Samstag, 22. Mai 2010

Ein Prachtbau für den Weltruhm

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Mai 2010

So berühmt wie die Oper von Sydney soll Hamburgs Elbphilharmonie werden. Die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. Auf der Baustelle herrscht Missstimmung - seit Jahren.

Von Timo Kotowski

HAMBURG, 21. Mai.

Die größte Spur ist 1,70 Meter breit und erstreckt sich über vier Etagen. Beton und Zement sind heruntergeleckt auf der Baustelle der Hamburger Elbphilharmonie. Die Architekten aus dem Schweizer Büro Herzog de Meuron haben die Schmutzspuren in einer Schadenskarte eingetragen: Ein Grauschleier bedeckt die denkmalgeschützte Fassade des Kaispeichers A, der durch einen gigantischen Glas- und Stahlaufsatz zur Konzerthalle von Weltrang erhoben werden soll. Von Harmonie auf der Baustelle kann ausgerechnet zum Richtfest am 28. Mai keine Rede sein.

Die Kosten für den Prachtbau sind aus dem Ruder gelaufen. Erst sollten es 95 Millionen Euro sein, dann 114, mittlerweile muss die Stadt 323 Millionen Euro aus der öffentlichen Kasse zahlen. Auch der Zeitplan bis zur Eröffnung ist kaum noch zu halten. Man gehe davon aus, „dass die Gesamtfertigstellung mit einer Verspätung von circa einem Jahr, das heißt erst Ende 2012, erreicht wird“, faxte der Baukonzern Hochtief in die Hansestadt. Dazu kommt der Vorwurf, auf der Baustelle entstehe mehr Pfusch als Weltklasse.

Dabei wünschten sich Hamburgs Politiker und Bürger ein einmaliges Konzerthaus, so berühmt wie die Oper von Sydney. Die Pläne für die Krönung des Kaispeichers entwarfen die Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die auch die Münchner Allianz-Arena und das Pekinger Olympiastadion planten. Für die Akustik wurde der japanische Meister Yasuhisa Toyota angeheuert, schließlich will man klanglich in die Top Ten aufsteigen - insgeheim sogar ganz an die Weltspitze.

Beim Bau läuft es aber so wenig glatt, wie es die doppelt gewölbten Spezialscheiben der Glasfassade sind. Die Mängelliste der Architekten ist erschreckend. Den übergelaufenen Zement kratzte Hochtief mit Stemmeisen von der Mauer. Gutachter der Architekten diagnostizierten eine „starke Zerstörung der Ziegeloberfläche“, im Mai unterband die Stadt die Schürfarbeiten. Doch der Schadenreport ist noch länger: Luftblasen in Betonträgern, schiefe Metallverbindungen und überschrittene Bautoleranzen, die die Statik gefährden könnten. Hochtief kontert, es gebe „keine sicherheitsrelevanten Mängel“. Der Vorstandsvorsitzende Herbert Lütkestratkötter klagt, die Architekten hätten Punkte zusammengetragen, die teilweise bekannt und behoben seien.

So klingt der philharmonische Streit in Hamburg, der Mängelkatalog ist nur eine Episode. Auf der Baustelle herrscht Missstimmung - seit Jahren. Wechselseitig werfen sich Architekten und Baukonzern vor, Termine nicht einzuhalten, schöngeistige Ergänzungen zu fordern oder schlicht schludrig zu arbeiten. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld.

Verantwortung dafür trägt auch die Stadt, die sich für das Projekt auf ein ungewöhnliches Dreiecksverhältnis eingelassen hat. Die Architekten sind als Generalplaner engagiert, die Hochtief-Beteiligung Adamanta als Generalunternehmer. Beide stehen jeweils nur bei der Stadt in der Pflicht, zwischen ihnen gab es nie eine rechtliche Verbindung und schnell auch keine freundschaftliche mehr.

