Herzensangelegenheit für Männerhälse
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Juli
Eine Generation von Tagesschau-Sprechern band sie um, Franz Josef Strauß bestellte sie extra lang - die Krawatten von Laco. Die Hamburger Manufaktur ist eine der letzten ihrer Art in Deutschland.
HAMBURG, 20. Juli
Wer ein schlechtes Hemd trägt, dem kann auch keine gute Krawatte mehr helfen. Das sagt einer, der mehr als drei Jahrzehnte sein Geld mit edlen Bindern - und nicht mit Hemden - verdient hat. Rüdiger Thumann ist Seniorchef der Hamburger Manufaktur Laco, einem der letzten Unternehmen in Deutschland, in dem Schlipse noch komplett von Hand angefertigt werden. Verständlich, dass Thumann die Nase rümpft, wenn er sieht, dass eine Krawatte aus der eigenen Produktion zu einem Hemd von der Stange mit geklebtem Kent-Kragen getragen wird.
Dagegen erscheint ein anderer Satz des Experten für feine Herrenkonfektion beim ersten Hinhören schwerer nachzuvollziehen. “Ich möchte eine Krawatte nicht an meinem Hals spüren”, sagt Thumann. Dabei sind die Binder weiterhin sein Geschäft, obwohl er die Leitung des Unternehmens vor gut drei Jahren an seine Tochter Jessica Bartling abgegeben hat. Thumann trägt außerdem selbst einen Schlips - aus familieneigener Fertigung. Nach den Worten von Ehefrau und Tochter verlässt er überdies für Termine nie das Haus, ohne eine Krawatte umzubinden. Doch für ihn kommt es auf die feinen Unterschiede an, bei der Verarbeitung von Hemdkragen ebenso wie bei den Fäden, aus denen Krawatten gewebt sind. Er trägt die Binder leidenschaftlich gern, mag sie aber nicht spüren. “Das kann ganz schön anstrengend werden, wenn eine Synthetikkrawatte für einen trockenen Mund sorgt”, erklärt er.
Laco verarbeitet nur Seidenstoffe aus Italien und der Schweiz. Mehr als 200 Rollen des Krawattenrohmaterials liegen gestapelt in den Regalen der Manufaktur im Hamburger Stadtteil Altona. Gestaltet und ausgewählt hat sie Jessica Bartling, denn das Design ist Chefsache bei Laco. Schließlich bergen Farben und Muster das größte unternehmerische Risiko für die Manufaktur, die jährlich mit 200 000 ausgelieferten Krawatten rund 5 Millionen Euro umsetzt. Mehrere Hundert neue Muster kommen jedes Jahr ins Programm, gefertigt werden sie von 15 Näherinnen. Nicht jedes Design trifft den Geschmack der Kunden. Eine Fehlentscheidung kann 36 Meter feinsten Seidenstoff kosten. “Wenn mehr als fünf Prozent unserer Entwürfe floppen, wäre das verhängnisvoll für das Geschäftsjahr”, gesteht Thumann. Doch von derartigen Misserfolgen ist Laco weit entfernt. Derzeit wächst das Geschäft. Seine Tochter wähle Farbtöne und Muster zwar risikofreudiger aus, als er es selbst getan habe, doch sie besitze ein gutes Gespür für modische Tendenzen.
“Eine Manufaktur ist nicht gleichzusetzen mit old fashion”, sagt Jessica Bartling. Aus den Verkaufszahlen hat sie ihre eigene Farbenlehre entwickelt: Grün sei “nicht die stärkste Farbe”, Rottöne lägen “eher vorn”, Lila und Pflaume “laufen sehr gut”. Dazu kommen Streifenmuster und sogenannte Mikrodessins mit winzigen, vertausendfachten Motiven. Als “absolute No-gos” bezeichnet sie dagegen Comic-Variationen mit possierlichen Figürchen, die Bartling geradezu als ästhetischen Affront empfindet: “Immer, wenn ich einen Mann mit einer Motivkrawatte sehe, denke ich: Oh, nein!”
