„Bitte nicht erschrecken“

RTL sucht wieder – und hat beim Griff in die Mottenkiste etwas gefunden. 13 Jahre nachdem der Sender die längst vergessene Sendung „Spurlos“ mit Charles Brauer aus dem Programm geworfen hat, fahndet Julia Leischik in „Vermisst“ nach vermeintlich verschollenen Angehörigen. Die neue Real-Life-Doku garantiert wie das Programm aus dem vergangenen Jahrhundert Tränen-TV pur. Wie ein Gespenst kommt die Erinnerung an die einstige Expertin dieses Genres, Ulla Kock am Brink, zurück, die in „Verzeih mir“ zerstrittene Ex-Freunde versöhnte.

Nur gefühlte drei Minuten Sendezeit vergehen, bis bei Kellnerin Jacquelin aus Zwickau Augen und Wangen feucht werden. 38 Jahre habe sie ohne ihren leiblichen Vater gelebt, erzählt die Frau mit den zotteligen brünetten Haaren und der roten Strähne im Pony. Leischik guckt betroffen. Ihr telegen mitfühlender Blick ist mehrfach zwischen Aufnahmen der traurigen Sächsin geschnitten.

Damit das Weinen ein Ende hat, wird Moderatorin Leischik zur Detektivin. Sie stackst ungelenk über Zwickauer Kopfsteinpflaster, klopft wahllos bei Bewohnern eines sächsischen Dorfs an und fährt mit dem Auto durch Leipzig. Dann bekommt sie per Handy den entscheidenden Tipp und spürt den verschollenen Mann auf. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum Vater und Tochter nicht längst ohne ihre Hilfe zusammengefunden haben.

Die Suche sollte wohl einfach sein, da Leischik für ihren zweiten Fall sogar nach Australien reisen muss. Drei Schwestern und eine 86 Jahre alte Mutter aus Lünen erklären ihr zuvor – unter Tränen, dass dort das vierte Mädchen der Familie seit einem Erdbeben in den 70er Jahren verschollen ist. Von einem Seismologe in Melbourne bekommt sie eine Information, die jeder RTL-Mitarbeiter auch vom Redaktions-PC aus hätte recherchieren können: Keine Erdbeben-Toten in den 70er Jahren in Australien. Nach Zwischenstopps in einem Hochhaus, dem Melbourner Sozialamt und einer Grundschule, die die Kinder der Verschollenen besucht haben sollen, wird auch die vermisste Schwester gefunden.

Stupide skurril wird Leischiks Personensuche zusätzlich durch ihre Kommentare. „Das ist echt schwierig hier“, beschreibt sie die Recherche in dem sächsischen Dorf, nachdem ihr fünf Bewohner keine Hinweise geben konnten. „Linksverkehr ist schwierig, Linksverkehr und Fußgänger ist sehr schwierig“, entfährt ihr, während sie einen Wagen durch Melbourne lenkt. Mehr als diese plumpen Äußerungen bleibt aber in Erinnerung, dass Leischik nahezu jedem, den sie mit ihren Fragen überrumpelt, ins Gesicht haucht: „Bitte nicht erschrecken!“.

Oh Gott, man sehnt sich fast schon nach Jörg Wontorra zurück. Der hatte einst mit „Bitte melde dich“, „Aus den Augen verloren“ und „Erben gesucht“ bei Sat1 eine tränenschwangere Zusammenführungsindustrie aufgebaut. Doch Wontorra bleibt in seiner Nische, dem Fußball-Talk „Doppelpass“ beim DSF, verkrochen. Und keiner vermisst ihn.

RTL hätte statt nach Verschollenen besser nach Innovationen fahnden sollen. Denn neu ist die Angehörigensuche nicht. Mit „Vermisst“ verlegt der Kölner Sender lediglich das Menschenfundbüro aus dem Studio in Parks und Vorgärten. Letztes erschütterndes Faktum ist, dass das „Vermisst“-Debüt das meist gesehene Programm zur Sendezeit am Sonntag ab 19.10 Uhr wurde. 4,2 Millionen Zuschauer verfolgten Leischiks Detektivtour – mehr als die zeitgleich gezeigte ZDF-Expedition auf den Spuren der Pharaonen, die auch viel Verstaubtes, aber weniger Erschreckendes lieferte.

Dieser Betrag erschien zuerst im Blog Vanity Care.

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