Mister Hochgeschwindigkeit

F.A.Z. vom 31. Januar 2015 Als Kind spielte er mit einer Carrera-Bahn. Heute lenkt Andreas Stadlbauer den Hersteller und redet über hohes Tempo. Was wäre dieser Mann ohne Autorennbahnen? Im heimischen Hobbykeller steht ein Kurs für schnelle Touren, in seiner Unternehmenszentrale sowieso. Und im Winter wird auch das Wohnzimmer zum Rennstall. Seine Ehefrau nimmt es angeblich gelassen.

Der Österreicher Andreas Stadlbauer ist Mister Carrera. Mit Miniaturrennstrecken verdient der Geschäftsführer der Stadlbauer-Gruppe aus Puch bei Salzburg sein Geld, und das Lenken der kleinen Flitzer ist sein Freizeitsport. Zu Hause wie im Unternehmen gilt: Kein Wagen darf auf die Rennbahn, bevor ihn der Chef micht für gut befunden hat. „Jedes Produkt wird auf höchster Ebene getestet“, sagt Stadlbauer.

Der 47 Jahre alte Carrera-Chef lebt auf der Überholspur der Spielzeugwelt. Zum Gespräch auf der Nürnberger Spielwarenmesse trinkt er Red Bull. Das ist mehr als ein patriotisches Bekenntnis eines Österreichers zu einem Unternehmen aus der Heimat. Der Energydrink ist auch ein Mittel, um im Langzeitrennen der Messetermine wach und fit zu bleiben. Red Bull verleiht zwar nur in der Eigenwerbung Flügel. Hätten Carrera-Autos breite Schwingen, sie würden wohl abheben. „Die Wagen fahren 23 bis 25 Stundenkilometer schnell“, sagt Stadlbauer. „Umgerechnet auf die Originalgröße, entspricht das 600 bis 700 Stundenkilometern.“

Das hohe Tempo macht aus seiner Sicht den Reiz der kleinen Autos aus, schließlich geht es um Wettrennen. „Mein Wagen ist schöner und schneller als deiner, dieses Denken steckt fest in der männlichen DNA“, ist Stadlbauer überzeugt. Und für mehr Tempo nehmen Raser manche Einschränkung hin. Die Flitzer, die es in den Maßstäben 1:24, 1:32 und 1:43 gibt, können nicht aus ihrer Spur heraus und frei wie Formel-eins-Boliden zum Überholen ausscheren.

Carrera-Autos bekommen ihren Fahrstrom aus einem Schlitz – Slot genannt, der die Wagen in der Spur führt. „Ohne Slot lässt sich nicht so schnell durch Kurven fahren, die Fliehkräfte werden zu groß“, erklärt Stadlbauer. Die rasenden Miniaturen würden regelmäßig aus der Rennbahn fliegen. Dass er trotzdem Spurwechsel und Überholen möglich gemacht hat, macht ihn stolz. Die Hochgeschwindigkeitsweichen für die Strecke mögen Zuschauern als Petitesse erscheinen, tatsächlich waren sie eine knifflige Innovation.

Stadlbauer ist nicht seit jeher Mister Carrera. Sein Großvater hatte 1953 als Großhändler für Spielwaren begonnen. In den neunziger Jahren wurde die Familie selbst zum Hersteller, statt bloß mit Puppen, Brettspielen oder Rennautos zu handeln. Mit den Carrera-Rennbahnen nahm das neue Konzept Tempo auf. Ursprünglich kamen sie aus Fürth. Dort hatte sie Hermann Neuhierl konstruiert, Carrera zum Synonym für das Rennspiel aufgebaut und dann beinahe zum Totalschaden manövriert.

