Quoten, Clicks und Kohle werden zum Bumerang

“Dauerwerbesendung” hätte die ARD während der Dokumentation “Quoten, Clicks und Kohle” einblenden müssen, befand der Spiegel. SWR-Chefreporter Thomas Leif hatte sich darin mit dem Streit über die Online-Pläne von ARD und ZDF beschäftigt und sich darin – vorsichtig gesagt – stark der Position seines Arbeitgebers genähert. Nun wird die Sendung zum Bumerang. Ein Gutachten attestiert einseitige Recherche. Medienaufseher verlangen eine stärkere Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Sender.

Auch wenn die Zuschauerzahl am späten Abend unter die Millionengrenze fällt, heißt das noch lange nicht, dass niemand zuschaut. So auch im “Ersten”. Zwar interessierten sich weniger als 700.000 Zuschauer für Leifs Film über die Online-Pläne von ARD und ZDF, die Kritik privater Kanäle und Verlage und die Folgerungen des SWR-Chefreporters. Das waren aber genug, um einen Sturm der Entrüstung auszulösen. Zumal das Fachpublikum – Medienjournalisten, Interessenvertreter und TV-Experten – in großer Zahl zuschauten.

Damit hätte man rechnen können. Dennoch hievte “Das Erste” die Sendung just in der Woche ins Programm, in der die Verhandlungen über den zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrag begannen. Von dem Regelwerk erhoffen sich viele, dass ARD und ZDF online in die Schranken verwiesen werden, sehr zum Missfallen der Anstaltsverantwortlichen. Geholfen hat letzteren der Film nicht, wie mittlerweile bekannt ist. Die Ministerpräsidenten der Länder treten jedem Wildwuchs der öffentlich-rechtlichen im Netz entgegen und wollen enge Grenzen ziehen.

Zur Hilfestellung reichte der Film nicht – schlimmer, er könnte den Anstalten sogar zum Schaden gereichen. Grund: Ein Gutachten (pdf), das Horst Müller, Professor an der Hochschule Mittweida, im Auftrag der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) in Mainz erstellt hat. Er attestiert handwerkliche Fehler. Aus Spekulationen seien bei Leif Fakten geworden, Interviewpartner seien so ausgewählt worden, dass sie willkommene Stichwortgeber waren. Und Kritiker der öffentlich-rechtlichen Online-Pläne hätten deutlich weniger Zeit zur Stellungnahme bekommen, als andere Gesprächspartner.

Gute Stichworte für die Aufseher der LMK. Die Behörde kontrolliert derzeit alle in Rheinland-Pfalz zugelassenen Privatsender und fordert seit Wochen – nun gestärkt durch das Gutachten – mehr Kompetenzen. Genauer: Eine gemeinsame Aufsicht über private und öffentlich-rechtliche Sender. Das bedeutet nicht weniger als den Bruch mit Teilen der bisherigen Ordnung im dualen Rundfunksystems Deutschlands. Bislang müssen sich die privaten Sender bei Beschwerden vor den für sie zuständigen Landesmedienanstalten rechtfertigen. Die öffentlich-rechtlichen erledigen das in den Räten ihrer eigenen Häuser.

Für Außenstehende ist das ein kaum verständlicher Kompetenzwirrwarr, zumal es diese Unterteilung für Telemedien – also Internetangebote – nicht gibt. Die Initiative der LMK könnte somit für Klarheit bei der Medienaufsicht sorgen. Allerdings haftet ihr der Makel an, dass ein jahrelang bekannter Missstand nun aus Anlass einer verunglückten Sendung zur Entscheidung getrieben werden könnte. Ein Bumerang für die ARD, die wohl nicht so schnell wieder lange Dokumentationen in eigener Sache starten wird. Um den Schaden zu begrenzen wird dort nun ohnehin gemauert. Leif antwortete “Spiegel Online” auf die Frage, wer die Sendung in Auftrag gegeben habe (und somit ja für die aktuelle Debatte verantwortlich ist) knapp: “Sage ich nicht.”

Dieser Beitrag ist zuerst im Blog Vanity Care erschienen.

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