Laco ist trotz der raschen Folge von zwei Kollektionen im Jahr in der Fertigung dem Traditionellen verhaftet: Drei Stoffteile zuschneiden, zusammennähen, bügeln, Spitze nähen, Einlage einsetzen, nähen, bügeln und so weiter. Zwölf Arbeitsschritte muss jede der 15 Näherinnen in der Manufaktur beherrschen. Eineinhalb Jahre dauert die Ausbildung, bis jede Naht auf Anhieb exakt sitzt. Erwägungen, neben der teuren Handarbeit eine günstigere Zweitmarke einzuführen, um den Absatz deutlich zu steigern, hat die Familie vor Jahren verworfen. “Wir müssen ober-edel-paradiesisch sein”, lautet Thumanns Credo, es klingt wie die saloppe Version des überlieferten Mottos von Firmengründer Charles Lavy: “Nur höchste Wertmaßstäbe überdauern Zeiten und Moden.”
Am Silvestertag des Jahres 1837 ließ der aus London stammende Kaufmann die Firma ins Hamburger Handelsregister eintragen. Statt “Lavy und Co.” wählte er die Kurzform “Laco” für den Betrieb, der zunächst Handelshaus für Anzüge, Schirme und Wagendecken war, später auch für Hüte, Seifen, englische Tees und Drops sowie Parfum. Die Krawattenmanufaktur kam 1906 dazu. Das Geschäft florierte, 500 Mitarbeiter zählte der kleine hanseatische Luxusgüterkonzern. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb davon wenig, ein Bombentreffer hatte den Firmensitz zerstört. Heute existiert nur noch die Krawattenmanufaktur, geführt von Bartling und Thumann. Schon dessen Vater betrieb ein Konfektionsgeschäft, seinen Sohn dirigierte er in dieselbe Branche. Bartling ihrerseits entdeckte ihr Händchen fürs Kreative während mehrerer Praktika bei Modeherstellern in der Schweiz und in Italien. An eine Ausbildung zur Kauffrau hängte sie ein Designstudium an. Mit 27 Jahren stieg die heute Einundvierzigjährige ins Unternehmen des Vaters ein.
Auch nach 14 Jahren in der Manufaktur erkennt sie jeden Entwurf aus ihrer Feder wieder. “Ich kann mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit sagen, welche Krawatte von Laco kommt”, sagt Bartling. Testen kann sie sich beim Fernsehen: Lange war die Tagesschau um 20 Uhr das wohl prominenteste Schaufenster der Manufaktur. Sprecher wie Wilhelm Wieben, Werner Veigel und Karlheinz Köpke trugen Laco. Franz-Josef Strauß bestellte Krawatten mit Überlänge - wegen seiner großen Kragenweite, heißt es offiziell. Doch auch die Leibesfülle des bayrischen Politikers dürfte ein Grund gewesen sein. Momentan gehören Bartlings Entwürfe auf dem “Traumschiff” zum Dresscode: Laco stattet zahlreiche Passagiere des Fernsehdampfers aus.
Fernsehprominenz und Kenner schätzen vermutlich, was Rüdiger Thumann den feinen Unterschied nennt: In verschwitzte, beengende Halsgurte verwandeln sich Laco-Krawatten nie, garantieren die Inhaber. “Wir verwenden nur Wollfutter. Das ist sprungelastisch und atmet”, erklärt Jessica Bartling. Nach dem Lösen des Knotens glätte sich dadurch die Krawatte von selbst; am Hals nehme das Schlipsinnere Schweiß auf, gebe ihn aber wieder ab. Vorausgesetzt, so der Einwand des Vaters, über die Krawatte werde kein geklebter Kent-Kragen geschlagen. Denn der halte den Schweiß fest. Und dagegen helfe eben auch keine gute Krawatte. TIMO KOTOWSKI










