Der Bauer ist ein Star im Kinderzimmer

F.A.Z. vom 9. Februar 2016 Ohne Kühe, Schweine und Pferde geht es nicht. Während andere Spielwarenhersteller mit blinkenden Robotern in Dinosaurierform locken, hat bei Playmobil das Nutzvieh Platz. „Den Bauernhof können wir nicht aus dem Sortiment nehmen“, sagt die Unternehmenssprecherin. „Der ist zeitlos und hat immer Bedeutung.“ Obwohl das Gehöft nichts Elektronisches beherbergt, keine W-Lan-Verbindung und auch keine Weltraumanmutung hat, ist es von Wunschzetteln nicht wegzubekommen – oder gerade deshalb.

Der Agrarbetrieb im Kleinformat ist ein Dauerbrenner. Zwar steht er nie ganz oben in der Liste der meistverkauften Artikel eines Jahres, die Nachfrage erweist sich aber als einigermaßen konjunkturunabhängig. Wie viele Gebäude mit Stall und Vieh Playmobil verkauft, verrät das Unternehmen nicht. Doch der Hersteller aus dem fränkischen Zirndorf mit einem Umsatz von 616 Millionen Euro liefert mehr Gehöfte aus als Feuerwachen.

Der Bauernhof ist für Playmobil nicht nur ein Standardbetrieb, der zeitgemäß mit Streichelecke und Hofladen aufwartet. Es gibt die tierreichere Variante Ponyhof, die 2016 grundrenoviert erscheint. Weil Jungen seltener Pferdchen springen lassen, steht für sie der Forstbetrieb mit Holzverladung als handfestere Alternative parat. Wem das nicht exotisch genug ist, der darf Playmobil-Männchen in der afrikanischen Rangerstation mit Jeep und Tieraufzucht einquartieren. Mehr Bauernhof geht kaum. Die Feuerwehr muss 2016 ohne Neuerung auskommen. Wer den Fuhrpark mit Leiterwagen und Löschgruppenfahrzeug erweitern will, muss zur Flughafenfeuerwehr wechseln.

Nur wenige Kilometer von der Playmobil-Zentrale entfernt, baut in Fürth auch Paul Heinz Bruder am landwirtschaftlichen Erfolg. Bruder-Spielwaren, Hersteller von sandkastentauglichen Modellfahrzeugen im Maßstab 1:16, setzt im Jahr 72 Millionen Euro um – etwa ein Viertel davon mit Traktoren, Mähdreschern und Co. 2015 plazierte Bruder den von seinem Großvater gegründeten Betrieb unter den 20 größten Spielwarenherstellern hierzulande – noch vor dem Stofftiertraditionalisten Steiff. „Landwirtschaftsfahrzeuge sind – wie Müllwagen – nicht von Wunschzetteln wegzudenken“, sagt er. Besorgte Eltern, die eine Generation mit Stadtreinigern und Knechten heranwachsen sehen, beruhigt er: „Kinder, die sonst nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, sehen echte Traktoren und wollen dann mit solchen Fahrzeugen spielen.“

Die Bauernhof-Nachfrage ist für ihn auch ein Spiegel realer Entwicklungen. „In der Vergangenheit waren Traktoren ein echter Wachstumsbringer.“ Momentan befinde sich die reale Landwirtschaft in einer leichten Krise. Die Hersteller von Großmaschinen im Original beklagten rückläufige Neuzulassungen. Folglich kämen weniger Fahrzeugtypen auf den Markt, die Bruder nachbauen kann. Aufgewogen werde das dadurch, dass mehr Familien ein Eigenheim am Stadtrand oder – wegen niedrigerer Grundstückspreise – im Umland kauften. „Diese Investitionseuphorie auf dem Land kommt auch im Kinderzimmer an“, sagt Bruder.

Dass es wenig Neues auf dem Traktorenmarkt gibt, eröffnete Bruder zuletzt eine Chance. „Wenn in der realen Welt ein weiteres Modell auf den Markt kommt, dann baut man halt den zehnten oder elften Traktor nach. Aber das Potential des Unternehmens wächst dadurch nicht“, sagt er. Nun setzte er eine lang gehegte Idee um. Schließlich hat auch der stärkste Traktor mal eine Panne. Das Modell Axion 950 des Herstellers Claas und das Abbild des 1050 Vario von Fendt liefert Bruder nun mit Mechaniker, Wagenheber und Reifen zum Wechseln. „Das Radwechselsystem hatte ich schon lange im Kopf. Mit nur einem neuen Zusatzteil ließ sich das realisieren“, berichtet er.

Auf den Hund gekommen – und ebenso auf Kuh und Schwein – ist auch der Hersteller Schleich. Tierfiguren aus Gummi sind das Stammprodukt des Unternehmens aus Schwäbisch Gmünd, das mit Schlümpfen aus dem gleichen Material einst große Bekanntheit erlangte. Dem neuen Geschäftsführer Dirk Engehausen sind die Figuren aber nicht mehr genug. Er baut für sie nun auch Häuser und komplette Spielwelten. Engehausen war lange deutscher Landeschef des Spielwaren-Marktführers Lego. Und nur mit Männchen oder nur mit Standardsteinen wäre der dänische Konzern wohl nie zur heutigen Größe gewachsen. Engehausen scheint entschlossen, aus Schleich den dritten großen Spielwelten-Produzenten hinter Lego und Playmobil zu formen.

Das Unternehmen – aktuell Nummer acht unter den Spielzeugproduzenten hierzulande – profitiert schon von der Ausweitung der Agrarspielzone. Der Umsatz stieg 2015 um 14 Prozent auf 133 Millionen Euro. Schleich wuchs doppelt so schnell wie der Gesamtmarkt. Zur Nürnberger Spielwarenmesse verkündete Engehausen, dass die zweistelligen Wachstumsraten in den nächsten Jahren beibehalten werden sollen. Als Helfer sind Bauer und Vieh auserkoren. Die Agrarszenerie hatte schon 2015 maßgeblich zum Wachstum beigetragen. Für 2016 liefert man nun ein Gehöft, damit Gummi-Kuh und -Schwein nicht mehr frei herumstehen müssen.

Die Tierliebe im Kinderzimmer ist groß. Doch das Vieh bietet auch Konfliktstoff. Darf es auf einer Farm einen Jäger geben? Sollen Tiere per Lastwagen abgeholt werden – zum Schlachthof oder wohin auch immer? Alle Hersteller wissen von fleißigen Protestbriefeschreibern zu berichten. Ihre Antworten sind immer ähnlich wie einleuchtend: Sie gäben Kindern Figuren und Geräte an die Hand, die sie aus der täglichen Erfahrung kennen. Der Nachwuchs – egal, ob Mädchen oder Junge – wünsche sich genau das. Ohnehin ist es Miniatur-Agrarbetrieben gelungen, was Barbie und Modellbahn verwehrt bleibt: „Der Bauernhof spricht beide Geschlechter an. Mädchen interessieren sich vor allem für die Pferde, Jungen für die Traktoren“, heißt es von Playmobil. Und wenn es andersherum läuft, ist das auch nicht schlimm – für die Hersteller erst recht nicht

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