Kino mit Lego ist wie Bauen ohne Anleitung

F.A.Z. vom 8. April 2014 Alles super? Eher nicht, sondern alles geregelt, der Alltag verläuft wie der Lego-Hausbau nach Anleitung – zumindest am Beginn des ersten Lego-Films. Die Noppensteine kommen auf Deutschlands Leinwände – der erste Bauklotz-Film ist schon jetzt ein Erfolg.

Hier scheint alles super. Bausteine mit runden Noppen und Lego-Schriftzug türmen sich zu Wolkenkratzern. Und Bauarbeiter Emmet stapelt die Klötzchen eifrig mit – immer nach Plan. „Hier ist alles super“, heißt sein Lieblingslied, das er tagein, tagaus beim Aufeinandersetzen der Steine summt. Und abends lacht er albern über eine Fernsehsendung mit dem einfältigen Namen „Wo ist meine Hose“. Alles super? Eher nicht, sondern alles geregelt, der Alltag verläuft wie der Lego-Hausbau nach Anleitung – zumindest am Beginn des ersten Lego-Films, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt.

100 Filmminuten später sind nahezu alle Anleitungen für Konstruktionen und das Leben abgeräumt. Ebenso wie sich Lego-Steine anders als im Beiblatt beschrieben zusammensetzen lassen, bekommt auch das Leben von Bauarbeiter Emmet eine neue Ordnung. Es ist, als ob Lego in voller Anarchie Kindern und Eltern zurufen will: Werft die Bauanleitung weg, unsere Steine funktionieren auch ohne Beipackzettel. Was die Lego-Oberen mit den Kreativen des amerikanischen Filmstudios Warner Brothers in den Film gebaut haben, ist dennoch mehr als eine Langzeitwerbung für die erfolgreichsten Bauklötze der Menschengeschichte, mehr als eine Kinderromanze mit Noppenoptik – obwohl sich Lego ausrechnet, Hunderttausende der speziell für den Film entworfenen Bausets abzusetzen.

„The Lego Movie“, wie der Film lapidar heißt, ist auch ein Lehrstück darüber, wie Kinder heutzutage spielen. Der Film ist eine Art Gattungsmarketing für Spielzeug aller Art und seinen phantasievollen Einsatz im Kinderzimmer. Er ist eine Erklärung, dass eine in Sektoren unterteilte Spielwelt, in der Superman nie die Polizeiwache betritt und in der märchenhafte Wolkenschlösschen, moderne Wolkenkratzer und futuristische Super-Raumschiffe einander nie nahe kommen, nicht der Kinderwelt entspricht. Der Lego-Film ist ein Plädoyer gegen allzu fixierte Spielregeln.

Passend dazu richtet sich der Kampf in dem Film gegen eine Tube Sekundenkleber, die der Lego-Imperator Lord Business als Waffe einsetzen will, um die gesamten Steinchenwelt zu verleimen und die gelbköpfigen Figuren ihrer Beweglichkeit zu berauben. Dazu kommt eine Prise der „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Saga. Zum Helden in der Abwehrschlacht gegen Lord Business und Kleber wird Emmet, ein Bauarbeiter, der sich plötzlich als der „Auserwählte“ angesprochen sieht.

Wirtschaftlich ist der Abwehrkampf gegen den Klebeplan ein voller Erfolg, bevor der Film in Deutschland angelaufen ist. In den Vereinigten Staaten feierte „The Lego Movie“ bereits zwei Monate eher Premiere. Dort fiel der Auftakt klotzig aus. Über Wochen führte der Film die amerikanische Hitliste an, deklassierte George Clooney und Kevin Costner, die gleichzeitig um die Zuschauergunst buhlten. Mittlerweile hat der Film rund 270 Millionen Euro eingespielt. Die Produktionskosten waren mit einem geschätzt mittleren zweistelligen Millionenbetrag niedrig – niedriger als für manchen Trickfilm des Warner-Konkurrenten Pixar.

Für Lego fügt sich der Film passgenau in die Konzernstrategie, ein „360-Grad-Spieleerlebnis“ zu schaffen, wie es Zentraleuropachef Michel Kehlet Anfang des Jahres auf der Nürnberger Spielwarenmesse formulierte. Lego soll nicht nur in der Bauklotzecke eine Rolle in einem Kinderleben spielen. Und genau genommen fehlte dafür nur noch der Leinwandauftritt. Geld verdiente der dänische Konzern zuletzt massig damit, sich an den Erfolg anderer Filme anzuhängen. Packungen zu „Star Wars“-Filmen sind Dauerbrenner. Ohne sie wäre nach einem Beinahezusammensturz vor einem Jahrzehnt der Aufstieg von Lego zum zweitgrößten Spielwarenproduzenten der Welt nicht geglückt.

Mit Computerspielen hatte man sich in der Vergangenheit verkämpft. Ebenso mit einer planlosen Modellvielfalt. Auf die Anfänge mit roten und weißen Steinen waren mehr Farben, Steine mit der halben Zahl an Noppen und mit der doppelten gefolgt, so lange bis es Tausende Farb-Formen-Varianten gab. Jørgen Vig Knudstorp, ein Manager mit Liebe zu Bausteinen, sanierte Lego binnen zehn Jahren. Das Geschäft mit Freizeitparks und allerlei Lego-Accessoires überließ er anderen. Lego verdient nur noch als Teilhaber oder Lizenzgeber. Und Knudstorp zwang Designer dazu, neue Bausätze so zu konstruieren, dass vorhandene Bauklotzformen weiterverwendet werden konnten. Streng genommen verlangte er von den Entwicklern genau die Phantasie, die nun der Lego-Film Kindern und Eltern nahelegt.

Mit Blick auf die Konzernbilanz ist diese Strategie aufgegangen. Für 2013 wies Lego einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro und einen Gewinn von 820 Millionen Euro aus. Damit schoben sich die Dänen an Hasbro vorbei und bilden fortan mit dem Barbie-Schöpfer Mattel das Spitzenduo der Spielwarenwelt. Doch mittlerweile hat Mattel die Kraft der Noppensteine für sich entdeckt und den Lego-Nachahmer Mega Brands gekauft. Die Barbie-Welt lässt sich schon mit Steinen nachbauen, die nicht Lego, sondern Mega Bloks heißen.

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