Das große Sortieren der Spielwarengeschäfte

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F.A.Z. vom 16.6.2015 Kleine Läden verschwinden, große bleiben: Die Verbünde der Fachgeschäfte verlieren angeschlossene Händler – doch der Umsatzentwicklung schadet das gar nicht.

Das Spielwarenfachgeschäft stirbt, es lebe das Spielwarenfachgeschäft. Der Handel mit Bausteinen, Puppen und Fernlenkautos teilt sich in zwei Welten. Und der Hildesheimer Verbund Idee+Spiel, der neben Vedes zu den führenden Händlergruppen Deutschlands gehört, kennt das Geschehen in beiden Sphären des Spielelands genau. In der einen gilt: Die Fachhändler kann wenig erschüttern – auch nicht der Umstand, dass Online-Versender wie Amazon und My Toys zu starken Rivalen geworden sind. In der anderen herrscht der Niedergang. Idee+Spiel verlor im vergangenen Jahr 56 seiner selbständigen Mitgliedshändler. Die meisten von ihnen gaben ihr Geschäft auf, weil es sich nicht mehr lohnte oder weil sie keinen Nachfolger fanden. „Die Anzahl der Händler sinkt, aber die Umsätze an den verbleibenden Standorten steigen“, sagt Idee+Spiel-Geschäftsführer Andreas Schäfer.

Was er beschreibt, ist eine Welle der Marktbereinigung, die durch die Kindereinkaufsparadiese schwappt. Ohnehin große Händler werden noch größer und eröffnen neue Dependancen, während es für kleine Anbieter schwieriger wird. Idee+Spiel verlor binnen drei Jahren 14 Prozent seiner angeschlossenen Händler – 689 sind geblieben. Seit dem Expansionsschub Anfang der neunziger Jahre nach der Wiedervereinigung ist jeder fünfte Partner abhandengekommen.

Ein anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Ladenflächen. Die Zahl der Geschäfte mit Idee+Spiel- oder Smarttoys-Schriftzug sowie der ebenfalls zum Verbund gehörenden Eurotrain-Modellbahnspezialisten und Mc-Media-Videospielverkäufer sank wesentlich langsamer. Und in die Kassen der nunmehr 850 Läden gelangte kein Cent weniger: 2014 nahmen sie 495 Millionen Euro ein – nur einmal, 2011, war es geringfügig mehr. Die Verbundzentrale schloss das Jahr mit einem Bilanzgewinn von 121000 Euro ab – nach Zahlung von Mitgliederboni von 6,8 Millionen Euro.

Insgesamt erwehren sich Fachhändler wacker der Konkurrenz der Online-Verkaufsportale. Nach Zahlen des Branchenverbands BVS fließen in Deutschland seit Jahren etwa 40 Prozent der Spielwarenausgaben von zuletzt 2,9 Milliarden Euro im Jahr zu den Fachgeschäften. Einbußen erlitten SB-Warenhäuser am Stadtrand und Kaufhäuser in den Zentren. Doch die Branchenzahlen verdecken eine Auslese, die aus Sicht von Schäfer nicht beendet ist: „Der Abschmelzungsprozess geht weiter.“ Er rechne damit, dass in fünf Jahren weniger als 600 Mitglieder zum Idee+Spiel-Verbund gehören werden.

Für diese Händler wird das Marketing ausgebaut – mit mehr Werbeprospekten und mehr Artikeln, die Idee+Spiel exklusiv von Herstellern fertigen lässt. Für 2015 hat man unter anderem den Modellbahnhersteller Märklin als Partner gewonnen. Er liefert eine Dampflok, die von künstlich aufgetragenen Alterungsspuren gezeichnet ist. Damit will Schäfer vor allem Sammler erreichen, unter denen Modelle in begrenzter Stückzahl begehrt sind. Einem Preisverfall beugt er vor: Händler dürfen zunächst einen festgesetzten Mindestpreis nicht unterbieten – auch nicht im Internet, wo Idee+Spiel ebenfalls eine Offensive beginnt, mit einem zentralen Idee+Spiel-Portal, das die selbständigen Händler als Plattform nutzen.

Von den Spielwarenherstellern sieht er sich bestens mit Produktneuheiten für ein erhofftes Wachstum in den kommenden Monaten ausgestattet. „2015 wird ein gutes Jahr“, ist Schäfer überzeugt. Deutschland hole im Geschäft mit Lizenzartikeln zu Kinofilmen auf, in dem die Bundesrepublik noch im internationalen Vergleich zurückliegt. Der in der Vorweihnachtszeit anlaufende Star-Wars-Film soll den größten Schub geben. „Weihnachten wird schwarz“, sagt Schäfer nicht über die eigene Bilanz, sondern auch über die Science-Fiction-Filmhelden.

 

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