Zwei Zimmer, Küche, Bad, Urlaub

F.A.Z. vom 5. August 2014 Die Ferienwohnung ist das liebste Urlaubsdomizil der Deutschen zwischen Ostsee und Alpen. Mit einem großen Hausputz wollen Vermittler Herausforderern wie Airbnb Paroli bieten.

Ferienhaus – das klingt nach roter Hütte in skandinavischer Anmutung und nach Kiefernsitzgruppe in der Küche. Doch die Deutschen lieben Ferienhäuser, vor allem wenn sie Urlaub im Heimatland machen. Das Frühstück auf der eigenen Terrasse, das selbst zubereitete Abendessen und die Erfahrung, nicht in einem austauschbaren Hotelzimmer aufzuwachen, werden geschätzt. 36 Prozent der Anreisen führen zu einer Ferienwohnung oder einem Ferienhaus. Seit Jahren bleibt der Marktanteil erstaunlich konstant und stets größer als der von Hotels. Zählt man Pensionen und Fremdenzimmer hinzu, ist die Hälfte des Inlandsferienmarkts beschrieben. Der Rest der Urlauber schläft auf Campingplätzen, in Jugendherbergen oder doch in Hotels.

Das Ferienhausgeschäft ist ein heimlicher Riese auf dem Reisemarkt. Doch zwischen der wirtschaftlichen Bedeutung und der Wahrnehmung klafft eine Lücke. Dazu kommt als jüngstes Leid der Ferienhausvermittler, dass Gespräche über ihr Geschäft schnell zu Namen wie Airbnb führen. Die Hausanbieter und der Internetemporkömmling werben beide mit dem Versprechen, keinen Urlaub von der Stange zu verkaufen. Wer aber bloß ein Schild „Zimmer frei“ ins Fenster stellt oder einen Zettel in der Touristinfo aushängt, sieht gegen die Online-Börse aus Amerika alt aus. Die hat sich aufgemacht, den Reisemarkt zu revolutionieren. Jeder, der verreist, kann mit seinem Haus selbst zum Anbieter werden: die Ferienwohnung von jedermann für jedermann.

Traditionsgeschäft gegen Neuling – ein Wettkampf ist entfacht. „Ferienhausurlaub gab es schon, als es Airbnb noch gar nicht gab“, sagt Tobias Wann, der Präsident des Deutschen Ferienhausverbands. Die Bundesbürger erholten sich bereits in Ferienwohnungen, als der 32 Jahre alte Airbnb-Gründer Brian Chesky noch nicht geboren war. Im Hauptberuf führt Wann das Vermittlungsportal Fewo-Direkt. Und er will das Ferienhausgeschäft vom Staub der Jahrzehnte befreien. In Großstädten wie Berlin hat Airbnb indes schon die Nase vorn mit einer fünfstelligen Zahl an Quartieren – zehnmal so vielen wie Fewo-Direkt. Auf dem Land ist die Rangfolge umgekehrt. Auf der Insel Rügen kommt das amerikanische Portal auf eine niedrige dreistellige Zahl an Domizilen. Vermittler wie Fewo oder E-Domizil zählen Tausende Angebote.

Die Moderne in Gebirgstäler und Küstendörfer zu bringen ist keine leichte Aufgabe. Es mangelt schon an Zahlen, wie groß der Ferienwohnungsmarkt ist. „Niemand weiß genau, wie viele Ferienhäuser es in Deutschland gibt“, räumt Claudia Gilles, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Tourismusverbands, ein. Im Jahr 2010 sollen die Unterkünfte für 19,6 Milliarden Euro Umsatz gesorgt haben. Neuere Zahlen fehlen, und es ist unklar, ob der Markt damals vollständig erfasst worden ist. Gilles schätzt, dass es rund 300000 Domizile gibt. Ihr Verband, der für die Häuser und Wohnungen ein Siegel mit einem bis fünf Sternen ähnlich der Hotelkategorien anbietet, hat seine Prüfer erst in 60000 Unterkünfte schicken können.

Fewo-Direkt und E-Domizil haben mehr Adressen in ihren Datenbanken. Vollständig sind die Listen trotzdem nicht. Zu viele Ferienwohnungseigner arbeiten noch in der Abgeschiedenheit des Ländlichen. In den vertanen Gelegenheiten der Vergangenheit sieht Detlev Schäferjohann, Gründer von E-Domizil, aber den Antrieb für sein Geschäft. „Die größte Wachstumschance ist die Überführung von Ferienwohnungen aus dem grauen in den professionellen Markt“, sagt er.

Im Jahr 2000 hat sich der frühere Mc-Kinsey-Berater dem Ferienhausgeschäft verschrieben. Wahrscheinlich wäre Schäferjohann, der eine Ausbildung bei der Bundesbank absolvierte und danach Finanzinstitute beriet, nie ins Reisegeschäft gekommen, wenn er nicht selbst die Hürden der Urlaubsplanung erlebt hätte. „In der Vorinternetzeit war die Ferienhausbuchung ein Vabanquespiel“, erinnert er sich. Heute bekomme der Kunde, was er sich vorher online auf Fotos und in Nutzerbewertungen ansehe. Wegen seiner Größe von fast zwei Metern achtet Schäferjohann bei eigenen Reservierungen auf Schlafzimmer. „Ich buche kein Haus, wo das Bett zu kurz ist, sonst schlafe ich schlecht“, erklärt er. Mittlerweile liefert E-Domizil Reisekonzernen, die kein eigenes Ferienwohnungsgeschäft betreiben, die Angebote zu.

Durch neue Quartiere in Ostdeutschland hat es einen Qualitätsschub gegeben. Weniger als 8 Quadratmeter Wohnfläche je Gast verhindern, dass der Tourismusverband überhaupt einen Stern für ein Domizil vergibt. „Der Trend geht zu größeren und luxuriöseren Ferienwohnungen“, sagt Fewo-Direkt-Chef Wann. Quartiere mit 60 bis 100 Quadratmetern, die in der Hauptsaison mehr als 800 Euro Wochenmiete kosten, werden gefragter. „Unsere Kunden sind oft Familien mit einem überdurchschnittlichen Haushaltseinkommen und einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau“, sagt Wann.

Wann legt Wert darauf, dass seine Kunden andere sind als die, die sich bei Airbnb umschauen. „Die typischen Ferienwohnungsnutzer können sich nicht vorstellen, in Wohnungen anderer vorübergehend zu wohnen“, sagt er. Das sei ihnen zu intim. Sie hätten Angst, etwas zu beschädigen. Fewo-Direkt und E-Domizil konzentrierten sich daher auf die Vermittlung von dauerhaft als Urlauberherbergen genutzten Immobilien statt auf Privatwohnungen.

Die Abgrenzung dient nicht bloß dem Marketing. Die Ferienwohnungsvermittler sehen sich in einen Streit hineingerissen, der sich am Geschäft von Airbnb entzündet hat. Städte wie Berlin befürchten, das zu viele Eigentümer ihre Domizile nur an Kurzzeitgäste vergeben und dem Wohnungsmarkt entziehen. Per Gesetz will die Hauptstadt aus einigen Vierteln die Gästedomizile weitgehend verbannen. Auch andere Städte im In- und Ausland wie Hamburg, Wien und Madrid haben Beschränkungen eingeführt. Im Kampf um Urlauber sind die Ferienwohnungsvermittler und Airbnb Konkurrenten, im Kampf um kommunale Überregulierung sitzen sie gezwungenermaßen beieinander. „Wir werden noch in vielerlei Hinsicht Regulierungsversuche auf kreative Weise sehen“, befürchtet Wann.

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