Silber für die Champions League
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. August
Zwei Manufakturen führen die Tradition der Bremer Schmiede Koch & Bergfeld fort. Mit den Bestecken der einen wird in Adelshäusern und Botschaften gespeist, die Pokale der anderen stemmen die besten Fußballer in die Höhe.
Es gibt mehr als einen Weg, eine Tradition zu bewahren. Die Bremer Silberschmiede Koch & Bergfeld aus Bremen ist ein Beispiel dafür. Koch & Bergfeld - das sind zwei Namen, ein gemeinsamer Ursprung, ein Aufstieg, aber auch ein Leidensweg und heute zwei Manufakturen, die beide das Erbe des Traditionsbetriebs pflegen. Die eine presst und schleift Bestecke aus Sterlingsilber, Kunden sind Nobelhotels, Königshäuser und die deutschen Botschaften in aller Welt. Die andere gestaltet Becher, Skulpturen und vor allem Sporttrophäen. Der Champions-League-Pokal kommt aus Bremen - wie auch die Meisterschale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Die Bremer Silberschmiedekunst hat zwei Schauplätze. Nummer eins befindet sich am Südende der Neustadt. Es ist ein klassizistischer Fabrikbau aus einer Zeit, als Fertigungsstätten nicht bloß Zweckbauten, sondern selbst Schmuckstücke sein sollten. Der Weg zur Geburtsstätte von Kaviarlöffeln und Hummergabeln führt durch ein schmiedeeisernes Tor. “Hier ist alles alt, aber wir wollen den Flair der Manufaktur nicht zerstören”, sagt Klaus Neubauer, der zusammen mit Wigmar Bressel den Besteckhersteller führt. Den Charme des Fabrikensembles hat auch eine Filmproduktionsgesellschaft entdeckt. Im Sommer reist ein Team an, um Szenen für einen Kinofilm mit Daniel Brühl und Axel Prahl zu drehen.
Schauplatz zwei ist der sogenannte Schuppen zwei, wo noch vor Jahren Industriebrache das Gelände besetzte und nun die Überseestadt, Bremens Pendant zur Hamburger Hafen City, wächst. Florian Blume ist mit Koch & Bergfeld Corpus in die restaurierte Kaffeelagerhalle gezogen. Große Fenster und Lichtdurchlässe im Dach machen sein Domizil zur gläsernen Manufaktur. “Ich möchte das Handwerk in ein neues Zeitalter transportieren”, sagt der Silberschmied.
Dass Koch & Bergfeld nicht nur zwei Namen, sondern auch zwei Firmen sind, hat mit zwei anderen Namen zu tun: Villeroy & Boch. 1989 verkauften die Nachfahren von Firmengründer Gottfried Koch die Silberschmiede an den Porzellanhersteller, der in der Besteckfertigung zum Konkurrenten WMF aufschließen wollte. Die Neu-Bremer merkten aber bald, dass Pokale ein Fremdkörper im Konzern waren und gaben im Jahr 1994 diesen Firmenteil ab. Damit war die Spaltung von Koch & Bergfeld vollzogen, an der Besteckmanufaktur hielt der Konzern nämlich einige Jahre länger fest. Doch Handarbeit mit Sterlingsilber und die Produktion von Edelstahlbestecken passten nie wirklich zusammen. Villeroy & Boch ging schließlich, die Teilung von Koch & Bergfeld blieb. Geschäftsführer, die viel eigenes Geld in die Unternehmen steckten, sicherten zumindest das Überleben der beiden Teile.
Mittlerweile zahlen sich die Investitionen aus. “2010 wird unser bestes Jahr”, prognostiziert der Chef der Besteckmanufaktur Neubauer. Das Geschäft mit Messern und Gabeln aus 925er Silber finde zwar auf einem Nischenmarkt statt, weniger als jedes zehnte Besteckteil sei aus dem Edelmetall gefertigt. “Silber hat aber einen festen Käuferkreis”, sagt Neubauer. Seine größten Konkurrenten sind deutsche Firmen wie Robbe & Berking aus Flensburg oder Wilkens, die ebenfalls in Bremen produzieren.