Stattdessen eskaliert der Streit. Hochtief und Herzog de Meuron fürchten um ihren Ruf. In der Kritik stehen aber auch städtische Planer und Politiker bis hin zum Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU). „Oles Mausoleum“, spottet mancher Barkassenkapitän, wenn er Touristen an der Baustelle vorbeischippert. Der Hamburger SPD-Finanzexperte Peter Tschentscher - zugleich Vorsitzender des jüngst eingerichteten parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Elbphilharmonie - moniert, das Stadtoberhaupt habe mehr als einmal eingegriffen, was der Stadt und ihren Steuerzahlern nun zum Nachteil gereiche.

Der erste Fehler war, dass der Senat den Bau ausschrieb und vergab, obwohl das Projekt nicht komplett durchgeplant war. Warnungen der Architekten verhallten. Die Hamburger waren zu begeistert von der Elbphilharmonie - allen voran der architekturverliebte von Beust. Er wollte das Prestigeobjekt als beschlossene Sache in den Bürgerschaftswahlkampf 2008 tragen, um die absolute Mehrheit der CDU zu verteidigen. Das Wahlziel verfehlte er, doch der Bau wuchs - und gleichzeitig die Kosten.

Die Gipsverkleidung für den Konzertsaal war nur für das Doppelte des veranschlagten Wertes zu kaufen, hinzu kamen: „kleine Änderungen“ auf Wunsch des städtischen Konzerthallenbetreibers für 91.000 Euro, Küche und WC für das Sicherheitspersonal für 12.000 Euro, geänderte Haltepunkte und Kabinen der Aufzüge für mehr als 100.000 Euro. Im Detail wenig, in der Summe ein dreistelliger Millionenbetrag. Die Öffentlichkeit murrte, Hochtief forderte mehr Geld, der damalige städtische Projekt-Verantwortliche Hartmut Wegener leistete dem Konzern Widerstand, im Herbst 2008 stand die Elbphilharmonie vor dem Ende.

Der neue schwarz-grüne Senat wagte einen Kehraus. Wegener musste seinen Posten räumen. Als Nachfolger holte der Regierungschef Heribert Leutner, der schon unter Wegener drei Jahre für die Philharmonie verantwortlich war. Mit dem harten Kurs gegenüber Hochtief war es dann vorbei. 20 Millionen Euro Nachschlag bekamen die Architekten. 137 Millionen gingen an Hochtief. Frieden erkaufte sich Hamburg damit nicht. Bis heute sind neue Nachforderungen über 26,7 Millionen Euro eingegangen.

Der Senat pries den Nachtrag dennoch als „ökonomisch günstigste Handlungsalternative“. Das werde sich im Untersuchungsausschuss ganz anders darstellen, kündigt SPD-Experte Tschentscher an: „Die Stadt hat sich über den Tisch ziehen lassen.“ Es klingt wie eine Mahnung: Leutner wäre nicht der erste Chef der Realisierungsgesellschaft Rege, der wegen des Konzerthauses in Bedrängnis gerät. Ohnehin wächst die Verwunderung über seinen zahmen Kurs gegenüber Hochtief. Auf den Mängelbericht der Architekten antwortete er lapidar, der Konzern habe zugesagt, die Probleme zu beseitigen. Warum er erst Monate nach der Warnung von Herzog de Meuron das Abklopfen der Kaispeicher-Fassade stoppte, dazu blieb die Rege eine Antwort schuldig.

Nächste Woche feiert Hamburg Richtfest - unterlegt mit Misstönen. „Ich sehe weder Harmonie auf der Baustelle noch für den Steuerzahler“, sagt Tschentscher. Mittlerweile wächst die Sorge, der Streit könnte über das für 2013 erwartete Eröffnungskonzert hinaus andauern. Hochtief übernimmt laut Vertrag für 20 Jahre den Unterhalt des Gebäudes, so hat es die Stadt vereinbart. Der Konzern bekommt dafür Jahr für Jahr eine Millionenrate, doch auch diese hat Hamburg schon einmal erhöht.

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