Perlensucher am Himmel

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. August 2011 Air Berlin schafft mit seinem Streichkonzept Lücken, die Rivalen füllen wollen. Aber nicht jede aufgegebene Route ist lukrativ.

Die Lückenfüller sind schnell zur Stelle. Nur wenige Tage ist es her, dass die Fluggesellschaft Air Berlin tiefe Einschnitte in ihr Streckennetz angekündigt hat. Schon melden Wettbewerber ihr Interesse an Verbindungen an, die Air Berlin aufgibt. Nicht selten klingt dabei unterschwellig mit, dass man selbst es besser könne als die defizitäre Nummer zwei auf dem deutschen Markt. Dabei hatte der Noch-Vorstandsvorsitzende Joachim Hunold, der zum Monatsende den Chefposten von Air Berlin räumt, nur Minuten vor seinem Rückzugsangebot vom vergangenen Donnerstag angedeutet, dass Air Berlin gerade Strecken aussortiere, auf denen die Gesellschaft kein oder zu wenig Geld verdiene. Auch kritische Branchenbeobachter sprechen davon, dass Air Berlin durch eine Notoperation lediglich die größten Geldvernichter unter seinen Verbindungen stoppt.

Dennoch sehen Ryanair, Easyjet, Lufthansa, Germanwings oder Condor – kurzum: nahezu alle bekannten Namen auf dem deutschen Luftverkehrsmarkt – Chancen, aus der Schwäche des Konkurrenten mit den weiß-roten Flugzeugen Kapital zu schlagen. Am weitesten wagt sich die Lufthansa-Tochtergesellschaft Germanwings vor. Für gleich fünf Strecken vom Flughafen Köln/Bonn aus hat der Billigableger des deutschen Marktführers Interesse bekundet. Neapel, Palermo, Tunis sowie Nador und Tanger in Marokko werden „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ins Streckennetz aufgenommen, ließ sich Germanwings-Chef Thomas Winkelmann am Wochenende zitieren. Im Grundsatz scheint die Entscheidung zur Ausweitung des Germanwings-Netzes schon getroffen, lediglich Gespräche über Konditionen mit den jeweiligen Flughafenbetreibern stehen noch aus. „Wir wollen die Vorbereitungen zügig vorantreiben“, sagt ein Sprecher.

Auch Europas größte Billigfluggesellschaft Ryanair erwägt, die eigentlich anstehende Winterpause für Strecken nach Südspanien auszusetzen und in die Air-Berlin-Lücke zu springen. Die zum Thomas-Cook-Konzern gehörende Gesellschaft Condor sieht sich weiter in einer „Expansionsphase“, nennt aber keine konkreten Pläne zur Ergänzung ihres Netzes. Marktführer Lufthansa hält sich indes zu den Plänen seiner Hauptmarke bedeckt. „Es muss kein Automatismus sein, dass wir tätig werden, sobald eine Strecke frei wird“, sagt ein Sprecher. Zahlreiche frei werdende Strecken seien zudem Verbindungen von kleineren deutschen Flughäfen zu Urlaubszielen im Mittelmeerraum, die nicht direkt ins Netz der Gesellschaft passten, heißt es in Konzernkreisen. Dennoch ist man nicht untätig. Dass Klagenfurt in Kärnten als neues Ziel ab Frankfurt für Wintersportler dazukommt, hatte der Konzern schon vor dem Auftakt zum Streichkonzert von Air Berlin bekanntgegeben – die Nummer zwei nimmt Klagenfurt aus dem Programm.

Das hektische Suchen nach Perlen, nach den erfolgversprechendsten Verbindungen auf Air Berlins Streichliste, hat zwei Gründe: Zum einen hat Hunold für seine letzte große Amtshandlung, das Aus für 16 000 Flüge im Jahr zu verkünden, einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Grundsätzlich müssen Fluggesellschaften bis zum 15. August ungenutzte Start- und Landerechte zurückgeben, damit der deutsche Flughafenkoordinator die Slots für den Winterflugplan ab November neu vergeben kann. Weil er die Rechte in mehreren Runden zuteilt, haben die Fluggesellschaften de facto bis zum Monatsende Gelegenheit zum Nachjustieren ihrer Pläne.

