Wie eine Online-Redaktion arbeitet

Wenig Hintergrund, viel schnell Dahingehuschtes – mit Recht lassen sich Anstrengungen kritisieren, die klassische Medien (Print, Radio, TV) im Netz unternehmen. Nachdem Robert Basic nach Ursachen redaktionsinterner Feindschaften zwischen den klassisch Tätigen und „Onlinern“ gefragt hat und der Netzausfall Strategien diskutiert hat, wie die Informationsfülle auf den Seiten gut erfasst werden kann, möchte ich einen Einblick in den Alltag einer Online-Redaktion geben.

133 bzw. 114 Artikel hat der Netzausfall an zwei Tagen bei Spiegel Online gezählt. In der Redaktion, in der ich arbeite, sind es etwas weniger, aber 80 bis 100 Texte kommen auch hier an jedem Werktag dazu. Dabei sind Nachrichten, die am Online-Newsdesk geschrieben werden, Berichte und Feature von Redakteuren des Online-Teams und Artikel, die aus dem zugehörigen Printprodukt übernommen werden. Eine große Informationsmenge, die erstmal für die Veröffentlichung geschaffen werden muss und dann so präsentiert werden muss, damit sie Leser findet.

Bei der Arbeit an der aktuellen Seite unterscheidet sich Spiegel Online übrigens gar nicht so stark von anderen Titeln. Alle Online-Redaktionen, die nicht bloß Meldungen von Nachrichtenagenturen – oft sogar automatisiert – einlaufen lassen (besonders bei regionalen Zeitungen gibt es dafür ganz grausige Beispiel), arbeiten ähnlich. Die Behauptung, dass Spiegel Online alternativlos für umfassende Informationsgewinnung sei, ist falsch (siehe faz.net, welt.de, sueddeutsche.de, tagesschau.de, heute.de, focus.de, ftd.de, handelsblatt.com, netzeitung.de, …)

Allerdings hat Spiegel Online einen Vorsprung und die Leitmedium-Rolle im deutschsprachigen Netz inne. Der Bookmark auf deren Seite fehlt in keiner anderen Redaktion. Gründe für den Vorsprung sind, dass bei Spon mehr Journalisten arbeiten als bei Konkurrenzseiten, dass Spon ein „First mover“ ist, der lange praktische Erfahrungen sammeln konnte, und dass Spon nach dem Ende des ersten Web-Booms nicht radikal das Netzangebot zurückgefahren hat (Durchhalten zahlt sich nun aus).

Die Bedeutung der Homepage ist für einen Online-Auftritt viel größer, als die Titelseite einer Tageszeitung. Die Zugriffsstatistiken zeigen, Leser blättern im Internet nicht wie in einer Zeitung, wo sie die Reportage auf Seite 3 suchen oder für Börsennachrichten den Finanzteil herausziehen. Online gilt ein härteres Gesetz: Ein Text, der nicht auf der Homepage angekündigt wird, findet nur stark eingeschränkt statt – Rubrikenübersichten rufen nur wenige auf.

Alles auf die Homepage – 133 Texte passen da aber nicht hin, wenn der Scrollbalken nicht zum Strich schrumpfen soll: Also auswählen und sortieren – oben oder unten, Mittelspalte oder Seite,…. Das Relevanteste – nicht zwingend das Neueste wie bei Blogs – kommt nach ganz oben in die „Top-News“, ebenso Texte, die laut permanent aktualisierter Statistik auf großes Interesse stoßen. Etwas weniger Relevantes steht tiefer in den Rubrikenabschnitten, noch weniger Wichtiges kommt gar nicht auf die Homepage. Damit nun die Seite nicht statisch ist wie ein Blatt Papier, kommen laufend neue Texte hinzu, vorhandene Texte wechseln die Position – sowohl abwärts als auch aufwärts, bekommen ein neues Bild oder eine neue Überschrift. So kann auch ein Artikel, der schon einen halben Tag alt oder älter ist, zu neuer Beliebtheit kommen.

Eine gute Platzierung beschert einem Artikel noch lange nicht viele Page Impressions. Um den Leser zum Click auf den gesamten Text zu animieren (PIs zu sammeln), bleiben dem Autoren aber nur die Schlagzeile und zwei Sätze. Die müssen gelingen, Interesse wecken. Sie dürfen aber nicht den gesamten Kern der Nachricht preis geben, sonst wäre der „Weiter“-Click überflüssig. Gelöst wird dieses Problem mit der Stilfigur des so genannten indirekten Cliffhangers. Cliffhanger, weil der Leser über „Weiter“ vom Cliff springen muss, um in die Nachricht voll einzutauchen. Indirekt, weil der Cliffhanger Fragen beim Leser provozieren soll, deren Beantwortung nach dem Click zu erwarten ist, diese Fragen aber nicht explizit schreibt.

Die Kunst in einer Online-Nachrichten-Redaktion besteht darin, in diesem stark beschränkten Platz zu informieren und zugleich für das eigene Produkt zu werben. Die Schlagzeile und die zwei Teaser-Sätze machen auch die Individualität des Mediums aus. Was danach kommt, haben alle Nachrichtenangebote im Netz (mit kleinen Unterschieden), denn alle greifen auf Nachrichtenagenturen zu (auch Spiegel Online macht das genauso). Schnell muss es auch gehen, 30 Minuten bleiben im Schnitt für den gesamten Text – von der Überschrift über alle Verknüpfungen mit Bildern, Archiv-Texten, Videos etc. Und es geht früh morgens los, wenn ab halb neun die Zugriffszahlen in die Höhe schnellen, müssen mehrere neue Berichte online sein.

Alles nur so ein schneller Kram, dumpfes Nachgeschreibe der Agenturen? Nur wenn die Arbeit auf das Kopieren von Texten beschränkt wird. Dass es nur wenige große Hintergrundstücke und gut recherchierte Reportagen gibt, liegt an der geringen personellen Ausstattung von Online-Redaktionen. Aber auch am Leserverhalten. Die große Reportage findet nicht die Leserzahlen wie die topaktuelle Meldung. Besonders ernüchternd: Wird ein Artikel, der eine halbe bis ganze Zeitungsseite füllen kann, auf mehrere Pages aufgeteilt, lässt sich genau sehen, wie vielen Lesern der Atem auf halber Strecke ausgeht. Bis zum letzten Satz lesen gute zehn bis zwanzig Prozent. Die große Reportage hat im Netz keine gute Heimat, andere Darstellungsformen – Bildergalerien, FAQ-Listen usw. die mit nicht minder viel Arbeit verbunden sein müssen – entsprechen der Webbeschaffenheit mehr.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog Vanity Care.

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