Wird Google der Reisebranche gefährlich?

tkde-google

Vor allem Onlinereiseportale zittern vor dem Internetkonzern. TUI glaubt derweil schon zu wissen, wo man den Kampf um Kunden in der Reisewelt aufnehmen muss: im Hotelbett.

F.A.Z. vom 26. September 2014 Google, immer wieder Google. Wenn Reisemanager über die Urlaubswelt der Zukunft diskutieren, fällt der Name des Internetkonzerns häufiger als der des Ferienreise-Marktführers TUI. Das war auch auf dem Reisekongress so, den das Fachmagazin „FVW“ diese Woche veranstaltet hat. Dort trat ein Google-Manager mit dem Titel „Head of Travel“ auf – frei übersetzt der Chefreiseleiter für den Konzern in Deutschland. Einst gestaltete er Fernreisen – Arbeitgeber war TUI. Nun versprach Christian Bärwind in Köln, Google wolle auf Anfragen stets die „relevantesten Antworten“ liefern. Das gelte natürlich auch für das Suchen nach den schönsten oder günstigsten Reisen.

Bärwinds Versprechen dürfte mancher Touristiker eher als Drohung verstehen. Vor allem Online-Reiseportale fürchten um ihr Geschäft – das Suchen, Finden und Verkaufen von Urlaubstouren. Gespannt blickt die Branche nach Brüssel, ob die EU-Kommission am Ende ihres Verfahrens gegen Google den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung im Suchmaschinengeschäft für das Vordringen auf den Reisemarkt unterbinden wird. Dazu kommt die Furcht, dass sich Google mit seinem Hotelfinder und seiner Flugsuche in der Urlaubswelt einrichtet. Denn wer Hotelzimmer und Flugverbindungen anpreist, könnte auch Pakete aus Hotel und Flug – klassische Pauschalreisen – zeigen. Zwar beteuert Bärwind, dass Google keinen langfristigen Schlachtplan für die Reisebranche habe. Ängste nimmt er den Touristikern damit aber nicht.

In der Reisebranche ist viel in Bewegung geraten. Übersichtlich war das Geschäft, als Konzerne wie TUI, Thomas Cook oder DER aus der Rewe-Gruppe Reisekapazitäten einkauften und bloß von Reisebüros sowie von Portalen wie Holidaycheck oder Weg.de verkaufen ließen. Die Vermittler kassieren dafür Provisionen von um die 10 Prozent des Reisepreises. Dazu kamen dann Anbieter wie Booking.com, auf deren Seiten Hotels Zimmer ohne Beteiligung eines Reisekonzerns anbieten. Die Hoteliers bestimmen die veröffentlichten Preise selbst, zahlen für jede Buchung eine provisionsähnliche Gebühr. Zuletzt traten Anbieter wie Trivago auf. Sie führen Angebote verschiedener Portale in einer Übersicht zusammen – und lassen sich die Clicks auf Angebote bezahlen.

Zwischen all diesen Anbietern und den Reisekonzernen, die Urlaubspakete auch über eigene Internetseiten feilbieten, tobt ein Kampf um die Aufmerksamkeit der Reisenden. Der wird noch angeheizt, weil nun Google vorprescht. Schon bevor der Internetkonzern in der Reisewelt ankam, schnellten die Werbekosten der Portale hoch. Innerhalb von fünf Jahren versiebenfachten sich ihre Ausgaben für Spots im deutschen Fernsehen auf 272 Millionen Euro. Auch im Internet wurde es für sie teurer. Auf 70 bis 120 Euro schätzt ein Fachmann die Ausgaben, die ein Anbieter je verkaufte Reise für Anzeigen ausgibt, die Google zu Suchanfragen einblendet. Reisebüroprovisionen sind selten höher.

„E-Commerce ist unter dem Strich teurer als der Verkauf über das Reisebüro“, sagt Martin Lambeck, der das Internetgeschäft des Reiseveranstalters Alltours verantwortet. Durch Google könnte sich diese Entwicklung verstärken, sorgt sich die Branche. Anbieter, die sich nicht prominent genug in der traditionellen Suche wiederfinden, können sich im kommerziellen Teil der Google-Seiten Beachtung kaufen. Dabei gilt: Wer am meisten zahlt, wird am schnellsten gefunden.

Vor drei Jahren stellte Google seinen Hotelfinder in Amerika vor. Die deutschen Touristiker diskutieren erst jetzt ihre Zukunftsstrategien – und üben auch Selbstkritik. „Es ist nicht so, dass die Weise, wie wir das Internet heute nutzen, dem Kunden hilft“, sagt Dirk Föste vom Reiseveranstalter FTI. Vom ersten Gedanken an den Urlaub bis zur Buchung im Internet vergingen im Durchschnitt 120 Tage, sagt Föste. Kunden, die im Reisebüro buchten, entschieden sich nach 80 Tagen. Die relevantesten Antworten, die Google verspricht, finden Urlaubskunden folglich aktuell nicht auf Anhieb im Netz.

Für Friedrich Joussen, den Vorstandschef der TUI, liegt die Antwort auf den Wandel in der digitalen Reisewelt daher in den realen Urlaubsregionen. „Auch ein Internetkunde muss irgendwann im Hotelbett liegen. Wenn wir uns auf unsere Produkte konzentrieren, haben wir die besseren Chancen“, sagt er. Mehr exklusive Unterkünfte, mehr auf Bedürfnisse unterschiedlicher Kunden zugeschnittene Konzepthotels lautet seine Marschrichtung. „Das Hotel macht 60 Prozent des Kundenerlebnisses aus. Ist das Hotel gut, ist der Urlaub gut“, sagt Joussen. Wenn Reisekonzerne die Möglichkeiten zur Differenzierung nicht voll nutzten, „werden wir gegenüber den Spielern im Internet ein echtes Problem bekommen“, warnt er.

Mehr auf timo-kotowski.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *