Auftrag und Ideologie

Gefechtslärm, Minen, Guerilla-Kämpfer, Schießereien – das Krisenreporter-Dasein zehrt an den Nerven. Wie gehen denn Soldaten damit um? Fragen an einen Militärpsychologen. Und Antworten, die Einblicke in das Bundeswehrdenken geben, aber wenig beruhigen.

Ziehe in ein anderes Land und kämpfe dort. Begib dich direkt dorthin. Bundeswehrsoldaten haben einen Auftrag, wenn sie ins Ausland ziehen. Jeder hat seine Aufgabe, die sie oder er erledigt. Mag die einzelne Tätigkeit noch dazu dienen, dass die gesamte Mission funktioniert, bleibt auch bei ihnen die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Doch der wird vor Ort so manches Mal von ihnen selbst ausgeblendet,sagen Soldaten. Keine Ignoranz übrigens, sondern ein Schutzreflex.

Wenn ein Kamerad aus der eigenen Kompanie gefallen ist, wenn man selbst ein Detonation miterlebt und mit Glück überlegt hat, wenn man am Abend weiß, den Ort eines Anschlags zehn Minuten eher passiert zu haben, bevor es andere Soldaten dahinraffte, sind Rechtfertigungen nötig. Warum mache ich das ganze überhaupt?

Die soldatische Rechtfertigung erklärt uns ein Militärpsychologe. Das wichtigste sei der Einsatz für das Wohl der eigenen Truppe. Alles was getan werde, werde zum Schutz der eigenen Kameraden erledigt. Wer die Mitglieder des eigenen Bataillons angreift, wird verfolgt. Wer der Truppe nach dem Leben trachtet, soll festgesetzt werden. Schließlich bedroht er die Kameraden. Auch die Schüsse des Scharfschützen sollen so gerechtfertigt sein, das Zielobjekt könnte morgen oder schon in einer Stunde die Kameraden bedrohen.

Zusammenhalt ist gut, ist wichtig, schafft gegenseitiges Vertrauen, gibt mentale Stärke. Dennoch: Für mich beinhaltet diese soldatische Tugend – in der, das sei fairerweise angemerkt, sich die Rechtfertigung eines Einsatzes nicht erschöpft – ein großes Problem. Mit dieser Argumentationsfigur können auch Terroristen arbeiten. Eine Ideologie muss herhalten, um die Einsatzfähigkeit zu erhalten. Kritisch hinterfragen? Vorher und hinterher gern, aber nicht während dessen, sondern positiv denken. Und das – so der Psychologe – sei eine Frage der persönliche Einstellung, der persönlichen Sichtweise.

Zufrieden bin ich mit solchen Erklärungen nicht. Gewiss: Der Einsatz in Krisenregionen ist kein normaler Beruf. Stress pur. Nerven zehrend. Das Journalistentraining ist dagegen streng genommen nur ein großes Spiel, sehr engagiert inszeniert von den Rollenspielern der Bundeswehr. Trotzdem kann sich nicht jeder von uns in der einen oder anderen Situation ein Schmunzeln verkneifen. Dennoch ist jedem von uns im Journalistenteam bewusst: wäre es kein Spiel, gesund und wohlauf wären wir nicht mehr alle.

Alle Folgen:

Folge 1: Kleines Kriegs-Tagebuch
Folge 2: Hammelburg
Folge 3: Eingerückt
Folge 4: Ein Schuss und eine Granate
Folge 5: Nord gegen Süd
Folge 6: Betreten
Folge 7: Auftrag und Bearbeitung
Folge 8: Im Gefecht
Folge 9: Gewehrmündung im Gesicht
Folge 10: Auftrag und Ideologie
Folge 11: Entführung
Folge 12: Aus Schaden wird man klug

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