Der schmutzige Zettel in New York
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. November 2010
Einem New Yorker Banker der HSH Nordbank wurde ein Porno-Papier untergejubelt - und keiner will es gewesen sein. Dennoch sickern Details zu einer möglichen Intrige durch.
HAMBURG, 5. November. Der verdächtige Zettel steckte hinter einem Foto der Tochter. Als Mitarbeiter der HSH Nordbank und der Sicherheitsfirma Prevent das Büro des New Yorker HSH-Niederlassungsleiters durchsuchten, fanden sie schnell das Papier. Rückblickend war es wohl plaziert als letzter Baustein für ein Gebäude aus Vorwürfen, um den Banker aus dem Institut zu verbannen. Auf dem Zettel standen Daten zu einer E-Mail-Adresse, über die angeblich Kinderpornographie abgerufen wurde. Das war im September 2009 - ein Jahr später ist die Episode mit dem Porno-Zettel noch immer eine von vielen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Entlassung des New Yorker Bankers, die Ermittler diesseits und jenseits des Atlantiks beschäftigt.
Die Hamburger Staatsanwaltschaft durchsuchte am Mittwoch Büros und Wohnungen von Prevent-Mitarbeitern. Der frühere Chef und Mitgründer, Thorsten Mehles, sowie der amtierende Prevent-Vorstand Peter Wiedemann stehen unter dem Verdacht, dem geschassten HSH-Banker die Porno-Verbindung untergeschoben zu haben. Sie weisen die Vorwürfe als “in jeglicher Hinsicht unbegründet und haltlos” zurück. Aber sie waren beide in New York, als der Zettel hinter dem Foto der Banker-Tochter hervorgezogen wurde. Wiedemann, der früher im Führungsstab der Münchener Kriminalpolizei arbeitete, war der Projektleiter in dem Fall. Auch Mehles, der einst die Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt Hamburg leitete und kurze Zeit für den Bundesnachrichtendienst tätig war, soll sich in der Bankfiliale aufgehalten haben. Dort waren auch der - inzwischen beurlaubte - HSH-Chefjustitiar, der HSH-Personalleiter und eine Mitarbeiterin der Potsdamer Anwaltskanzlei Erbe, die die Bank in mehreren Fällen vertritt. Das sind viele Zeugen für einen Porno-Vorwurf, den die HSH im späteren Rechtsstreit mit ihrem ehemaligen Mitarbeiter aber nicht äußerte. Denn schnell war klar, dass an den Notizen nicht nur einiges anrüchig, sondern auch faul ist. Auf dem Computer des Filialleiters fand sich keine Spur dafür, dass die ominöse Adresse von dem Rechner aufgerufen wurde.
Der Ausgang des Prozesses des Bankmanagers gegen das Institut vor einem New Yorker Gericht lässt sich auch nicht als Erfolg für die HSH deuten. Die Kontrahenten schlossen einen Vergleich und vereinbarten Stillschweigen. Dem Vernehmen nach zahlte die Bank mehrere Millionen Euro. In Schreiben zu dem Prozess, die dieser Zeitung vorliegen, klingen zudem Zweifel am Agieren der Landesbank an. So argumentierte der Anwalt des geschassten Bankers, dass der HSH-Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher mit der Entlassung des Managers zehn Tage vor der Wahl im Anteilseignerland Schleswig-Holstein von Problemen in der Heimat ablenken wollte.
Vorwürfe gegen den New Yorker Banker hatte es gegeben. Allerdings waren die zum Zeitpunkt seiner Entlassung nicht neu und bereits geprüft. 2007 hatten zwei später entlassene HSH-Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten beklagt, ihr Chef diskriminiere sie. Dabei war auch davon die Rede, eine weitere Bankbedienstete sei wegen eines sexuellen Verhältnisses begünstigt worden. Die HSH beauftragte im Herbst 2007 die Kanzlei Moses & Singer mit einer Untersuchung, die den Filialchef entlastete. Auch eine weitere Prüfung 2008 kam nach Angaben des Banker-Anwalts zu dem Schluss, dass seinem Mandanten nichts vorzuwerfen sei. Die HSH startete 2009 aber eine dritte Untersuchung, die zum Rauswurf wegen “Diskriminierungsvorwürfen” führte. In der Pressemitteilung vom 17. September 2009 wurde Nonnenmacher zitiert: “Wir wollten uns bewusst erst ein genaues Bild der Vorgänge machen. Nachdem die Ergebnisse des Untersuchungsberichts jedoch vorliegen, haben wir uns entschieden, entsprechende Maßnahmen umzusetzen.” Inzwischen hat die HSH die Mitteilung von ihrer Internetseite gelöscht.
Weniger offen ging die Bank mit ihrem weiteren Agieren im Fall New York um. Sie konterte die Klage ihres entlassenen Filialleiters am 2. Februar 2010 mit einer Gegenklage. Die Bank warf dem Mann nun vor, Anfang 2009 eigenmächtig Bonuszahlungen aus dem “Long-Term Incentive Plan” an sich und andere New Yorker Mitarbeiter veranlasst zu haben. Zudem schulde er der Bank Rückzahlungen von 21 599 Dollar im Zusammenhang mit seinem Dienstwagen. Der Attackierte entgegnete, dass die Boni in Hamburg unter Beteiligung eines Vorstandsmitglieds gebilligt wurden. Am 1. Juli bestätigte der New Yorker Richter Jed S. Rakoff, dass die Streitenden ihren Vergleich geschlossen hatten.
Wegen der Spitzelaffäre steht nicht nur die HSH mit ihrem Chef Nonnenmacher unter Druck. Auch für die Firma Prevent, die noch bis Mitte dieses Jahres für die Bank tätig war, sind die Berichte in dieser Sache - insbesondere die Porno-Zettel-Episode - alles andere als geschäftsfördernd. Neuaufträge zu gewinnen dürfte aber schwierig geworden sein. Wegen Stillschweigeabkommen ist von der Bank, von Prevent, dem entlassenen HSH-Filialleiter und anderen Beteiligten offiziell bislang wenig zu vernehmen. Der New Yorker Banker soll aber inzwischen deutschen Ermittlern Auskunft gegeben haben.










