Der Kontrast an der Freenet-Spitze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juli
Christoph Vilanek hat den Strategieschwenk des Mobilfunkkonzerns vollendet und sucht nun neue Geschäftsideen.
Auf der Hauptversammlung des Mobilfunkkonzerns Freenet, die an diesem Dienstag im Hamburger Kongresszentrum stattfindet, soll es zügig vorangehen. Das hofft zumindest der Vorstandsvorsitzende Christoph Vilanek. Schließlich läuft am Abend das erste Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft im Fernsehen. Anpfiff ist um 20.30 Uhr - bis dahin sollen alle Stimmkarten ausgezählt sein. Seit Vilanek vor 14 Monaten den Chefposten bei Deutschlands drittgrößtem Mobilfunkanbieter übernahm, ist es ruhiger um den Konzern geworden. Es gab keine offenen Fehden mehr zwischen Großanteilseignern und Konzernleitung und auch keine Hauptversammlung mit Generalabrechnung bis in die Nacht hinein. Vilaneks Vorgänger, der streitbare Eckhard Spoerr, trat Ende 2008 auf Druck einiger Großaktionäre ab.
“Christoph wer?” Das mag sich mancher Branchenbeobachter gefragt haben, als Vilanek antrat. Der Betriebswirt aus Innsbruck war weitgehend unbekannt, hatte in der Mobilfunkbranche nur auf Posten in der zweiten Reihe gearbeitet. Zuletzt beim Konkurrenten Debitel, den noch Spoerr Freenet einverleibt hatte. Vilanek war auf dem Absprung zu einem neuen Arbeitgeber, als der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Thoma, Ex-RTL-Chef und ebenfalls Österreicher, ihn für den Spitzenposten zurückholte.
Vilanek ist der personifizierte Kontrast zum Manager des New-Economy-Aufschwungs. Am Samstagmorgen mäht er den Rasen hinter seinem Haus in München, das er im Advent mit Weihnachtsbeleuchtung dekoriert. Er begeistert sich für Fußball; das Online-Netzwerk Facebook findet er “genial”; und er tippt leidenschaftlich gern auf Handys herum. “Ich bin der halbinteressierte Nutzer”, kokettiert er. Vilanek will wohl eher sagen, dass Leute, die so sind wie er, ihren Handyvertrag bei Freenet abschließen sollten. In seiner Tasche sind stets mehrere Apparate zu finden - zum Ausprobieren. Der Vorstandsvorsitzende will wissen, womit seine Kunden künftig telefonieren und hoffentlich die Freenet-Kasse füllen.
Wachstum könnte der Konzern gut gebrauchen. Binnen eines Jahres schrumpfte die Zahl der Kunden, die die Marke Mobilcom-Debitel nutzen, um 1,4 Millionen auf 17,1 Millionen. Vilanek erklärt das mit einem “Bereinigungsprozess”, in dem man “übersubventionierte Kundenbeziehungen” auslaufen lässt. Trotzdem arbeitet Freenet nicht profitabler. Für 2010 erwartet Vilanek einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen am unteren Ende der Spanne von 350 bis 380 Millionen Euro. Das Ergebnis wird somit wohl unter dem Vorjahreswert von 378 Millionen Euro bleiben.
Das zweite Jahr an der Spitze von Freenet dürfte für Vilanek schwerer werden. Bislang hat er vor allem den von Spoerr eingeleiteten Strategieschwenk zum reinen Mobilfunkanbieter vollendet. Den Speicherplatzanbieter Strato verkaufte er an die Deutsche Telekom, das DSL-Geschäft an United Internet. Mit den Einnahmen trug Vilanek den im Zuge der Debitel-Übernahme aufgehäuften Schuldenberg auf weniger als 800 Millionen Euro ab.
Alle Schritte erfolgten nahezu geräuschlos. Allerdings bleibt es ähnlich ruhig, wenn es um Zukunftspläne geht. “Wir werden das Unternehmen verändern müssen”, so viel steht für Vilanek fest. Der Freenet-Chef setzt zunächst auf mehr Service in den rund 800 Mobilcom-Debitel-Shops. Verkäufer sollen gratis Kundenhandys polieren, alte Geräte in Zahlung nehmen und das prestigeträchtige iPhone verkaufen. Dazu kommt das neue Stromgeschäft unter der Marke “Volt und Wald”, das Freenet seit Juni mit den Flensburger Stadtwerken betreibt. “Die ersten Jahre wird der Umsatz aber wohl im Promillebereich des Gesamtumsatzes liegen”, räumt er ein. “Wir müssen uns radikalere Ansätze überlegen, um uns den Marktbedingungen anzupassen.” Zum Beispiel könnte ein Kunde, der einen Stromvertrag unterzeichnet, eine Waschmaschine günstiger erhalten.” TIMO KOTOWSKI