Weitere Ursache für das rege Treiben sind die Überkapazitäten im Luftfahrtgeschäft. Dass Air Berlin seine Flotte um acht Flugzeuge schrumpft, löst ein grundsätzliches Problem nicht: In Europa stehen zu viele Maschinen bereit. Air Berlin konnte deshalb im abermals verlustreichen zweiten Quartal nicht davon profitieren, dass die Gesellschaft auf Wunsch von Reiseveranstaltern eilig zusätzliche Flüge auf die Balearen und die Kanarischen Inseln ins Programm nahm, um Ausweichurlauber statt nach Ägypten auf die spanischen Inseln zu bringen.

Trotz aller Bedenken ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich auf einigen Strecken neue Anbieter als erfolgreicher erwiesen als Air Berlin.
Germanwings beispielsweise kommt zugute, dass die Flotte nur aus Airbus-A-319-Flugzeugen besteht, was Planungs- und Wartungskosten senkt. Air Berlin ist hingegen mit einem Potpourri aus Airbus-, Boeing- und Embraer-Maschinen unterwegs. Diese Mischung ist auch eine Folge der Hybridstrategie Hunolds, der Air Berlin sowohl als Geschäftsflieger mit Städteverbindungen als auch als Urlaubertransporteur und Billiganbieter verstand. Kritiker bringen das Konzept auf die Formel „von allem ein bisschen“. In seiner 20 Jahre währenden Amtszeit hatte Hunold viele Chancen ergriffen, um das Wachstum voranzutreiben – nicht jede Gelegenheit war dabei eine günstige.

„Aufbauer sind nicht immer die besten, um die Reiseflughöhe zu halten“, heißt es deshalb in Branchenkreisen über Hunold. Auch mehrere Aufsichtsräte der Gesellschaft sollen zunehmend skeptisch auf den Vorstandsvorsitzenden geblickt haben. Zwar forderte niemand offen Hunolds Rücktritt, „Denk darüber nach, was für dich das beste wäre“, sollen ihm Weggefährten dennoch geraten haben – so dass Hunold schließlich den einsamen Entschluss fasste, sich selbst vom Chefsessel zu heben und seinen Freund Hartmut Mehdorn zu bitten einzuspringen. Mit dem Zeitpunkt seiner Entscheidung überraschte er sogar Verwaltungsratsmitglieder. Sie stehen düpiert da, weil sie trotz allem Argwohn gegenüber der bisherigen Führung keine Alternative parat hatten.

Während die Streichliste von Air Berlin bei Konkurrenten Begehrlichkeiten weckt, weisen Fachleute auf bestehende Lücken im Air-Berlin-Netz hin. So verfügt das Unternehmen, das 2012 der Luftfahrtallianz Oneworld beitreten will, über keine eigenen Verbindungen zum wichtigsten europäischen Oneworld-Drehkreuz London-Heathrow. Bündnispartner, allen voran British Airways, müssen als Zubringer dorthin einspringen, was Air Berlin auf dem Weg zu einem besseren Geschäftsergebnis nicht hilft. Hunold glaubt indes offenbar an die Zukunft der Airline und hat sich einen weiteren Teil gesichert. Am Freitag kaufte er 25 000 Aktien zum Preis von 2,40 Euro zu. Infolge seiner Rückzugsankündigung und wegen keimender Hoffnungen auf eine Sanierung schnellte am Montag der Kurs empor. Die Aktien waren am Montagnachmittag gut 15 Prozent mehr wert als vor dem Wochenende, zumindest diese Investition hat sich für Hunold schnell gelohnt.

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