Nachfolgerin. Doch die einzige verheiratete Tochter des Verlegers - Ehemann Sven-Olof Reimers verantwortet die Internetaktivitäten bei Bauer Digital - muss sich auch um ihre beiden Kinder kümmern. Unter Mitarbeitern geht das Gerücht um, sie habe sich schon beklagt, wie schwer sich Familie und Beruf im Verlag vereinbaren ließen.
Der Jüngsten, Saskia Bauer, die dem Vater beim wachsenden Auslandsgeschäft assistiert, werden allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt. Und Nicola Bauer gilt mitunter als sehr eigenwillig. Dem Vater dürfte es kaum gefallen haben, dass im Dezember das Amt für Arbeitsschutz in ihre Redaktion einmarschierte und vorübergehend eine elektronische Zeiterfassung anordnete. Eine ehemalige Mitarbeiterin hatte angezeigt, bei “Life & Style” würde oft bis Mitternacht getextet und layoutet.
Bleibt Yvonne Bauer, Typ Barbour-Jacken-Modell. Sie gilt als allürenfrei, bewies aber unternehmerischen Biss. Sie legte den Sumpf in der Abonnement-Abteilung des Verlags trocken, wo ein zwielichtiger Vermittler und wohl auch Bauer-Mitarbeiter mit gefälschten Bestellungen Provisionen in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten. Zuletzt tauchte ihr Name im Zusammenhang mit Bauers Attacken gegen das Presse-Grosso auf, ein Heiligtum des deutschen Medienvertriebs, das Tankstellen und Supermärkte mit Zeitschriften beliefert. Mit harten Bandagen kämpfte der Verlag für bessere Konditionen. Denn an den Illustriertenregalen entscheidet sich Bauers wirtschaftlicher Erfolg. Das Unternehmen finanziert sich im Vergleich zu anderen Verlagen stärker durch den Verkauf der Hefte und weniger durch Anzeigen. Doch Bauers Zugpferde leiden unter Auflagenrückgängen - die Fernsehtitel, seit jedermann im Internet nachlesen kann, wann welcher Spielfilm beginnt, und die Klatschpostillen, seit Nachahmer ähnliche Heftchen auf den Markt schleudern.
Dennoch behauptet sich der Verlag, denn kein anderer versteht es so gut, viele Titel in großer Stückzahl zu geringen Kosten auf den Markt zu bringen. Manchem gilt Bauer deswegen als “Billigheimer” der Branche. Aber das sei “bloß ein Schlagwort, um unseren Erfolg herunterzureden”, kontert der Verleger. Doch teure publizistische Aushängeschilder spart er sich. Aus Politik und Wirtschaft hält sich Bauer heraus. Als der Burda-Verlag mit “Focus” den “Spiegel” angriff, plante zwar auch er ein Nachrichtenmagazin. An den Kiosk kam “Ergo” nie. Im letzten Jahr beendete Bauer das Siechtum der Wirtschaftstitel “Wertpapier” und “Geldidee”. Anspruchsvolle Neuschöpfungen wie das Öko-Magazin “Chancen” und das Zeitgeistmagazin “Wiener” waren da schon längst gestorben. Mit der “Magdeburger Volksstimme” hält der Verlag nur eine Tageszeitung.
Bauers Engagement auf dem Fernsehmarkt blieb ein Konjunktiv, obwohl er viele Anläufe nahm. Schon 1984 beteiligte er sich an Sat.1, 1995 am Frauensender tm3. Beide Male zog er sich wieder zurück. Sein größter Coup hätte nach der Pleite von Leo Kirch die Übernahme der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe werden können. Damit wäre Bauer zum Gegenspieler von Bertelsmanns RTL-Gruppe aufgestiegen. Doch als der schillernde Medienunternehmer Haim Saban aus Beverly Hills eine höhere Offerte vorlegte, scheute der Verleger einen Bieterwettstreit. Geblieben ist ihm bis heute ein 32-Prozent-Anteil an RTL 2.
Sicherer bewegt sich der Verlag auf vertrautem Terrain. Mit neuen Zeitschriften polierte das Unternehmen an seinem Image. Das 2005 gestartete People-Magazin “InTouch” gilt mit 380 000 verkauften Exemplaren als erfolgreiche Innovation - weniger elitär als die “Gala”, jünger als die “Bunte”, aber erwachsener als die “Bravo”. Auch seine Klatschblätter will der Verlag aufwerten. “Neue Post”, “Das Neue Blatt” und “Das Neue” - die Illustrierten, die ihren Aktualitätsbeweis im Namen führen - fasst Bauer unter der Marke “Premium Yellow” zusammen. Außerdem experimentiert er mit einem Fanzine für ältere Leser. “Neue Post Stars” widmet sich nur einem Schlagerbarden oder Volksmusiker pro Ausgabe und liegt für stolze 6,50 Euro am Kiosk.
Doch inzwischen wächst die Sorge, dass die Knauserigkeit zurückkehrt. Vor wenigen Wochen mussten die Chefredakteurinnen von “Bella”, “Mach mal Pause” und “Alles für die Frau” gehen, ihre Hefte wurden zu Schwestern von “Tina” und “Laura”. Deren Chefinnen erledigen künftig den Job der Geschassten mit. Außerdem schließt Bauer seine Druckerei in Köln. Laut Betriebsrat wird künftig billiger gedruckt - am verlagseigenen Standort im polnischen Nowogrodziec.
Die Bauer Media Group wird internationaler. Mehr als die Hälfte der rund 6600 Beschäftigten arbeitet schon im Ausland. Und wenn Heinz Bauer am Donnerstag seine Bilanz für 2008 vorlegt, wird er dort erstmals mehr eingenommen haben als in Deutschland. Der Kauf der Titel vom britischen Emap-Konzern machte ihn im vergangenen Jahr zum größten Verleger von Publikumszeitschriften auf der Insel.
Bauer genießt den Erfolg. “Wann ich keine Lust mehr habe oder nicht mehr fit genug bin, weiß ich doch jetzt nicht”, sagte er dem “Spiegel”. Offenbar bereitet er das Haus aber schon für die Zukunft vor. Die Gründung von acht GmbHs mit Namen wie Bauer Programm, Bauer Lifestyle oder Bauer Food ist ein Indiz. Sie sollen künftig wohl als Muttergesellschaften für die Redaktionen dienen und seinen Töchtern die Nachlasspflege erleichtern. Was Bauer genau mit ihnen plant, hat er aber bislang nicht verraten.










