“Alles unterlassen, was zur Erbauung des Nächsten nichts beiträgt”

Klickibunti-Bilderstrecken, stapelweise ins Redaktionssystem kopierte Agenturware und täuschende Verlinkungen, die auf Werbeseiten führen – mit der Qualität des Online-Journalismus scheint es nicht zum Besten zu stehen. Anlass zum Meckern boten schon die ersten Zeitungen. Manches, was die Kritiker vor 400 Jahren schrieben, könnten sie heute genauso wiederholen.

Verstand und Urteilskraft – zwei Eigenschaften, die man auch aktuell jedem Journalisten wünscht – forderte der Leipziger Tobias Peucer 1690 von den Zeitungsschreibern seiner Zeit an. Sie bräuchten diese Talente, “damit glaubwürdige Dinge von leeren ausgestreuten Gerüchten und leichtfertige Verdächtigungen und tägliche Sachen und Vorgänge von öffentlichen und zwar denkwürdigen Ereignissen unterschieden werden”, schrieb er.

Darüber hinaus hatte Peucer, ein Theologe, in “De Relationibus Novellis”, der ersten Dissertation zum Zeitungswesen in Deutschland, strikte Vorstellungen vom Wesen des guten Zeitungschreibers. Er verlangte “Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit” vom Berichterstatter, damit der “nicht etwa aus Voreingenommenheit für eine Partei schuldhaft etwas Falsches beimische oder nicht ganz sichere Dinge über Vorgänge von großer Bedeutung niederschreibe.”

Ein Zeitgenosse Peucers war Kaspar Stieler, der schon 1695 die Ansicht vertrat, dass das Nutzen von Medienangeboten auch Spaß bereiten könne, wenn sie denn gut sind. Zumindest deutet der Titel seiner Arbeit “Zeitungs Lust und Nutz” darauf hin. Allerdings hatte der Spaß für Stieler seine Grenzen: “Satirische Schriften” und “spöttische Durchhechelungen” gehörten nicht in die Zeitung. Stattdessen wünschte er sich nur “zeitungswürdige Materialien”, die “das Wichtige und Weitaussehende von Lappalien” unterscheiden. Schlüssellochguckerei und Paparazzitum hätte Stieler übrigens gehasst. Er wollte nur zum “gemeinen Wesen” gehörende Informationen, aber nicht “Privat-Sachen” in der Zeitung.

Wenn es trotz aller Mahnungen der Vordenker mit der Qualität mal doch nicht so klappte, forderte so mancher der frühen Zeitungskritiker ein Verbot wie Ahasver Fritsch, der als Kirchenmusiker und Jurist aktiv war. Ein Verbot forderte der Sohn des Bürgermeisters von Mücheln, aber – wohlgemerkt – nicht für die Journalisten, sondern für manche Leser. Fritsch fürchtete eine „neue Zeitungs-Sucht“, da Menschen einen schlimmen Charakterzug besäßen: die Neugierde.

Und die würden Zeitungleser auch schlimmstenfalls auch mit “erfundene Nachichten” – im 17. Jahrhundert war es noch schwer an gründlich erarbeitete Meldungen zu gelangen die Korrespondenten aus ganz Europa meist kurz und ohne Hintergründe den Zeitungen zukommen ließen. “Man muss die Wahrheit sagen. Lügen und falsches Gerede überhaupt meiden und alles unterlassen, was zur Erbauung des Nächsten nichts beiträgt”, schrieb er und meinte leider keine 172-teilige Bilderstrecke damit.

Dieser Beitrag ist zuerst im Blog Vanity Care erschienen.

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