Mittwoch, 20. Oktober 2010

Ein Banker unter besonderer Obhut

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 2010

Dirk Jens Nonnenmacher ist eine Wundererscheinung der deutschen Wirtschaft. Wohl kaum ein Vorstandsvorsitzender bekommt derart viele Anfeindungen, Häme und zuweilen auch Worte des Hasses ab - und bleibt dennoch weiter im Amt.

Seit dem Herbst 2008 führt er die skandalgeplagte HSH Nordbank. Die unzähligen negativen Schlagzeilen, die er seither lesen musste, befassten sich weniger mit dem Tagesgeschäft als vielmehr mit milliardenschweren Verlustgeschäften aus der Vergangenheit, ominösen Entlassungen von Managern und zuletzt auch Spekulationen über Spitzeleien.

Nonnenmacher hält das bislang aus - ein Rückzug würde öffentlich als Schuldeingeständnis gewertet. Er darf auch weiter im Büro des Vorstandsvorsitzenden sitzen. Aufsichtsratschef Hilmar Kopper hält schützend seine Hand über den Banker unter Dauerbeschuss, hat sogar seinen Verbleib an die Fortdauer der Ära Nonnenmacher geknüpft: Bei einem Rauswurf müssten Nachfolger für die Spitze des Vorstands und des Aufsichtsrats gefunden werden. Geeignete und willige Kandidaten sind aber schwer zu finden. Gleichwohl genießt Nonnenmacher auf Seiten der Hauptanteilseigner Hamburg und Schleswig-Holstein längst nicht mehr den Rückhalt, den er sich wünschen dürfte, wie der jüngste Brief von Jost de Jager (CDU) zeigt. Darin fordert Schleswig-Holsteins Wirtschaftminister Nonnenmacher auf, Fragen zu möglichen Spitzeleien im Auftrag der Bank zu beantworten.

Seit seinem Amtsantritt sind die glücklichen Tage Nonnenmachers in der HSH rar. Er kam im Herbst 2007 als Finanzvorstand zu dem Institut, nur ein Jahr später rückte er auf den Chefposten. Sein Vorgänger Hans Berger musste damals den Posten räumen, weil die Bank schlechter dastand, als er es wenige Tage zuvor verkündet hatte. Dass die Zahlen viel schlechter waren, dazu trug wesentlich das verlustträchtige Geschäft Omega 55 bei. Doch als Berger öffentlich Rede und Antwort stand, war er offiziell nicht darüber informiert, welchen Ärger die in der Londoner HSH-Niederlassung geführten Transaktionen der Bank bereiten würden. Dennoch musste er sich dem öffentlichen Druck beugen und seinen Platz räumen.

Nonnenmacher löste ihn ab - zwei Monate zuvor war die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen. Dass sich Hamburg und Schleswig-Holstein auf ihn festlegten, liegt laut Beobachtern daran, dass er in der damaligen Unsicherheitsphase aus Sicht der Eigner den richtigen Ton traf. Nonnenmacher sei der Schwarzseher gewesen und habe so die höchste Glaubwürdigkeit gewonnen, sagt ein Beteiligter. Der neue Vorstandschef habe die Bank auf einen “anti-risikolastigen Kurs” gelenkt. Der Schwenk kam bei Kollegen auf der Führungsebene, die sich gern zu den Großen der Finanzwelt rechneten, nicht gut an. Das in der Analyse versierte, aber im Zwischenmenschlichen kühle Auftreten Nonnenmachers trug dazu bei, dass er nie die gesamte Bank hinter sich wissen konnte.

Und er verfehlte mehrmals den passenden Ton. So pochte er im Sommer 2009 auf ihm vom Aufsichtsrat zugesagte Leistungen von 2,9 Millionen Euro. Seine Vorstandskollegen mussten sich mit den auf 500 000 Euro gedeckelten Bezügen begnügen. Kurz darauf sprach er vor Kameras über “Bescheidenheit”. Zudem soll es in der Bank ein offenes Geheimnis gewesen sein, dass er einige Kollegen - wie den im Frühjahr 2009 entlassenen IT-Vorstand Frank Roth - weniger schätzte. Die Umstände dieser Entlassung, und ob Roth belastende Indizien untergeschoben wurden, beschäftigen noch die Kieler Staatsanwaltschaft. Die Ermittler hatten ein Verfahren wegen des Verdachts auf Geheimnisverrat gegen Roth eingestellt, die HSH legte Beschwerde ein. Auch im Aufsichtsrat ist der Vorgang Thema, ein Gutachten dazu liegt vor. Dieses Szenario - Aufseher beraten über Vorwürfe und Gerüchte um und gegen den Vorstandschef - hat es schon mehrmals gegeben. Doch bislang endeten die Sitzungen unter Leitung Koppers immer mit einer Vertrauensbekundung für Nonnenmacher.

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