Die Deutschen lieben Deutschland

F.A.Z. vom 5. März 2014 Die Strände sind lang, die Berge und Täler malerisch. Hier machen viele gerne Urlaub, aber keiner so gern wie die Deutschen selbst.

Petra Reiber hat einen eigenen Maßstab für Entfernungen. Sylt liege nur etwas mehr als eine Stunde von München entfernt, sagt sie. So wirbt Reiber, die Bürgermeisterin von Sylt, für ihre Insel. Deren Flughafen steuern auch Linienflüge der Lufthansa und von Air Berlin an. „Es ist ein Segen, wenn man einen Flughafen hat“, sagt Reiber. Ohne die Landebahn kämen wohl weniger Besucher; vor allem Kurzurlauber und Wochenendgäste würden sich den Weg zu den nördlichsten Stränden der Republik sparen.

Urlaub in Deutschland liegt im Trend. Das Statistische Bundesamt zählte 2013 rund 339 Millionen Übernachtungen von Reisenden aus dem Inland in den rund 35 000 Hotels und mehr als 20 000 weiteren Herbergsbetrieben, von Pensionen bis Campingplätzen. Die Tendenz steigt leicht, 2012 war es gut ein Prozent weniger. Nach Angaben des Welttourismusverbands WTTC hängen 1,9 Millionen Arbeitsplätze hierzulande direkt oder indirekt am Reisegeschäft. Damit liegt die Branche vor der IT- und der Chemieindustrie. Mehr als 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden mit Reisenden und Urlaubern erwirtschaftet.

Die Bundesrepublik ist und bleibt der Deutschen liebstes Ferienziel. Mehr als 63 Milliarden Euro gaben sie 2013 insgesamt für Reisen aus; 37 Prozent der Haupturlaube führten laut der Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen zu einem innerdeutschen Ziel. Das sind mehr als die Reisen in alle europäischen Mittelmeerstaaten zusammen. Wenn es um den Zweit- oder Dritturlaub geht, liegt der Anteil der Inlandsziele noch höher. Mit der Betonung, dass das Schöne für erholsame Tage so nah sein kann, treffen Tourismusverantwortliche in den Regionen den Zeitgeist. Fast jeder zweite der für die Analyse Befragten sagte, kürzere Strecken weiten Reisen vorzuziehen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Haupturlaube kürzer werden. Binnen 30 Jahren sank die durchschnittliche Dauer von 18,2 Tagen auf 12,1 Tage. Allein seit der Jahrtausendwende haben die Deutschen ihren Haupturlaub um drei Tage gekürzt.

Von der Liebe der Deutschen zu ihrem Heimatland profitieren neben Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, Dresden und Köln jedoch nur wenige Landstriche. Wer im Inland urlaubt, den zieht es oft hoch in den Norden oder tief in den Süden. Zwar liegt bei der Anzahl der registrierten Ankünfte Nordrhein-Westfalen auf Platz zwei. Zieht man die Geschäftsreisenden ab, ergibt sich aber ein anderes Bild. Die Rangliste führen dann Bayern und Mecklenburg-Vorpommern an, genauer: das Alpenvorland und die Ostseeküste. Der Freistaat ist für sich genommen beliebter als ganz Österreich: Jeder zwölfte Reisende verbringt seinen Haupturlaub in Bayern. Und die Küstenländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ergattern zusammen einen größeren Anteil am Urlaubsmarkt als Spanien, das beliebteste Auslandsziel deutscher Urlauber.

Eine weitere Erkenntnis: Das Inlandsgeschäft geht zu einem Großteil an den etablierten Unternehmen der Reiseindustrie vorbei. Das Beherbergungsgewerbe außerhalb der Großstädte ist kleinteilig mit Pensionen und Ferienwohnungen, eine industrielle Reiseproduktion wie in den Bettenburgen am Mittelmeer ist schwer möglich. Und Kleinbetriebe wollen nicht den üblichen Anteil von bis zu 25 Prozent des Preises an einen Reiseveranstalter abgeben, der seinerseits knapp die Hälfte davon als Provision an Reisebüros weiterreicht. Müssen sie auch nicht, Gäste kommen sowieso. Regionale Fremdenverkehrszentralen sind die traditionellen Anlaufadressen, mancher Urlauber ruft direkt in den Pensionen an, gut jeder fünfte fährt spontan los und sucht an Ort und Stelle eine Unterkunft.

Bernd Fischer, der Geschäftsführer des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern, berichtet zudem, dass neue Online-Portale dem Ferienwohnungsmarkt einen gewaltigen Schub geben. Zum einen sei es für Urlauber viel leichter geworden, ein Domizil zu finden. Zum anderen profitierten die Hausbesitzer davon. „Die Portale machen es für Kapitalanleger und Hauskäufer attraktiv, in das Ferienwohnungsgeschäft einzusteigen“, sagt Fischer. Nicht nur er hofft auf einen sich selbst verstärkenden Prozess, denn Inlandsurlauber sind treu. Von den Urlaubern, die 2013 nicht über eine Grenze fuhren oder flogen, wollen es drei Viertel 2014 genauso handhaben. Die Vorstellung, dass Deutschlandurlauber gut betucht sein müssen, weil All-inclusive-Wochen am Mittelmeer günstiger zu bekommen sind, lässt sich durch Statistiken nicht bestätigen. Der Tourismusanalyse zufolge ist die Wahl eines Ziels im Inland sogar umso wahrscheinlicher, je niedriger das Haushaltsnettoeinkommen ist. Einen Urlaubstag in Deutschland ließen sich Reisende zuletzt im Mittel 75 Euro kosten, im europäischen Ausland waren es 11 Euro mehr.

Gleichwohl galt Deutschland als Urlaubsziel aus der Sicht vieler Touristiker nicht zu Unrecht lange als etwas angestaubt. Doch inzwischen ist frischer Wind eingezogen. „Ziele an der See liegen aktuell vorn, die Ostsee noch vor der Nordsee. Das hat damit zu tun, dass vor allem in Mecklenburg-Vorpommern viel entwickelt und investiert worden ist“, berichtet Sabine Gerhard, die verantwortliche Bereichsleiterin von DER Touristik. Auch Sankt Peter-Ording an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste sei nach Modernisierungen stark im Kommen. „Sobald dort ein neues Hotel eröffnet, wird das für uns interessant“, sagt sie.

Die Reisekonzerne wollen die Heimatliebe der Deutschen nicht länger an sich vorüberziehen lassen. DER hat mit zwei Fernbuslinien Kooperationen geschlossen, um preisbewusste Kunden anzulocken. Und Unternehmer wie Horst Rahe entdecken das Inland neu. Einst schuf er aus der Deutschen Seereederei der ehemaligen DDR die Keimzellen für Aida-Kreuzfahrten und Arosa-Flussschiffe. Beide hat er verkauft, jetzt baut er in verschiedenen Urlaubsregionen günstige Hotels, nach dem Vorbild von Motel One in Großstädten. Sein erstes Domizil steht in Warnemünde, 2015 kommen Grömitz und Bad Saarow bei Berlin dazu. Der Name für seine Hotels: „Aja“. Die Übernachtung ist ab 39 Euro zu haben. Essen, Schwimm- und Fitnessstunde kosten extra.

Auch Wohnungsvermittlungsportale wie Airbnb, über die Eigentümer auf Reisen ihre Räume Gästen anbieten, blicken mittlerweile über die Vororte von Großstädten hinaus. Aktuell hat Airbnb in Berlin 10 000 Adressen gespeichert, in Garmisch-Partenkirchen sind es immerhin schon knapp mehr als 200. „Auch in beliebten Urlaubsregionen öffnen private Gastgeber ihre Türen, weil auch hier die Nachfrage zunimmt“, sagt eine Sprecherin. Die Nutzer des Portals suchten vor allem Unterkünfte jenseits der traditionellen Ferienwohnung. „Hausboote oder urige Hütten sind beliebt“, berichtet sie.

Dass trotz aller Heimattreue der Deutschen das Urlaubsgeschäft hierzulande eine Herausforderung bleibt, weiß Georg Overs zu berichten, der Chef der Tourismusgesellschaft vom Tegernsee in Bayern. „Keine Destination in Deutschland kann es sich aufgrund der Grundstückspreise noch leisten, sich nur auf eine Saison zu konzentrieren. Wir müssen Ganzjahresangebote haben“, sagt er. Gegenüber den Wettbewerbern von der Küste ist er im Vorteil: Im Sommer und Herbst kommen die Familien, zwischendurch die Wanderer, im Winter die Skifahrer – und wenn kein Schnee liegt, noch einmal die Wanderer. Die Region lebt auch von Kurzzeitgästen. „Nur im Sommer und über die Feiertage gibt es eine starke Nachfrage nach längeren Aufenthalten“, sagt Overs. Die Schattenseite im Tegernseer Tal ist, dass bei stabilen Übernachtungszahlen die Zahl der verfügbaren Betten zurückgeht, weil Kleinstbetriebe schließen und sich in den Familien niemand finde, der das Geschäft fortführen will. Die Lücke könnten andere füllen: Auch am Tegernsee haben die Aja-Hotels Interesse angemeldet.

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