Filetstücke und verfallende Altbauten
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. September
Deutsche Kommunen sind klamm. Wer Auswege gefunden hat, wen es besonders hart trifft, zeigt unsere Serie. Bremerhaven hat sich herausgeputzt und vieles mit Krediten finanziert.
Von Timo Kotowski
BREMERHAVEN, 9. September
Volle Stadtbusse am Vormittag, daran haben die Bremerhavener sich gewöhnt. Für die Einheimischen ist auf der Fahrt vom Hauptbahnhof zum Weserufer das Gedränge im Mittelgang ein gutes Zeichen. Ein Indiz, dass es aufwärtsgeht in der Stadt, die unter dem Niedergang der Werftenbranche litt und in der die Fischerei sowie die modernen Häfen trotz regen Fährverkehrs immer weniger Menschen Arbeit geben. Bis 2008 ließ Bremerhaven auf alten Umschlagflächen nahe der Innenstadt die “Havenwelten” mit Museen, Hotel und Einkaufszentrum errichten. Seitdem pilgern Familien, Reisegruppen und Schulklassen dorthin. “Früher sind die Leute hinter den Lärmschutzwänden auf der Autobahn vorbeigefahren”, erinnert sich Baudezernent Volker Holm.
“Unser Filetstück” nennt er den Teil der Stadt, der mit Millioneninvestitionen zum Anziehungspunkt für Touristen aufpoliert wurde. Vor Jahren war die Landzunge zwischen alten Hafenbecken und Weser eine Industriebrache. Ein Schandfleck, der die Stadt vom Fluss abnabelte. Die Kaianlagen gehörten der Stadt Bremen, die die Flächen erst übergab, als der Güterumschlag längst zu den Containerterminals im Norden und zum Fischereihafen im Süden abgewandert war.
Der dadurch mögliche Durchbruch ans Ufer sollte für Bremerhaven ein Aufbruch in eine neue Epoche werden. “Wir hatten hier 20 Jahre pure Lethargie”, erinnert sich Nils Schnorrenberger, Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft BIS. Diese Zeiten sollen nun Vergangenheit sein. Die Arbeitslosenquote ist von 25 auf 17 Prozent gesunken. Windkraftanlagenbauer wurden in neue Industriegebiete gelockt. Der Alte Hafen wurde zum touristischen Zentrum.
Heute ist auf dem “Filetstück”, das einst Bremerhavens Tor zur Welt war, ein kleiner Weltrundgang möglich. Das Sail-City-Hotel, ein Hochhaus in Form eines geblähten Segels, mutet wie eine geschrumpfte Kopie des Burj al Arab in Dubai an, die es auf 147 Meter bringt. Im Einkaufszentrum Mediterraneo bummeln Touristen durch nachempfundene Gassen eines italienischen Fischerdorfs. Und das Klimahaus, das sich wie eine Wolke aus Glas und Stahl auf den Boden senkt, ermöglicht eine Tour durch alle Klimazonen der Erde - entlang des achten Breitengrades von Bremerhaven aus einmal rund um den Globus. Im ersten Jahr besuchten 840 000 Gäste das Museum, gerechnet hatte man mit 600 000.
“Das haben wir nur hinbekommen, weil viel investiert worden ist”, sagt Wirtschaftsförderer Schnorrenberger. Aber gerade deshalb blicken Verantwortliche beispielsweise im 60 Kilometer südlich gelegenen Bremen neidisch auf die Hafenstadt. Bremerhaven hat sich sein neues Gesicht viel Geld kosten lassen. Seit Jahrzehnten hat es mehr ausgegeben als eingenommen, in diesem Jahr sollen trotzdem 137 Millionen Euro Schulden dazukommen. Damit wächst der Schuldenberg auf mehr als 1 Milliarde Euro.
Das wirkt wie ein letzter großer Schluck aus der Flasche, die bald aus der Hand gerissen wird. Die neue Schuldenbremse zwingt das Land Bremen und somit auch Bremerhaven zum Sparen. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen die Kommune Freiheiten genoss wie keine andere in der Bundesrepublik. Die Bremer in der Bürgerschaft, die zugleich Stadt- und Landesparlament ist, durften bislang ihre Kollegen im Norden kritisieren, verhindern konnten sie Großausgaben nicht. Nun zwingt der bundesweit verordnete Neuverschuldungsstopp dazu, bis 2020 gut 100 Millionen Euro aus dem Haushalt zu streichen.
Der Baudezernent weist Kritik an den hohen Ausgaben zurück. Der Strukturwandel sei durch eine Finanzspritze des Bundes finanziert worden, die sich das Land Bremen auf dem Rechtsweg gesichert hat, sagt Holm. Nachdem der Bund der Stahlindustrie im Saarland geholfen hatte, klagte das norddeutsche Bundesland vor dem Bundesgerichtshof und erstritt sich fast 9 Milliarden Mark Sanierungshilfen. “Die Alternative wäre gewesen, die Stadt langsam ausbluten zu lassen”, sagt Holm. Und Wirtschaftsförderer Schnorrenberger ergänzt, dass die Stadt erste Früchte ihrer Mühen ernte. Das Gewerbesteueraufkommen habe sich seit 2005 mehr als verdoppelt - auf fast 34 Millionen Euro.
Touristen und Unternehmen haben Bremerhaven wieder entdeckt, die Einwohnerzahl schrumpft dennoch. Vor zwei Jahrzehnten lebten noch 131 000 Bürger in Bremerhaven, aktuell sind es 114 000. Optimistische Schätzungen rechnen im Jahr 2015 mit 108 000 Einwohnern. Die Folge sind leer stehende, verrottende Häuser. “Ein verfallenes Haus in der Stadt fällt nicht auf. Sind es fünf pro Stadtteil, ist das ein Problem. Sind es fünf in unmittelbarer Nachbarschaft, führt das dazu, dass die Straße abgeschrieben wird und verfällt”, umschreibt Holm das aus seiner Sicht größte Zukunftsproblem. Marode Altbauten, notdürftig verrammelte Erdgeschossfenster und Erker, die die Stadt auf eigene Rechnung abschlagen lässt, bevor herabstürzende Steine möglicherweise Passanten erschlagen - Bremerhaven hat trotz aller Aufschwungtendenzen ein zweites, hässlicheres Gesicht. Holm kämpft dagegen an, vermisst aber eine Gruppe von Mitstreitern - die Hauseigentümer. Der Versuch, Eigentümer zu enteignen, weil sie Fassade und Substanz nicht pflegen, wäre wohl schwierig. Vor einem Jahr beschloss die Stadtverordnetenversammlung deshalb ein Gesetz, das der Stadt im Verkaufsfall ein Vorkaufsrecht für besonders angeschlagene Häuser gibt. Danach muss saniert oder abgerissen werden - auch das kostet Geld. “Nur die öffentliche Hand ist noch da, um dem Verfall ein Ende zu bereiten”, ist Holm überzeugt. Doch auch diese Strategie hat ihre Schattenseite. Vor einigen Jahren kaufte Bremerhaven das aufgegebene Horten-Kaufhaus und ließ es vor dem Weiterverkauf renovieren. In den sanierten Bau zog als Hauptnutzer der Elektromarkt Saturn, der wie die gestorbene Warenhausmarke Horten zum Metro-Konzern gehört. Das Rechnungsprüfungsamt attestierte der Stadt ein Verlustgeschäft.
Bremerhaven in Zahlen
Haushaltsdaten
Voraussichtliche Steuereinnahmen
Gewerbesteuer: 33,6 Mio. Euro
Grundsteuer: 22,1 Mio. Euro
Gemeindeanteil Einkommensteuer: 5,7 Mio. Euro
Gemeindeanteil Umsatzsteuer: 4,3 Mio. Euro
Schlüsselzuweisungen: 72,0 Mio. Euro
Schulden (31.12.2009): 935,2 Mio. Euro
Pro-Kopf-Verschuldung: 8176 Euro
Einwohnerzahl: 114.389
Oberbürgermeister: Jörg Schulz (SPD)
Wirtschaftsstruktur
Bremerhaven lebt von seinem Hafen, aber nicht nur. Die Terminalbetreiber BLG, Eurogate und NTB zählen mit zusammen mehr als 2000 Beschäftigten zu den wichtigsten Arbeitgebern im Ort. Großes Gewicht hat auch die Nahrungsmittelindustrie. Tiefkühlhersteller Frosta, Frozen Fish International (”Iglo”) und Deutsche See (”Beeck”) haben hier ihren Sitz und beschäftigen knapp 2000 Mitarbeiter. Für die Zukunft hofft Bremerhaven auf das Wachstum der Windenergiebranche.










