Kluges Fernsehen

Zuschlage für Extravaganz – RTL muss weiterhin die Skurrilitäten von “10 vor 11″ und “Prime Time Spätausgabe” zeigen. Die Firma dctp bekam von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt den Zuschlag, weiterhin die Programmfenster zu füllen. So soll Meinungsvielfalt gesichert werden.

Der Bildschirm wird schwarz – vier weiße Kleinbuchstaben erscheinen, rot unterstrichen: dctp – die Abkürzung für Development Company for Television Programm. Was danach folgt, zählt zu den Sonderbarkeiten des deutschen Privatfernsehens. Sendungen wie das Magazin “10 vor 11″ oder “Prime Time Spätausgabe” – kennt kaum jemand, schaut kaum jemand. Trotzdem laufen sie einmal pro Woche auf dem Kanal, den sonst Serien und Shows von RTL füllen –erstmals am 2. Mai 1988.

Kaum zu glauben, dass der Kölner Sender, der sonst sehr auf gute Quoten bedacht ist, für dieses Format alle marktwirtschaftlichen Grundsätze des Privatfernsehens missachtet. Tut er auch nicht. RTL ist verpflichtet, “10 vor 11″ auszustrahlen – auf Gedeih und Verderb, auch wenn irgendwann mal niemand zuschaut. Und nach der jüngsten Entscheidung der Niedersächsischen Landesmedienanstalt und der Medienkommission KEK hält dieser Zustand noch mindestens bis ins Jahr 2013 an.

Zu den schärfsten Kritikern dieser Fensterregelung zählte in der Vergangenheit Roger Schawinski, Ex-Geschäftsführer von Sat1, das auch Sendungen von dctp zeigen muss. Schawinskis. Seine Vorwürfe: zu teuer, zu unpopulär. In seinem Buch “Die TV-Falle” berichtete er über eine Testorder von Reportagen, die er veranlasst hatte. Sein Ergebnis: “Wir kauften die Reportagen für etwa ein Drittel des Preises ein.” Über die Sendung “News & Stories”, das Sat1-Gegenstück zu “10 vor 11″ bei RTL schrieb er: “Der verdiente, äußerst kultivierte und sympathische Alexander Kluge frönt hier offen seinen privaten Hobbys und liefert Sendungen, die sich sonst im gesamten deutschen Fernsehen nirgendwo finden, in ihrer Radikalität nicht einmal bei 3Sat oder Arte.”

Damit geht es nun weiter. Für fünf weitere Jahre hat dctp die Lizenz bekommen, Programmplätze bei RTL mit Sendungen zu füllen, die wohl einem ganz besonderen Anspruch genügen. Fünf weitere Jahre Magazine und Reportagen von Kluges FirmaKairos, einem Produktionspartner des Unternehmens dctp, an dem Kluge 37,5 Prozent hält. Sendungen, bei denen die Anmoderation durch ein Laufband mit weißen Buchstaben ersetzt wird, in denen lange Interviews mit nur einer Kameraeinstellunggezeigt werden oder Musiker Helge Schneider als Abrissunternehmer Borovskyauftreten darf.

Eine Seltsamkeit, die durch die Formal “Sicherung der Meinungsvielfalt” gerechtfertigt wird. Denn laut § 26 Absatz 5 des Rundfunkstaatsvertrags hat jeder Veranstalter eines Vollprogramms – also auch RTL – Sendezeit an Dritte abzugeben, sofern der Marktanteil des Senders im Durchschnitt eines Jahres über zehn Prozent liegt. Gleiches gilt, wenn eine Sendergruppe mehr als 20 Prozent Zuschaueranteil erreicht.

Damit nicht genug, laut § 31 müssen Inhalte “aus den Bereichen Kultur, Bildung und Information” gezeigt werden, ohne dass der Sender Einfluss darauf nehmen kann – und das Woche für Woche vier Stunden und 20 Minuten lang, wobei 75 Minuten vor 23.30 Uhr ausgestrahlt werden müssen. Allerdings dürfen Regionalfernsehsendungen bis maximal 80 Minuten pro Woche angerechnet werden. Bezahlen muss der Veranstalter des Vollprogramms, also RTL – und zwar keinen marktüblichen Preis für den günstigsten Anbieter, sondern für den Anbieter, den die zuständige Landesmedienanstalt dem Sender zugewiesen hat.

Viele Vorschriften für die Meinungsvielfalt, doch gerade die sehen Kritiker der Regelung durch die Regelung nicht gesichert. Denn dctp ist der Platzhirsch unter den Fensterprogrammen, sendet in Nischen bei RTL und Sat1, liefert Sendungen für VOX und war Mitveranstalter des ehemaligen Senders XXP. Immer dieselbe Firma – und das schon seit langem, Vielfalt nach dem besonderen Verständnis der zuständigen Landesmedienanstalten in Hannover für RTL und in Mainz für Sat1.

Das Nachsehen bei der Vergabeentscheidung der Niedersächsischen Landesmedienanstalt hatte Ex-Mister-Tagesthemen Ulrich Wickert. Seine Produktionsfirma UWP bekam nicht den Zuschlag. Eine Entscheidung, die bei RTL wohl nicht nur Bedauern auslöst. Denn außer den Quotenkillern “10 vor 11″ und “Primetime Spätausgabe” bleibt auch “Stern TV” erhalten, das ebenfalls unter dem dctp-Siegel für den Kölner Sender produziert wird.

Übrigens: Sonntag um 23.50 Uhr spricht in der „Prime Time“ Lucy Redler über politischen Streik und soziale Gegenwehr, in der Nacht von Montag auf Dienstag redet bei „10 vor 11“ unter dem Titel „Von der Dichtung zur Tat“ Thomas Karlauf über Stefan George und seinen Kreis. Einschalten – und dabei der Frage nachgehen, ob im Zeitalter von digitalen Fernsehen und Internet Vorschriften wie die Fensterprogrammregelung überhaupt noch sinnvoll sind.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog Vanity Care.

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