Hellas putzt sich für Sommerurlauber heraus

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2011 Mit Erfolgsnachrichten können griechische Politiker aktuell kaum aufwarten. Doch für George Nikitiades hat Hellas’ Aufschwung schon begonnen. Seit gut einem Jahr kümmert sich der stellvertretende Minister für Kultur und Tourismus darum, dass Urlauber die Inseln von Korfu bis Kreta als Urlaubsziel wieder entdecken. Nach fünf Jahren mit rückläufigen Einnahmen ist er regelrecht euphorisch, ausgerechnet im Jahr der Schuldenkrise die Wende zu schaffen.

“Griechenland kommt zurück auf den Markt und wird nicht wieder weggehen”, verkündet er. Aktuelle Buchungszahlen bestätigen seine Voraussage. Für die Inseln Kos und Rhodos lagen die Buchungen im April um 90 Prozent und mehr über dem Vorjahresniveau. Die zusätzlichen Urlauber kommen aus neu für Griechenlandreisen erschlossenen Märkten wie Russland und Israel. Wesentlich zur Erholung tragen zudem deutsche Urlauber bei. Die Veranstalter hierzulande verzeichnen zweistellige Wachstumsraten. Vor allem die Strände von Kos sind 2011 hierzulande beliebt. Die großen Anbieter wie TUI und Thomas Cook haben sich auf die Renaissance der Griechenlandreisen eingestellt und in neue Hotelanlagen im Premiumsegment investiert. Um die Reisenden dorthin zu bringen, lässt TUI die Flugzeuge der konzerneigenen Fluggesellschaft TUIfly in diesem Sommer häufiger gen Griechenland abheben.

Nikitiades räumt ein, dass sein Land auch deshalb wieder mehr Gäste anlockt, weil viele Urlauber Reisen nach Nordafrika scheuen. Ganz in der Rolle des Diplomaten erklärt er: “Wir wollen nicht zum Leidwesen anderer wachsen. Auch Ägypten wird bald ein gutes Comeback erleben.” Doch zuerst will der in New York geborene und auf Kos aufgewachsene Politiker Erfolgsnachrichten für sein Heimatland produzieren. Und das ist keine leichte Aufgabe, denn in der griechischen Tourismusbranche hat sich ein gewaltiger Investitionsstau aufgebaut. Hotels, die über Jahre nie renoviert wurden, waren kein Klischee, sondern Realität. Dieser Missstand hatte zuletzt mit dazu beigetragen, dass sich Touristen vor allem von den früh für das Reisegeschäft erschlossenen Inseln wie Rhodos oder Korfu abgewendet hatten. Und die Gäste, die dennoch kamen, zahlten bis zu 35 Prozent weniger.

Investitionen waren nötiger denn je. Doch für finanzielle Hilfen fehlt dem Staat das Geld. Nikitiades versucht es mit kleinen Anreizen. Flughafengebühren wurden gesenkt, Hoteliers, die ihr Haus vom Drei- zum Vier-Sterne-Haus herausputzen, bekommen Steuernachlässe. Ergänzend setzt Nikitiades ein ambitioniertes Wachstumsprogramm ein. Urlauber sollen nicht nur im Sommer nach Griechenland fliegen. “Wir können nicht wettbewerbsfähig sein, wenn wir nur vier bis fünf Monate im Jahr öffnen”, mahnt er die Hotelbetreiber in seiner Heimat.

Frühere Versuche, die Saison zu verlängern, waren daran gescheitert, dass Hoteliers in ihren Häusern früh die Winterruhe beginnen ließen. Künftig – so will es Nikitiades – sollen Urlauber von März bis November nie auf verschlossene Hotels stoßen. Außerdem will er mehr Kreuzfahrtschiffe anlocken. Zwar klagen schon aktuell in Onlineforen Urlauber über verstopfte Altstadtstraßen auf Rhodos, wenn Passagiere von fünf oder mehr Schiffen gleichzeitig zum Landgang ausströmen. Nikitiades hofft indes, dass Reedereien auch im Frühjahr und Herbst Kos, Santorin oder Kreta ansteuern. “Ich möchte die Zahl der Kreuzfahrtgäste verdoppeln”, verkündet er.

Zum Leidwesen der etablierten Reiseveranstalter buhlt Nikitiades auch darum, dass Billigfluggesellschaften wie Ryanair mehr Inseln in ihren Flugplan aufnehmen. “Ein Billigflugpassagier ist kein sparsamer Urlauber”, erklärt er. Urlauber, die mit Gesellschaften wie Ryanair anreisten, gäben einer Untersuchung seines Hauses zufolge mehr Geld im Urlaub aus. Die etablierten Anbieter müssten dennoch nicht um ihr Geschäft fürchten. “Wir wollen bloß 2 Prozent des europäischen Low-Cost-Marktes zu uns lenken”, sagt Nikitiades. Das sei weniger, als spanische Ziele schon aktuell erreicht hätten.

Wenn er über die Wende im griechischen Tourismus spricht, ist Nikitiades zuweilen über sich erstaunt. Dass sich der Staat von Flughäfen und Häfen trenne, sei nicht nur unvermeidlich, sondern nötig. “Privatisierung ist der einzige Weg, um wettbewerbsfähig zu werden”, sagt Nikitiades – obwohl er eigentlich Sozialist sei, wie er leise hinzufügt. Einst war er in der sozialistischen Bewegung des Landes aktiv und hatte die sozialdemokratische Partei Pasok mitgegründet. Doch anders sieht er keine Chance für den Tourismus in dem Land, in dem es wegen der vielen Inseln dreimal so viele Verkehrsflughäfen wie in Deutschland gibt.

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