Touristiker und ihre Lotterie der Reisepreise

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F.A.Z. vom 20.Juli 2013  Plus 2 Prozent, minus 3 Prozent und mal plus/minus-Null. Reiseveranstalter geben viele Prognosen ab zu den Urlaubspreisen – mit beschränkter Aussagekraft.

Plus 2 Prozent, minus 3 Prozent und mal plus/minus-Null. Die Zahlen sind verkündet, und sie geben keine Veränderungen von Börsenkursen an, sondern die Entwicklung von Reisepreisen, auf die sich Urlauber für die bevorstehende Wintersaison einstellen müssen – zumindest wenn sie den Prognosen der Reiseveranstalter folgen. Im Halbjahrestakt nennen TUI, Thomas Cook, DER Touristik und Co. die Veränderungsraten für ihre Preise. Wenige Tage bevor die neuen Reisekataloge in den Reisebüros des Landes eintreffen, warten die Urlaubsmacher mit ihren eigentümlichen Zahlenparaden auf.

1,5 Prozent mehr kosten Fernreisen im Winter, 2,5 Prozent mehr müssen Urlauber für Flugreisen zu näheren Zielen wie den Kanarischen Inseln zahlen – sagt der Marktführer TUI. Wettbewerber DER-Touristik aus der Rewe-Gruppe kündigt einen Aufschlag von 2 Prozent für Ziele in Fernost und in der Karibik an – ebenso der Münchner Reiseveranstalter FTI.

Europas zweitgrößter Reisekonzern Thomas Cook spricht hingegen von „weitgehend stabilen“ Preisen, insbesondere für Fernreisen. Nähere Flugziele verzeichneten hingegen „eine leichte Steigerung im Rahmen der allgemeinen Inflation“. DER wiederum stellt für das eigene Portfolio in Aussicht, dass die mit kürzeren Flügen erreichbaren Destinationen wie Ägypten oder die Kanaren „im Schnitt um 3 Prozent günstiger“ zu erreichen sein werden.

Einig sind sich die Reisekonzerne nicht, wenn sie über die Preisentwicklung sprechen. Wer jetzt schon wissen möchte, ob er für den nächsten Familienurlaub mehr berappen muss, steht vor einem Wirrwarr der Prognosen. Das ergibt sich auch schon dadurch, dass die Touristiker unterschiedliche Konditionen mit Fluggesellschaften und Hoteliers aushandeln. Insgesamt deuten die Preisaussagen aber bestenfalls Trends an – genau dann veröffentlicht, wenn die Angebote für die nächste Saison in die Reisebüros gelangen. Eine Aussage zum Durchschnittspreis der kommenden Saison bis auf die Nachkommastelle ist dabei genauso zuverlässig wie die Vorhersage der Lottozahlen.

Trotzdem warten die Reisekonzerne regelmäßig mit Informationen auf, dass der Preis für die Urlaubsreise steigen, sinken oder stabil blieben werde. Eine besondere Rechnung machte jüngst Sören Hartmann, Geschäftsführer der Pauschalreisesparte von DER Touristik, auf. Ägypten und die Kanarischen Inseln vereinten in der Wintersaison zwei Drittel des von ihm verantworteten Gesamtvolumens und würden nunmehr günstiger angeboten. Der DER-Umsatz werde aber steigen. Kaum möglich? In der Touristik schon. Bei den Aussagen zu den Preisen handele es sich um das „Ausgangspreisbild“, erklärte Hartmann auf Nachfrage. Soll heißen: In den sechs Monaten des Winterhalbjahres kann sich noch vieles ändern.

