Lehrstunden für die Reisewelt

F.A.Z. vom 23. Juli 2013 Der Untergang von GTI Travel war die größte Insolvenz der Reisebranche seit Jahren. Dass die Pleite in den Nachrichten beinahe unterging, kam Touristikern gerade recht. Denn über die Lehren aus dem Ende von GTI besteht keine Einigkeit.

Während in Deutschland Elbe und Donau über die Ufer traten, ging in der Türkei der achtgrößte Reiseveranstalter für Urlauber aus der Bundesrepublik unter. Der Name GTI Travel ist aus der Reisewelt verschwunden – und wird wohl nicht mehr zurückkehren. Die Branche, die insgesamt angesichts eines bevorstehenden Rekordjahres frohlockt, erlebte ihren größten Insolvenzfall seit zehn Jahren. 2012 hatte GTI mit mehr als 600 000 Urlaubern mehr als 300 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Gemessen daran, blieb es nach der Insolvenz überraschend ruhig. Das Hochwasser mag dazu beigetragen haben. Nach Sondersendungen über Flutschäden blieb kein Platz für Bilder von gestrandeten Urlaubern, deren Reiseveranstalter und dessen dazugehörige Fluggesellschaft Sky Airlines über Nacht den Betrieb eingestellt hatten.

Gleichzeitig hatten die Branchengrößen wie TUI und Thomas Cook emsig daran gearbeitet, dass nicht viele Bilder von Urlaubern entstanden, die aus Hotels verwiesen wurden oder in türkischen Flughafenhallen campieren mussten. Die Sorge, dass solche Aufnahmen der gesamten Branche schadeten, war größer als die Genugtuung, dass ein Konkurrent unterging, der mit Kampfpreisen auf Kundenfang gegangen war.

Die Krisenschnellreaktion ist geglückt. Nun geht es in der Branche an die Aufräumarbeiten. Unter Fachleuten herrscht der Eindruck, dass die deutsche Reisewelt knapp an einem größeren Desaster vorbeigeschrammt ist. Gering blieben die Auswirkungen der Insolvenz auf die Urlauber selbst. Verlierer des Untergangs von Deutschlands Nummer acht der Reisebranche sind hingegen die Geschäftspartner wie Reisebüros und Hoteliers. Branchenkreisen zufolge warten türkische Hotelbetreiber noch auf Millionenbeträge von GTI, weil das Unternehmen schon vor der Insolvenz schleppend bezahlt haben soll.

Und auch andere Urlaubsanbieter sind betroffen. Sie hatten für ihre Pauschalreisekunden Plätze in Sky-Airlines-Flügen eingekauft, die nun nicht mehr starteten – prominenteste Beispiele sind Alltours, JT Touristik und in kleinerem Umfang auch DER Touristik aus der Rewe-Gruppe und TUI. Über Nacht mussten sie Tausende neuer Flugtickets organisieren. Mit ihren Forderungen können sie sich nun in die Schlange der Gläubiger beim Insolvenzverwalter einreihen.

Wie wenige Werte zuletzt in den Büchern des gestrauchelten Urlaubsanbieters standen, zeigt sich schon daran, dass sich kein Wettbewerber fand, der sich GTI einverleiben wollte. Nahezu alle großen Reiseveranstalter schauten in die Bilanzen – und sahen, dass GTI Reisen bis zu 150 Euro günstiger verkauft hatte als sie selbst. In den Monaten vor der Insolvenz war in der GTI-Zentrale in Düsseldorf offenbar versucht worden, mit äußerst knapp kalkulierten Offerten Kunden zu gewinnen, um Umsatz zu erzielen und so flüssige Mittel hereinzuholen. GTI erschien somit als „Praktiker der Reisebranche“, auch die deutsche Baumarktkette scheiterte an ihrer Niedrigpreisstrategie.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Unternehmens aus der türkischen Kayi-Gruppe klaffte zuletzt eine große Lücke. Kayi galt lange als schillerndes Unternehmen in der türkischen Reisewelt, vor 25 Jahren wurde es vom Familienclan Görgülü gegründet. Zunächst engagierte sich die Familie als Dienstleister, der sich um Urlauber vor Ort kümmerte.

Mit GTI wollte man ab 1994 in das große Reiseveranstaltergeschäft hinein, 2001 schuf sich das Unternehmen mit Sky Airlines eine Fluggesellschaft, 2007 kam in Belek noch das Designhotel „Adam & Eve“ dazu. Das sorgte zwar für Auszeichnungen, aber kaum für Gewinn. 2012 verkaufte Kayi die Edelherberge. Anfang Juni scheiterte das Restimperium offenbar daran, dass Banken den Geldhahn zudrehten.

