„Die Elbphilharmonie hat mehrere Lecks“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Mai 2010
Die Elbphilharmonie sollte zum Wahrzeichen Hamburgs werden. Doch bisher fällt das Projekt nur durch große Kostensteigerungen, Terminverzögerungen und Baumängel auf. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, sagt der Architekt. Im Gespräch: Pierre de Meuron, Gründer und Partner des Baseler Architekturbüros Herzog & de Meuron.
Herr de Meuron, wie gern kommen Sie noch nach Hamburg?
Ich komme nach wie vor mit großer Überzeugung und großer Kraft nach Hamburg. Wir leisten unseren Beitrag, dass die Hamburger ihre Elbphilharmonie so erhalten, wie sie sie sich wünschen.
Die Kosten für die Stadt haben sich inzwischen auf 323 Millionen Euro verdreifacht. Warum wird die Elbphilharmonie so viel teurer als geplant?
Nach der Vergabe des Bauauftrags an den Generalunternehmer Hochtief gab es zusätzliche Wünsche der Investoren und Nutzer, zum Beispiel nach einem dritten Konzertsaal und mehr Geschossen. Das Projekt bekommt dadurch einen Mehrwert, der auch einen Mehrpreis zur Folge hat. Aber nur einen Teil der Mehrkosten können wir uns so erklären; die Gesamthöhe ist für uns nicht nachvollziehbar. Warum immer wieder die Fassade und die Lüftungskanäle über dem großen Konzertsaal als Begründung angeführt werden, verstehen wir nicht. Seit der Ausschreibung im Jahr 2006 hat sich hier nichts geändert. Im Übrigen haben wir keinen Einblick in alle Verhandlungen zwischen Stadt und Hochtief.
Haben Sie auch Fehler in diesem Prestigeprojekt gemacht?
Niemand ist fehlerfrei. Wenn man einen Fehler macht, muss man offen mit den Partnern darüber sprechen und die Probleme gemeinsam lösen. Bei der Elbphilharmonie war die Kommunikation bis jetzt nicht optimal.
Woran liegt das?
Wir haben bei der Elbphilharmonie keine gängige Vertragskonstellation. Es gibt einen Auftraggeber und zwei Auftragnehmer – einer davon sind wir, die Arbeitsgemeinschaft Herzog & de Meuron mit Höhler & Partner. Der zweite ist Hochtief. Zwischen den beiden Auftragnehmern gibt es keine Vertragsbeziehung. Wir sind nicht weisungsbefugt gegenüber dem Generalunternehmer. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mängel auf der Baustelle berichten wir an den Bauherrn. Der Bauherr leitet diese Berichte an den Generalunternehmer weiter und muss für die Mängelbeseitigung sorgen. Ein weiteres Problem ist, dass wir zwar den Titel Generalplaner tragen, in Wahrheit aber auch Hochtief erhebliche Planungsaufgaben hat, übrigens auch beim großen Konzertsaal. Diese schwierige Vertragskonstellation war vorgegeben. Wir haben sie akzeptiert, dem Projekt zuliebe.
Sie beklagen eine ganze Reihe von Baumängeln. Wie gravierend sind diese?
Wir stehen für Qualität und nicht dafür, irgendjemanden schlecht zu machen oder Öl ins Feuer zu gießen. Aber wenn wir auf der Baustelle etwas sehen, was nicht dem entspricht, was gezeichnet, geplant und gerechnet wurde, müssen wir den Finger heben. Das ist unsere Pflicht. Es gibt zunächst Mängel in ästhetischer Hinsicht. Zum Beispiel entspricht der Beton an vielen Stellen nicht der vorgegebenen Qualität. Seit einiger Zeit beobachten wir, dass die Mängel immer schwerwiegender werden. Dabei besorgt uns vor allem die Qualität des großen Konzertsaals. Der Saal ist so konstruiert, dass kein Schall nach außen zu den nahen Wohnungen und dem Hotel dringt. Umgekehrt darf kein Schall von außen nach innen dringen, auch kein Schiffshorn. Die Umsetzung der Planung erfordert jedoch exaktes Arbeiten. Wir haben an der Außenschale des Saals jetzt Schwachstellen entdeckt. Dort ist nicht richtig betoniert worden. Es gibt Hohlräume, durch die der Schall durchsickern kann. Das ist wie mit jedem Gefäß: Wenn es irgendwo ein Leck hat, fließt Wasser heraus. Und die Elbphilharmonie hat mehrere Lecks. Das Herzstück des Projekts, der große Konzertsaal, ist damit gefährdet. Das können wir nicht zulassen.
