Legitimationsprobleme im Televisionismus

Günther Jauch hat die Nachfolge von „Sabine Christiansen“ abgesagt. Nun gibt’s keine Talkshow, ganz untelegen wird schriftlich kommuniziert: Jauch und SWR-Intendant Peter Voß liefern sich ein Fernduell mit gedruckten Worten. Die Erregung gerät im Verhältnis zur Personalie viel zu groß. Und dennoch passt sie: Es geht um die Daseinsberechtigung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Jauch sagt dem „Spiegel„, er habe „Gremien voller Gremlins“ erlebt, „Platzhirsche“ und „nachgeordnetes Niederwild“, das mit dem Hintern einreißt, was die Chefs mit Kopf gerade erst aufgebaut haben. Die „sinnigen Vergleiche“ läsen sich „ganz hübsch“, antwortet Voß in einem offenen Brief.

Den angestellten tierischen Allegorien lässt sich hinzufügen, dass Voss mit seiner Replik der ARD einen Bärendienst erweist. Er rückt nichts gerade, sondern bestätigt nur, dass ARD auch als Abkürzung für „alle reden durcheinander“ durchgeht, wie seine RBB-Amtskollegin Dagmar Reim sagt. Dass es eine andere Sichtweise auf den geplatzten Kontrakt gibt, hatte zudem schon NDR-Chef Jobst Plog gezeigt, den die Sorge umtreibt, ob der ARD künftig noch gelingen wird, eine Person ähnlichen Formats zu gewinnen.

Jauchs Rückzieher war eine kluge Entscheidung. Die Aussicht, „dass sich regelmäßig zehn ARD-Chefredakteure über jeden Satz von mir oder meinen Gästen gebeugt hätten“, macht ihm zurecht Angst. Die ARD ist zäh in ihrer Verfasstheit. In ihren Mühlen werden Konzepte zermahlen oder entstehen erst gar nicht. Dafür gibt es viele Beispiele.

Galileo„, „Welt der Wunder„, „Abenteuer Wissen“ – auch die ARD wollte auf der Welle der populären Wissenschaftsmagazine mitschwimmen und schuf „W wie Wissen„. Das Gemeinschaftsprojekt geriet zum Start aber so fade, dass es seinen Platz im Abendprogramm räumen musste. Der Neustart am Sonntag Nachmittag verläuft glücklicherweise verheißungsvoller.

Bei den Politmagazinen bietet das Erste einen bunten Gemischtwarenladen. Dem ZDF gelingt es, mit dem wöchentlichen „Frontal 21“ eine Marke aufzubauen, die an das Vorgängerformat mit Kienzle und Hauser anknüpft. Die ARD hingegen zwingt dem Zuschauer, der jede Woche zum selben Zeitpunkt einschaltet, mal die letzten Stamokaps des deutschen Fernsehens und mal das bayrische Staatskanzlei-TV auf. Als „Monitor„, „Report“ und Co. zugunsten der vorgezogenen Tagesthemen auf 30 Minuten gestutzt werden, bilden die Chefredakteure der einzelnen Sender keine durchsetzungsstarke Front, die diesen Einschnitt zu verhindern weiß.

Das Wirtschaftsmagazin heißt zwar jede Woche „Plusminus„. Doch von Woche zu Woche wechselt die Verantwortung von einer Anstalt zu nächsten. Und jedes Haus schickt einen anderen Präsentator vor die Kamera. So kann sich keine Marke behaupten.

Besser läuft es nur bei der Kultur. Das Magazin heißt seit einigen Monaten nur noch „Titel, Thesen, Temperamente“ – „Kulturreport“, „Kulturweltspiegel“ etc. sind in der Mottokiste verschwunden – und jede Woche führt Karen Miosga vom NDR durch die Sendung. Die hat aber niedrige Zuschauerzahlen und ist über die Jahren immer tiefer in den Sonntagabend gerutscht. Um 23 Uhr zum Wochenendausklang sind die Profilierungschancen für einen Sender gering, da darf der Gemeinschaftsgedanke zum Zuge kommen.

