Netter als Uber

F.A.Z. vom 7. August 2018. Die Gründer begannen mit Luftmatratzen auf dem Boden. Sie schufen mit Airbnb einen Reisekonzern, der anders als andere Sharing-Economy-Betriebe ohne Skandal auskommt.

Meldungen über Konflikte gibt es aus der Sphäre dieses Trios nicht. Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk haben vor zehn Jahren den Unterkunftsvermittler Airbnb gegründet. „Völlig verrückt“ hätten damals die meisten Menschen die Idee gefunden, dass Fremde in Wohnungen übernachten würden“, sagt der 36 Jahre alte Chesky. Doch mittlerweile haben er und seine beiden Mitgründer mehr als 300 Millionen Übernachtungen in fremden Appartements, ausgefallenen Quartieren vom Leuchtturm bis zur Almhütte und in exquisiten Landhäusern vermittelt. 2028 sollen es eine Milliarde Nächte sein – innerhalb eines Jahres.

Nicht allen Stadtoberen gefällt dieser Expansionsdrang. In der Geschäftsidee wird die Wurzel allen Ungemachs auf dem Wohnungsmarkt gesehen. Doch eine harte Replik auf den Vorwurf der massenhaften Zweckentfremdung von Wohnraum gibt es von Chesky, seinen Mitstreitern und Angestellten nicht. Hierzulande droht München Airbnb zum zehnten Jahrestag der Gründung mit einem Zwangsgeld von 300 000 Euro, sofern das Unternehmen nicht Daten von bayerischen Anbietern offenlegt. Airbnb preist lieber das neue Miteinander mit Frankfurt; für die Stadt zieht die Plattform seit Monatsbeginn den kommunalen Tourismusbeitrag ein. Schließlich, so erklärt es Airbnb, arbeite man mit Städten zusammen, „um einen verantwortungsvollen Tourismus zu unterstützen“.

In der Außendarstellung präsentiert sich Airbnb als der nettere Verwandte von Uber. Die Appartement-Plattform und der Fahrdienstvermittler sind in einer Welle von Gründungen unter dem Schlagwort der Sharing-Economy entstanden. Uber stänkerte gegen schlechte Taxi-Angebote, wollte rechtliche Grenzen einreißen und musste letztlich den Rückwärtsgang einlegen. Das Trio mit Chesky kann dagegen für 2017 das erste Jahr mit Gewinn aufweisen. Zahlen nennt Airbnb genauso wenig wie ein Datum für einen Börsengang, über den seit Jahren spekuliert wird. 2018 wird es nichts mehr.

Uber-Gründer Travis Kalanick fiel vor seinem Rückzug auch durch rüpelhaftes Verhalten auf; aus dem Unternehmen kamen Sexismus-Vorwürfe. Bei Airbnb berichtet Mitgründer Blecharczyk von Reisen mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern. Für schwierige Themen hat man mit Chris Lehane einen Strategen engagiert, der einst den amerikanischen Präsident Bill Clinton beriet und Sprecher des Vizepräsidenten Al Gore war. Airbnb erscheint als Anti-Uber.

Gut aussehen, ein sympathisches Bild abgeben – das gehört mit zur Strategie von Airbnb. Chesky und Gebbia haben Design-Studiengänge abgeschlossen, und sie sind Vermarktungskünstler. Früh mussten sie erkennen, dass ihre Geschäftsidee mit der Vermittlung von Wohnungen und Schlafplätzen gar nicht so revolutionär war. Das Teilen von Übernachtungsgelegenheiten in einer Gemeinschaft, die sich über das Internet findet, gab es zum Zeitpunkt der Airbnb-Gründung schon unter dem Namen Couchsurfing. Das tageweise Vermieten von Appartements an Urlauber ist der Kern der Ferienhausbranche.

Dass Airbnb dennoch der Ruf des Erschaffers eines neuen Geschäftszweigs zufiel, hat weniger mit Ideologie und Philosophie einer Wirtschaft des Teilens tun, sondern mit der optischen Präsentation und der Technik hinter der Plattform. Für die Gestaltung sorgten Chesky und Gebbia mit ihrem Designwissen selbst, für die Programmierung holten sie den befreundeten Blecharczyk mit an Bord. Während anderswo Ferienwohnungen vor zehn Jahren mit einem eher mäßigen oder gar keinem Foto beworben wurden, legten die Gründer Wert auf eine ansprechende Präsentation. Es wurden sogar von Airbnb angeheuerte Fotografen zu angebotenen Quartieren geschickt. Und technisch war Airbnb die erste Plattform, die Online-Buchungen von Ferienwohnungen mit sofortiger Prüfung, ob diese frei sind, ermöglichte. Für Unterkünfte mit weniger Betten als Großhotels galt das zuvor als zu aufwendig. Andere Plattformen boten damals statt einer Klickfläche zum Buchen noch Telefonnummern für die Kontaktaufnahme zum Vermieter.

Zur Vermarktung von Airbnb gehört auch, dass die Gründungsanekdote immer wieder erzählt wird. Im Herbst 2008 hatten Chesky und Gebbia nämlich Mühe, die Miete für eine Wohnung in San Francisco aufzubringen. Während eines Designkongresses vermieteten sie daher ein paar Quadratmeter samt Luftmatratze an Tagungsteilnehmer weiter. Airbnb sei nicht bloß eine Onlineplattform, sondern eine Gemeinschaft von Reisenden, die sich wechselseitig Wohnungen überlassen und tolle Erlebnisse ermöglichten; diese Botschaft verkünden das Unternehmen und seine Gründer bis heute.

Dabei hat das Airbnb-Geschäft mittlerweile fast nichts mehr mit Matratzen auf dem Boden für die Nacht und einem Becher Kaffee zum Wachwerden am Morgen zu tun. Das spartanische Zimmer lässt sich immer noch auf der Plattform finden, doch daneben finden sich Großstadtappartements mit exquisiter Möblierung und feudale Landsitze.

Und die große Vision des Unternehmens, das inzwischen mit mehr als 30 Milliarden Dollar bewertet wird, ist es, einer der großen Reisevermittler zu werden – nach der Devise: Hotelzimmer gibt es bei Booking.com, die übrigen Reiseleistungen bei Airbnb. Amazon hat mit dem Versand von Büchern begonnen und dann den Handel Warengruppe für Warengruppe erobert, Airbnb würde das nur zu gern mit Reisen wiederholen. Größer als das Risiko, von Kommunalpolitikern in Zweckentfremdungs-Debatten ausgebremst zu werden, gilt in der Branche die Gefahr, dass Airbnb den Ruf als Alternative zur Urlaubsindustrie verlieren könnte. Um das zu verhindern, werden die Gründer einmal mehr ihr Vermarktungsgeschick unter Beweis stellen müssen.

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