Als Stadlbauer und sein Vater Dieter 1999 die Marke übernahmen, gab es Warnungen, dass mit der Videospielära das Rennbahnzeitalter vorbei sei. „Experten fahren Carrera“, hatte die Marke zu Glanzzeiten im Fernsehen geworben. Kurz vor der Jahrtausendwende sahen diese Fachleute nur noch, dass die Wagen stetig minderwertiger wurden. Für einen wie Stadlbauer, der als Kind unter dem Weihnachtsbaum den Miniatur-Ferrari von Niki Lauda lenkte, ein schmerzvoller Anblick. „Wir haben aber immer an die Marke geglaubt“, erinnert er sich. „Die Marke Carrera hatte nie ein Problem, lediglich das Unternehmen war in Schwierigkeiten.“ Mit Investitionen in Technik und Design brachte er Carrera zurück in die Spur.

„Weltmarktführer für Autorennbahnen“, „größter Fahrzeughersteller Österreichs“ – Stadlbauer fallen viele Bezeichnungen für seine neue Pole Position ein. Hierzulande hat wohl kein anderer Rennbahnhersteller eine Chance gegen ihn. Der Marktanteil in dem Spielwarensegment liegt in der Bundesrepublik über 90 Prozent. „In Deutschland werden jährlich etwa 330000 Jungen geboren, genauso viele Sets verkaufen wir hier jedes Jahr“, sagt er.

Dass dennoch nicht in jedem Jungenzimmer eine Carrera-Bahn steht, erklärt Stadlbauer damit, dass seine treuesten Anhänger den Inhalt mehrerer Packungen aufbauen. „Wer eine ganz lange Gerade oder mehr Kurven haben will, kauft ein Set dazu.“ Außerdem gebe es außer ihm selbst viele erwachsene Tempobegeisterte. „Die wollen schöne Autos mit filigranen Details, um gemeinsam Rennen zu fahren“, sagt er. Für diese Kunden nimmt er 2015 Nachbildungen einer Corvette C7.R, des Ferrari 458 Italia GT3 oder eines Porsche 917K Martini International neu ins Sortiment. „Das ist nicht bloß ein Spielzeug, sondern Motorsport für zu Hause. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist im Hobbykeller dafür auch genug Platz.“

Aktuelle Geschäftszahlen nennt Stadlbauer nicht – nur so viel: Mehr als 65 Prozent des Umsatzes, den er in der Vergangenheit mal auf 150 Millionen Euro bezifferte, fahren die Carrera-Wagen ein. Mittlerweile dürfte er mehr erlösen. Die Rennmarke steht auch für Fernlenkautos, Minidrohnen und sogar Brettspiele. Zudem ist Stadlbauer Marktführer im Geschäft mit einem beschaulichen Produkt wie Seifenblasen. Die Marke Pustefix hat er dem Unternehmen ebenso einverleibt wie Baufix-Holzspielsets. Jüngster Neuzugang ist die Puppenmarke Schildkröt aus Thüringen, die er 2014 kaufte. In der Bundesrepublik ist Stadlbauer die Nummer neun unter allen Spielzeugherstellern.

Sorgen, dass eines Tages weniger Anhänger bei Rennen mitfiebern, macht sich der Österreicher nicht – obwohl Autos bei jungen Männern immer weniger als Statussymbol gelten. „Die Autos in unserem Sortiment sind keine Alltagsautos, sondern Traumfahrzeuge“, sagt Stadlbauer. Träume bleiben weiter bestehen. „Technologisch gesehen, findet die Innovation in den Fahrzeugen statt – die Straße beziehungsweise unsere Schienen haben sich in den letzten Jahren kaum verändert.“ Und wenn statt röhrender Boliden Elektromobile über Pisten sausen, ist er auch zufrieden. „Ich bin begeistert von Elektroautos, die haben eine tolle Beschleunigung“, schwärmt Stadlbauer. Die Elektro-Serie Formel E verfolgt er ebenso gern wie die Formel eins. Carrera-Flitzer düsen sowieso seit jeher mit einem leisen Schleifen durch Kurven.

Mehr auf timo-kotowski.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *