Spielwarenbranche gegen Stiftung Warentest

F.A.Z. vom 14. Februar 2014 Wenn das Gespräch auf Schokolade mit Haselnüssen kommt, funkeln die Augen deutscher Spielwarenmanager. Das liegt daran, dass so mancher Genugtuung darüber empfindet, dass der Süßwarenhersteller Ritter Sport gegen ein Urteil der Stiftung Warentest vorgegangen ist. Auch die Spielwarenbranche fühlt sich von den Testern attackiert – und das seit Jahren.

Denn schon oft kam passgenau zum Beginn des Weihnachtsgeschäfts eine Klatsche aus der Test-Zentrale in Berlin. Zuletzt traf es die Produzenten von Greifringen, Steckfahrzeugen, Puzzles und Schiebespielen aus Holz, die gemeinhin als pädagogisch wertvolle Spielzeuge für Kleinkinder gepriesen werden.

Die Note „mangelhaft“ bekamen zum Beispiel ein giftgrüner Holzfrosch zum Schieben, ein Kinderwagenanhänger mit Clown und ein Motoriktrainingsspiel mit Teichmotiv. Doch auch insgesamt fühlen sich die Spielzeughersteller als versetzungsgefährdet eingestuft. Lediglich acht von 30 untersuchten Spielwarenartikeln wurden von den Testern für „gut“ befunden, über den großen Rest schrieben sie in ihrer Zeitschrift „Test“ wenig Schmeichelhaftes. „Viele Produkte enthalten gefährliche Stoffe“, hieß es direkt unter der Überschrift, in einer fettgedruckten Zwischenzeile ging es um „unsicheres Spielzeug aus Deutschland“.

Ritter Sport erstritt nach der Note „mangelhaft“ für die quadratische Schokoladentafel mit Nüssen vor Gericht, dass die Tester vorerst nicht mehr behaupten dürfen, die Schokolade enthalte künstliches Aroma. In der Spielzeugbranche keimt daher Mut zum Widerstand. „Eine ganze Branche wird an den Pranger gestellt“, wettert ein Manager. Ein anderer erkennt gar ein Kalkül darin, dass in dem vorweihnachtlichen Test kein Produkt die Note „sehr gut“ bekam – obwohl es in der von Stiftung Warentest veröffentlichten Ergebnistabelle zu 14 von 30 Produkten hieß, Prüfungen hätten keine kritischen Funde ergeben. Namentlich zitieren lassen will sich aber kaum ein Fachmann – so weit reicht der Mut dann doch nicht. Angeblich fürchtet man, bei künftigen Tests abgestraft zu werden.

Stattdessen verweisen die Unternehmen auf ihren Branchenverband DVSI. Und der listet gleich eine ganze Reihe von Punkten auf, die die Branche als merkwürdig erachtet. Die Stiftung Warentest habe „unabhängig von den geltenden gesetzlichen Vorgaben“ nach eigenen Kriterien geprüft, Messergebnisse wichen „zum Teil erheblich“ von Resultaten anderer Untersuchungen ab, im Test auf Formaldehyd habe man Holz 24 Stunden statt der üblichen drei Stunden eingeweicht. Nicht nachvollziehbar, lautet das Gesamturteil der Spielwarenbranche über die Noten der Warentester.

Nicht nachvollziehbar, so schallt es zurück, sei die Kritik der Branche an den Prüfungen. „Wir erfinden keine eigenen Standards“, sagt Holger Brackemann, der für Untersuchungen zuständige Bereichsleiter der Stiftung Warentest. Alle Bewertungsmaßstäbe, die man anlege, seien von anderen Stellen gesetzt worden. Er betont, dass die Stiftung von Vorgaben der europäischen Spielwarenrichtlinie, auf die sich die Branche beruft, abweicht. „Manche geltenden Grenzwerte sind unzureichend, mit dieser Meinung stehen wir nicht allein da.“

Beispielsweise ziehe man Kriterien heran, die Hersteller erfüllen müssten, um für ihre Produkte das Siegel „Geprüfte Sicherheit“ (GS-Zeichen) zu erhalten. Und während die Holzspielzeugnoten in Hintergrundrunden auf der Nürnberger Spielwarenmesse ein Aufregerthema waren, blieb es in der Berliner Test-Zentrale ruhig. Gerade zwei Unternehmen sollen dort ihre Anmerkungen hinterlassen haben – zwei Unternehmen, die nicht die Note „mangelhaft“ bekommen haben, aber mit ihrem Resultat nicht zufrieden waren.

Einer, der sich gegen die mächtigen Tester – die noch nie Schadensersatz zahlen mussten – erhebt, ist der Holzspielzeughersteller Gollnest & Kiesel aus dem schleswig-holsteinischen Dorf Güster. Rund 23 Millionen Euro setzt das Unternehmen mit Holzspielwaren der Marken Goki, Heimess und Holztiger um. „Kleine Kinder greifen intuitiv zu Holz, weil es sich bei Raumtemperatur wärmer anfühlt als Kunststoff“, sagt Unternehmenssprecher Helmut Roloff. „Wir meinen, dass Holzspielzeug das Beste für Kinder ist“, fügt er hinzu.

Die Stiftung Warentest sah das zumindest beim Heimess-Greifring anders und vergab die Note 4,3 – gerade noch „ausreichend“. In der Gummischnur fanden die Prüfer sogenannte nitrosierbare Stoffe in „höherer Menge“. Gelangten diese durch ständiges Lutschen und Nuckeln in den Magen, könnten sie sich zu Nitrosaminen wandeln, die als stark krebserzeugend eingestuft sind.

Nicht nur über den Befund ist ein Streit entbrannt, was ein reger Schriftwechsel zwischen Gollnest & Kiesel und der Stiftung Warentest belegt. Es geht auch um den Sinn von Testmethoden, um die Belastbarkeit von gemessenen Werten und um den Vorwurf der Intransparenz. Ein Kleinkind komme mit der beanstandeten Schnur nicht in Kontakt, selbst dann nicht, wenn es das Spielzeug in den Mund nehme, sagt Roloff. Ein Einjähriger müsste erst den Greifring, der Belastungstests standhielt, zerbrechen. Für ihn ein unwahrscheinliches Szenario. Auch Warentest lässt anklingen, dass es in der Vergangenheit unüblich war, für Kinderhände unzugängliche Spielzeuginnereien akribisch zu prüfen. So heißt es im Testbericht: „Bisher wurde vor allem Gummispielzeug auf Nitrosamine und nitrosierbare Stoffe hin untersucht. Aber auch Einzelteile wie Schnüre sollen diese nicht enthalten.“

Gollnest & Kiesel hält den Warentestern auch Messungen entgegen, die das vom Hersteller beauftragte Institut Bureau Veritas ermittelte, bevor der Greifring in den Handel gelangte. Aus dem Prüfgeschehen geht hervor, dass Bureau Veritas es sich nicht einfach machte – ein kniffliger Punkt war die Gummischnur. Das Institut orderte Schnur nach, insgesamt 50 Meter Gummiband gelangten in das Labor, bevor Gollnest & Kiesel die Unbedenklichkeit bescheinigt bekam. Die Stiftung Warentest kaufte hingegen einzelne Greifringe, die jeweils 15 bis 18 Zentimeter Schnur enthalten. Aus Sicht von Roloff zu wenig, um belastbare Ergebnisse zu erhalten. Zudem ergaben zwei Messungen der Warentester unterschiedliche Werte. Fanden sie anfangs 2,154 Milligramm nitrosierbare Stoffe je Kilogramm Schnur, waren es zwei Wochen und einen Protestbrief später 1,07 Milligramm.

Welches Institut im Auftrag der Stiftung prüfte, will man in Berlin nicht verraten. „Wir prüfen mit einem Institut, das wohl in der Branche mit die meisten Artikel prüft“, sagt Brackemann. Die Prüfer müssten aber vor der Einflussnahme der Branche geschützt werden. Denn Spielzeughersteller nutzten dieselben Institute für ihre Tests. Es bestehe die Gefahr, dass mit dem Entzug von Folgeaufträgen gedroht würde, falls ein Institut als Quelle für ein Negativurteil enttarnt würde.

Brackemann verteidigt auch, dass man nur einzelne Artikel untersucht. „Wir kaufen das Spielzeug im Handel so, wie es auch für den Verbraucher angeboten wird“, erklärt er. Zwar könnten die Mengen von Inhaltsstoffen variieren, das stelle aber nicht das Urteil in Frage. „Ein Hersteller muss sicherstellen, dass Qualitätskriterien in allen Chargen eines Produkts und nicht bloß im Durchschnitt eingehalten werden“, sagt Brackemann.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Formaldehyd, einem Stoffgemisch, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Stiftung Warentest hat es in Spielzeugen nachgewiesen. Für Hersteller ist das wenig verwunderlich. „Es gibt kein Holz ohne Formaldehyd“, sagt Karsten Schmidt, der Vorstandsvorsitzende des Herstellers Ravensburger. „Wir holen das Holz für unsere Puzzles extra aus Finnland, um möglichst geringe Formaldehydwerte zu erzielen“, sagt er. Dennoch reichte es für das Holzpuzzle „Kunterbunter Bauernhof“ nur zur Note „befriedigend“. Geleimtes Schichtholz und Massivholz seien zudem direkt verglichen worden.

Doch anders als im Schokoladenstreit gibt es im Spielzeugstreit auch versöhnliche Töne. „Das Anliegen der Stiftung Warentest ist im Grundsatz gut, sie soll dem Verbraucher Orientierung geben“, sagt Kritiker Roloff. Außerdem ist sich die Branche bewusst, dass Produkttests der vergangenen Jahre und Jahrzehnte dazu beigetragen haben, dass Spielzeug in Deutschland heutzutage strengeren Richtlinien genügt als in der Vergangenheit. Darauf berufen sich die Hersteller gern.

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