Lassen sich die Mängel noch beheben?
Ja, aber das muss schnell geschehen. Wenn erst alles zugebaut ist, kann niemand mehr erkennen, wo die Lecks sind, geschweige denn, sie beheben.
Hochtief will sich offenbar jeglichen Mehraufwand von der Stadt vergüten lassen. Müsste Hochtief die Kosten für die Behebung selbstverursachter Baumängel nicht selbst tragen?
Die Kosten einer solchen Mangelbeseitigung trägt immer das Bauunternehmen. Es gibt Pläne, und die gilt es umzusetzen. Egal, ob man dafür zwei oder drei Anläufe braucht.
Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust sagt, alle Beteiligten hätten die Komplexität des Projekts unterschätzt. Sie auch?
Nein. Wir wussten alle, dass dieses Projekt in seiner Bedeutung für eine europäische Metropole einmalig und in seiner besonderen Konstruktion anspruchsvoll ist. Aber die Art und Weise, wie man hier miteinander umgeht, ist nicht normal. Allein der Schriftverkehr! Hier werden tausende von Briefen hin- und hergeschoben. Einige davon sind notwendig. Die meisten hingegen nicht. Probleme löst man doch am besten im Gespräch.
Haben Sie ähnliche Auseinandersetzungen wie in Hamburg schon bei anderen Großprojekten erlebt?
Nein. Die meisten Projekte haben gute Seiten und schwierige Seiten. Wir kennen die besondere Verantwortung, die eine öffentliche Hand gegenüber den Bürgern und Steuerzahlern hat. Die Entwicklung in Hamburg ist mehr als bedauerlich. Derartige Kostenssteigerungen und Terminverzögerungen habe ich in den 32 Jahren unserer Bürotätigkeit nie erlebt. Von der Allianz-Arena in München über das Olympia-Stadion in Peking und das Tate Modern Museum in London: All diese großen Projekte haben wir termin- und kostengerecht abgeschlossen. Nicht zuletzt deshalb hat uns die Tate einen weiteren Auftrag erteilt. Wir bauen jetzt die Erweiterung der Tate Modern.
Hochtief wirft Ihnen vor, mit den Planungsunterlagen im Verzug zu sein. Was sagen Sie dazu?
Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Wir haben unsere Pläne termin-, sach- und fachgerecht abgegeben. Das wurde uns von unabhängiger Seite bestätigt.
Wann wird die Elbphilharmonie fertig sein?
Im November 2008 gab es einen Terminplan. Danach sollte die Elbphilharmonie Ende 2011 fertig sein. Im Januar dieses Jahres hat Hochtief angekündigt, dass sich die Bauzeit um 13 Monate verlängert. Erklären können wir uns das nicht. Hochtief hat dafür keine nachvollziehbare Begründung geliefert. Noch immer fehlt ein detailliert fortgeschriebener Terminplan. Wir können momentan mehrere Monate Verspätung erkennen. Einige davon könnte man sicher – sofern alle an einem Strang ziehen – aufholen.
Wie viel wird der Bau am Ende kosten?
Die beschriebene vertragliche Konstellation macht es uns unmöglich, heute eine Endsumme zu nennen. Wir sind leider nicht Herr des Verfahrens.
Wie viel verdienen Sie an der Elbphilharmonie?
Bei diesem Projekt übersteigt der Aufwand, den wir betreiben müssen, das Honorar.
Würden Sie in der Zukunft noch mal mit Hochtief zusammenarbeiten?
Man soll niemals nie sagen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es sicher nicht unser beliebtester Partner.
Das Gespräch führten Timo Kotowski und Johannes Ritter.










