Auftrag und Bearbeitung

Wir Journalisten machen es nur im Training, andere machen es beruflich: Durch fremde Dörfer laufen und dabei Zielscheiben fieser Heckenschützen sein. Warum Berufsoldaten sich in diese Lage begeben, was ihnen dabei durch den Kopf geht und wie sie ganz verhalten Kritik an ihrem Arbeitgeber äußern, das verraten sie den neugierigen Gäste ausgerechnet beim Bier unterm Sternenhimmel.

Der Abend ist lau, Treffpunkte in der Saaleck-Kaserne sind die Eingangswege vor den Unterkunftshäusern. Die Zeit zwischen Übungsende und frühem Schlafengehen (der nächste Tag beginnt mit dem Frühstück zwischen 6.00 und 7.15 Uhr) wird bei Zigarette (wenn es etwas häufig in der Truppe gibt, dann sind es Raucher) und Bier überbrückt. Und so sitzen die in einem Haus Untergebrachten aus verschiedenen Lehrgängen im Vereinte Nationen-Ausbildungszentrum der Bundeswehr zusammen und kommen ins Plaudern.

Sein Auftrag sei, seine Kameraden und sich selbst heil durch den Einsatz zu bringen, sagt er junger Mann aus Oberbayern. In Bermuda-Shorts und gelbem T-Shirt sieht er weniger wie ein Kämpfer des Heeres aus. Heil durch den Einsatz bringen. Weiter nichts! Die Antwort des Zugführers ist knapp. Grübeln wäre auch schädlich. Denn schnell wäre auch er bei der Frage nach dem SInn der einen oder anderen Mission angelangt.

Beispiel Afghanistan. Sein Eindruck vom letzten Aufenthalt bei der Truppe in Kundus: Die Lage wird angespannter, nicht ruhiger. Die Furcht vor Übergriffen wächst, schließlich ist schon einiges passiert, Kameraden sind ums Leben gekommen. Aber wenn alles unruhiger wird, kann die Arbeit als erfolgreich gelten, hat die Mission überhaupt ein erreichbares Ziel? Das Land am Hindukusch verteidigen? Dafür haben der Mann und seine Kameraden nur müdes Gelächter übrig.

Diese Floskel glaubt längst kein Bundeswehr-Soldat im Einsatz mehr, zu bezweifeln sogar, ob sie jemals einem Heeresangehörigen plausibel erschien. Es war einfach ein politischer Satz, militärisch aber Unfug. Und schon sind die Männer, die für ihren nächsten Einsatz gegen Aufständische lernen sollen, bei der Politik. Der Bundestag habe die Mission beschlossen, befristet zwar, aber mit breiter Mehrheit. Somit haben sie jeder ihren Auftrag, den erfüllen sie, mehr nicht. Für den Zugführer heißt das, die Angehörigen seines Zugs am Leben halten. Für einen anderen Soldaten, Kontrolle der Energieversorgung und Nachfüllen von Kraftstoff an einer Aggregatstation, damit im Bundeswehr-Lager nicht das Licht ausgeht.

Bewusst sind sie sich alle, dass ihre derzeitige Mission nicht zum dauerhaften Frieden in Kabul und Umgebung und schon gar nicht im Süden des Landes führen wird. Um sinnvoll darauf hinzuarbeiten, fehle der Mission das realistische Ziel. Was soll eigentlich erreicht werden? Eine Bundesrepublik in einem islamischen Land? Die Vereinigten Staaten im Gebiet von Afghanistan? Ein marktwirtschaftlicher Staat? Oder einfach ein Zusammenleben verschiedener Clans ohne Waffengewalt? Das sei nicht definiert. Und so arbeiten sie jeden Tag ihren Auftrag ab und werden das auch wieder tun, wenn sie erneut nach Afghanistan geschickt werden. Und die Gedanken an die Politik, die aus ihrer Sicht vergessen hat, das Ziel mit auf den Auftrag zu schreiben, schieben sie vorsichtshalber beiseite.

Alle Folgen:

Folge 1: Kleines Kriegs-Tagebuch
Folge 2: Hammelburg
Folge 3: Eingerückt
Folge 4: Ein Schuss und eine Granate
Folge 5: Nord gegen Süd
Folge 6: Betreten
Folge 7: Auftrag und Bearbeitung
Folge 8: Im Gefecht
Folge 9: Gewehrmündung im Gesicht
Folge 10: Auftrag und Ideologie
Folge 11: Entführung
Folge 12: Aus Schaden wird man klug

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