Dass „Sabine Christiansen“ von der Unterhaltungsabteilung des NDR verantwortet wird (was Voß bei Jauch verhindern wollte), liegt nicht daran, dass eine sonderlich erheiternde Plauderrunde geplant wurde. Anders wäre die Sendung überhaupt nicht als geeignete Konkurrenz zum damaligen „Talk im Turm“ mit Erich Böhme ins Programm gekommen! Auch der – zugegeben kritisierbare – Vertragsschluss von Harald Schmidt mit der ARD-Tochter Degeto entspringt nicht einer gewollten Mauschelei hinter dem Rücken der Intendanten – nein, Schmidt wäre sonst in der „Kreativpause“ geblieben! Die ARD-Oberen erkennen die Schattenseiten dieser Lösungen, aber lernen nicht daraus.

Jauch ist Opfer früherer Ereignisse. Beispiel Werbung: Reinhold Beckmann warb für Versicherungen und diskutierte in seiner Sendung über Altersvorsorge, Radprofi Jan Ullrich wurde alimentiert, bis er wegen positiver Dopingproben bei der Tour de France nicht mehr starten durfte, Sportkoordinator Hagen Boßdorf stolperte über Nebeneinnahmen, im „Marienhof“ wurde gegen Bezahlung über die Vorzüge von Holzfußböden und die Urlaubsbuchung in pinkfarbigen Reisebüros geredet.

Weitere Ausrutscher würden die Berechtigung der Rundfunkgebühren infrage stellen. Jauch sollte deshalb per Vertrag auf Werbeauftritte verzichten, was er schon zugesagt hatte. Er muss erkennen: weil andere gemogelt haben, glaubt man ihm nicht mehr. „Was ist denn ehrenrührig daran, dass man eine Zusage in einem Vertrag festhält?“, fragt Voss. Nichts, aber vor einem begehrten Mitarbeiter errichtet man nicht nachträglich Mauern des Misstrauens.

Die ARD sucht eine Begründung für ihr Dasein. Diese Legitimation glauben die Verantwortlichen in guten Einschaltquoten zu finden, die Jauch dem „Ersten“ – und keinem anderen Programm mehr – bescheren sollte. „Entweder ist einer bei uns oder bei den Kommerziellen„, diktierte die designierte WDR-Intendantin Monika Piel der „Zeit“. Dabei hätte die Glaubwürdigkeit Jauchs hätte nicht unter Engagements bei anderen Kanälen gelitten. Dem „Aktuellen Sport-Studio“ hatte es nicht geschadet, dass er einst schon für RTL vor der Kamera stand. Und bei Sandra Maischberger profitierte die ARD von einer Moderatorinnenmarke, die sich durch Auftritte bei NTV und im Ersten wechselseitig verstärkte.

Wie leer die Forderung nach Exklusivität ist, offenbart Jauch. Es habe den Wunsch an ihn gegeben, „eine zweite ARD-Sendung zu machen, von der aber niemand auch nur im Ansatz wusste, wie sie hätte aussehen sollen“, klagt er. Ein bekanntes Verhalten der ARD: Für Beckmann wurde – nachdem er von Sat1 geködert war – die Guiness-Buch-Rekordeshow aus dem Boden gestampft und mangels Erfolg wieder dorthin zurück. Für Jörg Pilawa wurden immer wieder neue Abendsendungen ersonnen. Jauch hat nun verweigert, die Rolle des Programm-Hampelmanns aus der ersten Reihe zu übernehmen.

Rückblickend ist für ihn die Posse um seinen gescheiterten Polittalk die Geschichte zweier Frauen: Die Dame ARD sei „noch immer attraktiv – aber bei näherem Hinsehen doch sehr kapriziös und zudem von Hunderten von Gremien-Grummlern umstellt“. Sein derzeitiger Heimatsender RTL ist dagegen eine „attraktive Frau, manchmal mit etwas zu knappem Rock oder zu viel Rouge auf den Wangen. Aber die lässt mich wenigstens frei arbeiten.“

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog Vanity Care.

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