Ägypten spaltet die Reisebranche

F.A.Z. vom 30. August 2013. So viel Uneinigkeit herrscht selten unter Deutschlands Touristikern: Vordergründig geht es um unterschiedliche Einschätzungen zur Lage in Ägypten, hinter den Kulissen befeuern wirtschaftliche Interessen den Streit.

Mit dem Frieden in der Reisewelt ist es vorbei. Und das hat nicht mit Straßenschlachten in Nordafrika, wohl aber mit Ägypten zu tun. Von den größten Reiseveranstaltern hierzulande haben TUI, Thomas Cook und Alltours bis vorerst zum 15. September sämtliche Reisen an das Rote Meer abgesagt. Die Kunden des Münchner Anbieters FTI und von Schauinsland-Reisen aus Duisburg dürfen hingegen weiter nach Hurghada, Marsa Alam und Scharm al Scheich aufbrechen. Und DER Touristik aus der Rewe-Gruppe hat angekündigt, Mitte September von einem Branchenlager ins andere zu wechseln. Für die Marken ITS, Tjaereborg und Jahn-Reisen soll am 15. September der zunächst ausgerufene Reisestopp enden.

Von der sonst üblichen Einigkeit der Branche in möglichen Krisenfällen ist nicht viel geblieben. „Wir sind zu unterschiedlichen Einschätzungen der Sicherheitslage gekommen“, sagt der für Vertrieb und Marketing zuständige FTI-Geschäftsführer Ralph Schiller. Andere wettern, FTI und auch Schauinsland seien aus dem „Branchenkonsens“ ausgeschert. Und hinter den Kulissen beharken sich die Touristiker mit allerlei Vorwürfen.

Der sogenannte Branchenkonsens endete mit einer Telefonkonferenz, zu der Vertreter der Urlaubsunternehmen und das Auswärtige Amt am 16. August zusammengeschaltet waren. Das Auswärtige Amt machte – so lauten übereinstimmende Schilderungen – den Reiseveranstaltern unmissverständlich klar, dass man es im für die Einschätzung von Sicherheitsrisiken zuständigen Amt nicht mehr wünscht, dass noch Urlauber aus Deutschland nach Ägypten gebracht werden. Andernfalls müsse das Ministerium von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) eine Reisewarnung aussprechen. Die Touristiker hätten dann eine Rückholaktion starten müssen. Ein Kraftakt mitten in der Hauptferienzeit. Sonderflüge für bis zu 50 000 Urlauber, Gedränge, Zusatzkosten und möglicherweise Panik von verängstigten Urlaubern inklusive.

Das wollten die um das Ansehen der Pauschalreise besorgten Touristiker verhindern. Kurz nachdem die Telefonkonferenz beendet war, verkündeten die ersten, ihr Ägypten-Geschäft zu unterbrechen. Allerdings nicht komplett: Urlauber vor Ort durften wie gebucht bleiben, was auch Tumulte in den Flughafenterminals verhindern sollte. Ähnlich schnell wurde aber auch klar, dass das Auswärtige Amt nicht alle Anbieter von seiner Linie – keine neuen Urlauber, aber keine offizielle Reisewarnung wie 2011 – überzeugt hatte.

„Wir sahen einen Widerspruch darin, die Reiseverträge für künftige Urlauber zu kündigen, die Verträge mit Urlaubern vor Ort aber nicht“, sagt FTI-Geschäftsführer Schiller. „Nach unseren Erkenntnissen hat sich die Sicherheitslage am Roten Meer in den vergangenen Wochen nicht verändert“, fügt er hinzu. Also räumte man Kunden nur das Recht zum Stornieren oder Umbuchen ein. Die Mehrzahl soll diese Möglichkeit genutzt haben. Wer aber im Roten Meer schwimmen und schnorcheln wollte, wurde und wird weiter hingeflogen – zum Missfallen der Konkurrenten.

Die halten den verbliebenen Ägypten-Anbietern vor, sich in einer schwer abschätzbaren Lage profilieren zu wollen. Offiziell will niemand diesen Vorwurf aussprechen, doch in den Zentralen der Urlaubsanbieter gärt es. „FTI und Schauinsland-Reisen suggerieren, dass andere Anbieter überreagiert haben“, sagt ein Touristiker, der ungenannt bleiben will. Ein anderer berichtet, die Vertreter der TUI seien von vornherein auf eine Unterbrechung des Ägypten-Geschäfts festgelegt gewesen und wollten den Rest der Branche zum Mitziehen bewegen. Außerdem ist von einer „komplexen Gemengelage“ im Auswärtigen Amt die Rede. Kurz vor der Bundestagswahl habe man dort auf Nummer sicher gehen wollen, lautet die gängige Einschätzung von Kennern. Gleichzeitig sollte Deutschland nicht die Rolle zufallen, mit einer Reisewarnung ägyptische Hoteliers noch weiter in die wirtschaftliche Bredouille zu bringen.

Mittlerweile bekommt FTI-Mann Schiller Zuspruch vom Konkurrenten DER Touristik. Dessen Geschäftsführer Sören Hartmann begründet den Entschluss, ab 16. September wieder Ägypten anzusteuern und auch keine Umbuchungs- oder Stornierungsmöglichkeiten mehr einzuräumen, ähnlich wie Schiller. TUI-Deutschland-Chef Christian Clemens ließ hingegen verlauten, dass er sich an den Vorgaben des Auswärtigen Amtes orientiere. Und solange das Amt von Reisen ans Rote Meer abrate, könne TUI nicht die Verantwortung übernehmen, falls Urlaubern etwas passieren sollte.

Vordergründig wird mit der Sicherheit argumentiert, im Hintergrund geht es um wirtschaftliche Interessen. TUI, der Marktführer in Deutschland, kann einen längeren Ausfall des Ziels Ägypten eher gut verkraften. Er hat zuletzt nur etwa jeden zwanzigsten Euro für Urlaube am Roten Meer oder am Nil eingenommen. FTI, die Nummer vier der Branche, gilt dagegen als führender Ägypten-Anbieter. Nicht ohne Neid blickt die Branche auf deren Expansion, zumal Ägypten-Reisen höhere Deckungsbeiträge garantieren als Urlaubspakete für andere Länder. Dazu passt die Sorge, verbliebene Anbieter wie FTI könnten versuchen, sich vor ägyptischen Hoteliers als treuere Partner darzustellen, um Wettbewerbern Exklusivvereinbarungen wegzuschnappen oder für den Preiswettkampf nach der Krise günstige Konditionen auszuhandeln.

Aktuell lassen sich mit dem Verkauf von Hurghada-Reisen keine hohen Einnahmen erzielen. Die Preise sind gefallen, bestehende Verträge erzeugen Zusatzaufwand, weil Fluggesellschaften ihre Verbindungen reduziert haben oder Kunden umgebucht werden müssen. „Rein operativ lässt mit Ägypten-Reisen aktuell nichts verdienen“, sagt ein Kenner. Was sich aber auf dem klassischen Weg nicht einnehmen lässt, kommt auf anderen Quellen: So können etwa Fluggesellschaften mit staatlichen Garantiezahlungen aus Ägypten rechnen. Für einen leer gebliebenen Sitz zahlt das Land bis zu 165 Euro. Eine Gesellschaft, die 40 Prozent ihrer Sitze selbst verkauft, kann sich mit staatlicher Hilfe Einnahmen sichern, als ob 85 Prozent der Plätze belegt wären. In der Branche ist auch von üppigen „Marketingzuschüssen“ von privaten Hoteliers die Rede.

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