Statt des Glanzes eines Designhotels mit großen Weiß- und Spiegelflächen blieb das Antlitz eines Billigheimers. Wettbewerber sahen sich nicht in der Lage, GTI-Kunden Alternativen zu gleichen Preisen zu bieten. Nur einer kam zu einem anderen Schluss. Der Anbieter WTA-X-Travel aus der Schweiz, der hierzulande den angeschlagenen Anbieter Ama-Reisen gekauft hatte, aber von der Größe eingesessener deutscher Urlaubskonzerne weit entfernt ist.

Doch die Marke GTI wollte auch WTA nicht haben. Der Anbieter kaufte sich vom vorläufigen Insolvenzwalter Dirk Andres lediglich Unternehmensteile, um 60 000 noch gebuchten Urlaubern Alternativurlaube anzupreisen. Einen nicht niedrigen sechsstelligen Betrag soll WTA dafür ausgegeben haben. Nicht wenige Branchenfürsten unken, dass das Unternehmen damit einen zu hohen Preis zahlte.

Die Urlaubssaison überdauern wird indes die Diskussion, ob es künftig auch für Fluggesellschaften eine verbindliche Insolvenzversicherung geben soll, wie sie Pauschalreiseveranstalter vorweisen müssen. Denn Kunden, die ein Urlaubspaket von GTI buchten, durchlebten zwar bange Stunden, bevor sie mit einem Ersatzflug heimreisen konnten oder in einem anderen Hotel Unterschlupf fanden. Doch am Ende konnte jeder Pauschalreisekunde darauf vertrauen, dass der erworbene Sicherungsschein kein wertloses Blatt Papier ist, sondern eine Geld-zurück-Garantie. Die zuständige Hamburger Hanse-Merkur-Gruppe hat bereits vielen Hundert Kunden Geld ausgezahlt. Passagiere, die nur Tickets für die Fluggesellschaft Sky Airlines hatten, stehen hingegen ohne diesen Schutz dar.

Angestoßen hatte die Debatte über den Insolvenzschutz für Fluggesellschaften die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Das Lager der Fürsprecher aus Reisebüros, Touristikern bis hin zu Politikern ist groß. Unverhofft haben sie durch die Insolvenz von GTI und Sky eine Argumentationshilfe bekommen.

Aktuell will die Verbraucherzentrale vor Gerichten erstreiten, dass Fluggesellschaften nicht schon bei der Buchung – und somit oft Monate im Voraus – den vollen Ticketpreis, sondern lediglich eine Anzahlung einfordern dürfen. Schließlich sei das Geld der Passagiere womöglich verloren, wenn der Fluggesellschaft die Mittel ausgingen, argumentieren die Verbraucherschützer. Ihre Klagen richten sich allerdings zunächst nicht gegen türkische Ferienflieger, sondern gegen deutsche Fluggesellschaften wie Lufthansa samt Germanwings, TUI Fly, Condor und die angeschlagene Air Berlin.

Vor allem kleineren Urlaubsveranstaltern kommt dieses Ansinnen gerade recht. Und wenn schon Anzahlungen von Privatkunden gesichert würden, wäre es aus ihrer Sicht ein leichtes, diesen Insolvenzschutz auch auf Zahlungen von Geschäftspartnern auszudehnen. Dass sie Ersatz für ausgefallene Sky-Flüge finden mussten, in denen ihre Pauschalreisekunden sitzen sollen, hat Anbietern wie JT Touristik aus Berlin bis zu sechsstellige Beträge gekostet.

Wenn nach der kleinen Sky Airlines mit zuletzt 15 Flugzeugen eine größere Gesellschaft strauchelte, wären die Folgen für die gesamte Reisebranche verheerender, lautet eine verbreitete Meinung. Dann wären Pauschalreiseanbieter in der Pflicht, für viel mehr Urlauber auf eigene Rechnung neue Flugtickets zu beschaffen. Und nicht jeder hätte genügend Geld dafür in der Kasse. Sogar ein Dominoeffekt, der Reiseveranstalter nach einer Fluglinie mit in die Insolvenz reißt, gilt nicht als ausgeschlossen. Die etablierten Ferienfluggesellschaften haben dennoch erwartungsgemäß erst mal die Forderung nach einem Insolvenzschutz für Flugtickets zurückgewiesen. Bloß weil sich ein Herausforderer wie Sky mit Niedrigpreisen verpokerte, wollen sie nicht sich selbst und ihre Passagiere mit Zusatzkosten durch eine Pflichtversicherung belastet sehen.

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