Hysterie und Herdentrieb

Entrüstung: Über Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und Münchens OB-Kandidaten Josef Schmid (CSU). Mit Brandreden und plakativen Entgleisungen erzeugen sie den Eindruck, in Deutschlands U-Bahnen sei keiner mehr sicher. Dass ihre Agitationen überhaupt verfangen, daran sind die Medien nicht unschuldig.

Seit Weihnachten listen Zeitungen vor allem des Boulevards und TV-Sendungen (in unterirdischer Manier) Vorfälle auf, die in Rempeleien und Prügeleien endeten und erzeugten den Eindruck, in den vergangenen Monaten sei vieles schlimmer geworden in Deutschland. Denn zuvor gab es nicht so viele Nachrichten aus der Tiefe. Gefahr für Leib und Leben drohe vor allem dann, wenn Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene und davon vor allem Ausländer den Weg in den Untergrund gefunden haben.

Damit jeder dieser Botschaft glaubt, werden Überwachungskamerabilder dazu gedruckt. Die Aufnahmen können nämlich nicht nur der Sicherheit dienen – oder der Tätersuche, sondern auch der Effekthascherei und der Auflagensteigerung. Und möglicherweise auch dem Stimmenfang, was Schmid im Nachgang der Veröffentlichungen austestet.

Pixelige Aufnahmen auf vielen Seiten und vielen Sendern – was der eine zeigt, darf beim anderen nicht fehlen. Und das gilt nicht nur für die Aufnahmen am Tag nach der Tat, sondern auch für das, was Koch und Schmid daraus machen. Als “Herdentrieb” bezeichnet Jens Bergmann im aktuellen “brand eins”-Heft dieses Geschehen (Schlimmer geht immer, ab Seite 90). Erst begeben sich die Medien kollektiv auf Tätersuche, dann bilden sie die politisch inszenierte Täter-/Problemgruppen-Jagd ab.

Bergmann wählt zur Illustration das Beispiel Maddie, das im Portugalurlaub verschwundene Mädchen, dessen Eltern Wochen später selbst in Verdacht gerieten. Aus der Tragödie des Jahres wurde die Skandalgeschichte des Jahres – und nach allen Berichten weiß der Leser über das Schicksal Maddies nicht mehr als nach dem ersten Bericht.

Auf den “Herdentrieb” folgt bei Bergmann die “Hysterie”. Alles wird anscheinend schlimmer, sonst gäbe es die vielen Berichte nicht. Tatsächlich erscheinen sie wegen einer Marotte der Medienschaffenden: “Journalisten haben das Neue, Ungewöhnliche,, von der Norm Abweichende im Blick.” Problem dabei: “Dummerweise gibt es ein Missverhältnis zwischen solchen spektakulären Ereignissen und den Seiten und Sendeplätzen, die gefüllt werden müssen.”

Deshalb werden Geschichten aufgeblasen. Bergmann nennt die Gammelfleisch-Hysterie. Passend zur U-Bahn-Schläger-Debatte liefert der Berliner Kriminologe Frank Robertz im Interview im selben Heft (ab Seite 64) Fakten. Er erklärt, was die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik tatsächlich bedeuten. Leider erfahren Boulevard-Leser nicht, dass es “vor allem Tätigkeitsberichte der Polizei” sind. Nur angezeigte und verfolgte Taten werden aufgenommen. Wenn mehr Anzeigen eingehen (oder mehr Taten überhaupt gefühlt werden) steigt die Kriminalität.

Eine – durch Agitatoren, leider auch durch Medien – alarmierte Gesellschaft sieht mehr, was nicht sein soll und bringt dies zum Eintrag in die Statistik. Alles gewalttätiger drücken dann die Zahlen aus, auch wenn möglicherweise die Delinquenz unverändert ist. Und wenn die Zahlen sinken, kann es dennoch schlimmer erscheinen: „Nun wird jedes Jahr nach Veröffentlichungen der Polizeiberichte von den Medien der Bereich herausgegriffen, in dem die Kriminalität zugenommen hat.“ Denn: „Skandalisierungen verkaufen sich weit besser als die Nachricht, das es weniger Straftaten gegeben hat.“

Hysterie. Weitere Medien-Todsünden, die Bergmann analysiert: “Faulheit”, “Eitelkeit”, “Vergesslichkeit”, “Oberflächlichkeit”, “Gier”. Lesenswert für Leser und Schreiber.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog Vanity Care.

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