Die Preisaussagen erscheinen wie ein Relikt aus früherer Zeit. Reiseveranstalter schickten damals ihre Hoteleinkäufer auf Tour, die brachten vertraglich gesicherte Zimmerkontingente zurück in die Zentrale, dann wurden die Kataloge gedruckt, und der emsige Verkauf begann. Was kurz vor Ferienbeginn übrig war, landete mit Abschlag an den Last-Minute-Theken am Flughafen. So übersichtlich ist die Tourismuswelt nicht mehr. Neben Reisebüros sind Internetportale als Verkaufsweg getreten. Auch die Wege, wie Pauschalurlaubspakete mit Flug, Transferfahrt und Hotelaufenthalt entstehen, haben sich im Online-Zeitalter verlagert.

Längst ist die Reisewelt zweigeteilt – in die Welt der Kataloge mit den eingedruckten Preisen und die Welt der sogenannten systemischen Produktion, die ohne gedruckte Preistabellen auskommt. Angebote werden aus Datenbanken eingespeist, Preise nach Nachfrage und Verfügbarkeit täglich, zuweilen mehrmals am Tag angepasst.

Eine Ahnung, wie sich die Gewichte zwischen den beiden Teilen der Tourismuswelt verschoben haben, gab jüngst Thomas Cook. Von 14 433 Hotels, die der Veranstalter im Winter unter Marken wie Neckermann-Reisen oder Öger-Tours vertreibt, stehen 9020 in keinem Katalog, sind nur elektronisch abzurufen – entweder vom Reisebüromitarbeiter aus seinem Buchungssystem oder von jedem Kunden zuhause in Reiseportalen.

Rutscht eine Fluggesellschaft wie zuletzt Sky Airlines in die Insolvenz, buchen Urlauber wie 2011 Bulgarien statt Tunesien oder aktuell Spanien und Türkei statt Ägypten, hat das Folgen auf das Preisgefüge. Selbst versierte Tourismusmanager tun sich schwer, eine Prognose für die Durchschnittspreise einer gesamten Saison abzugeben. „Den einen Reisepreis gibt es nicht – nicht mal bezogen auf ein Land“, sagt ein Fachmann.

Der Urlaubsverkäufer, der zunächst günstig anbietet, sammelt in der immer wichtiger werdenden Frühbucherphase Marktanteile, hat aber weniger Schnäppchen für Spätbucher. Wer anfangs auf Niedrigpreise verzichtet, hält zumindest eine Zeitlang seine Margen stabil. Auch den Pressestellen der Reisekonzerne sind die Preisaussagen nicht ganz geheuer – aber sie verbreiten die Meldungen dazu trotzdem. „Wenn ich keine Aussage zur Preisentwicklung in unsere Informationen hineinschreibe, wird innerhalb von wenigen Minuten danach gefragt“, sagt ein Sprecher.

Derweil legen die Veranstalter neue Erklärungen nach, warum beispielsweise Reisen ins mit Auseinandersetzungen auf dem Kairoer Tahir-Platz verknüpfte Ägypten mal günstiger und sogar auch mal teurer werden. So teilte DER-Touristik mit, man habe günstig Flug- und Hotelkapazitäten eingekauft. Dabei habe sich bezahlt gemacht, dass das Unternehmen „mit Partnern über Jahre vertrauensvoll zusammenarbeitet“, sagt Geschäftsführer Hartmann.

Thomas-Cook-Deutschland-Chef Michael Tenzer begründet Aufschläge indes mit staatlichen Abgaben, die an die Kunden weitergereicht werden müssten. „Wichtige Urlaubsländer haben Steuern und Gebühren eingeführt oder bestehende Abgaben erhöht. Inzwischen liegt der Anteil dieser Abgaben an einer klassischen Pauschalreise bei bis zu 15 Prozent“, sagt Tenzer. Mit einer erhöhten Visumgebühr und einer neuen Sicherheitsabgabe je Abflug zähle Ägypten zu den Spitzenreitern. „Die neuen Steuern werden dazu führen, dass einige Urlauber ein anderes Ziel aussuchen“, prognostiziert Tenzer. Und das kann sich wiederum auf das Preisgefüge auswirken.

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