Die Bestellungen kommen dagegen von allen Kontinenten. Ein Adelshaus aus dem arabischen Raum hat ein Besteck mit 44 000 Teilen geordert. Auf den Riesenauftrag folgt die nächste Großbestellung - für die Spanienzentrale eines Pharmakonzerns. An sechs statt fünf Tagen pro Woche werden nun in der Fabrikhalle Besteckrohlinge aus zehn Kilogramm schweren Silberblechen gestanzt. Pressen bringen mit dem Druck von 500 Tonnen die Platten in Form. Danach wird gefräst, poliert und legiert - stets mit ruhiger Hand. Schleift ein Mitarbeiter ein Messer einen halben Millimeter zu stark, hat es eine Kerbe und taugt nur noch für den Schmelzofen.
Koch & Bergfeld ist ein Ort der Präzision und auch Magazin deutscher Tischkultur. Seit dem Jahr 1835 sind sämtliche Entwürfe für 15 000 verschiedene Besteckteile aus 350 Serien archiviert. Miteigner Bressel bezeichnet die Mappen als “Schatz” des Unternehmens. Ein Nachkauf fehlender Teile auch 170 Jahre nach dem Ersterwerb ist oft kein Problem. Tausende Prägeschablonen stehen aufgereiht wie Schuhpaare in Regalen. Der aktuelle Katalog enthält dagegen nur 13 Modellreihen. Dazu zählt der unangefochtene Verkaufsschlager Spaten, 1829 von Firmengründer Koch persönlich entworfen. Das Besteck mit den breiten glatten Griffenden sorgt zusammen mit dem Traditionsmodell Faden für 80 Prozent des Umsatzes.
Auch Blumes Korpusbetrieb lebt trotz Atelier für zeitgenössischen Schmuck und Events wie Manufakturkonzerten zu einem Gutteil von der Historie. Besucher streifen durch seine Schauwerkstatt, um auf die Werkbank zu blicken, an der Geschichtsträchtiges geschmiedet wurde, wie das Modell 7995B/48. Der Code steht für den Champions-League-Pokal, den der europäische Fußballverband Uefa in den sechziger Jahren in Auftrag gab. Blume zieht einen Papierbogen aus einer Schublade seines Archivschranks. “Das ist die Zeichnung von Silberschmied Horst Heeren, der damals den Pokal entworfen hat”, sagt er. Dabei löst ein Hauch Pathos in der Stimme die Begeisterung ab, mit der er kurz zuvor Becher mit eingesetzten Nuggets des letzten in Grönland geschürften Goldes präsentiert hat.
Auch für die Goldene Kamera und allerlei andere Trophäen liegen die Entwürfe in seinen Räumen. Für den DFB-Pokal gelten indes eigene Gesetze. Das 6,5 Kilogramm schwere Original stammt nicht aus der Manufaktur. Wenn Vereine den Wanderpokal weitergeben, bekommen sie aber ein Bremer Duplikat - aus gleichem Material, mit gleichen Ornamenten, jedoch einige Zentimeter kleiner als die wahre Trophäe. Schließlich soll niemand Original gegen Plagiat tauschen.
Kopiert wird zudem nur auf Geheiß des DFB. Jüngst hat der Verband eine neue Kreation bestellt. Jubeln durfte damit noch niemand. Der neue Supercup wird erstmals am 7. August ausgespielt. Vorerst verrät Blume nur so viel: “Der Supercup besteht aus zwei gedrehten Blöcken, die sich wie Arme zum Ball recken.” Emporheben dürfen den Pokal dann entweder die Spieler von DFB-Pokalsieger und Meister Bayern München oder von Vizemeister Schalke 04. Danach soll auch die neue Trophäe aus Bremen ihren Siegeszug mit jährlich wechselnden Cupgewinnern antreten. TIMO KOTOWSKI










