TUI Travel steckt Revier ab

F.A.Z. vom 7. März 2013 Da wollte jemand nicht länger anderen das Feld überlassen: Der Vorstandschef demonstriert Stärke gegenüber dem TUI-Mutterkonzern.

Da wollte jemand nicht länger anderen das Feld überlassen. Nach Jahren ohne öffentlichen Auftritt im Umfeld der Reisemesse ITB meldete sich Peter Long, der Vorstandsvorsitzende der Tui-Tochtergesellschaft Tui Travel zu Wort. Mitgebracht hatte er eine Präsentation, der es an selbstbewussten Formulierungen nicht mangelte. Fünfeinhalb Jahre nach dem Entstehen der Gesellschaft Tui Travel, in der der Mutterkonzern aus Hannover sein Reiseveranstaltergeschäft mit dem damals gekauften britischen Wettbewerber First Choice zusammengeführt hatte, demonstrierte Long Stärke.

Tui Travel habe eine „aufregende und erfolgreiche Reise“ zurückgelegt, zähle mit seinen Landesgesellschaften auf nahezu allen Märkten zu den führenden Marken. „Wir sind groß, und wir sind profitabel“, verkündete Long. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte Tui Travel mit 390 Millionen Pfund vor Steuern einen Rekordgewinn vorgelegt.

Obwohl der britische Manager jede Äußerung zum Mutterkonzern in Hannover vermied, drängte sich der Eindruck auf, dass er einen Gegenpol zu jüngsten Äußerung des dort neuen Vorstandsvorsitzenden Friedrich Joussen setzen wollte. Denn Joussen hat es noch vor sich, die deutsche Zentrale profitabler zu machen. Die Aktionäre warten seit Jahren vergeblich auf eine Ausschüttung. Intern hat Joussen selbst eingeräumt, dass trotz der nach Hannover fließenden Dividenden von Tui Travel kaum Geld übrig bleibe. „Mit anderen Worten: In der Holding wird Geld vernichtet“, bilanzierte Joussen in einem Mitarbeiterschreiben.

Der vom Mobilfunkkonzern Vodafone gekommene Nachfolger von Michael Frenzel hatte im Umfeld seiner Amtsübernahme auch allerlei Vorschläge unterbreitet, wie nach seiner Vorstellung die Zukunft von Tui – auch neben der selbst börsennotierten und sehr eigenständig agierenden Tui Travel – aussehen sollte. So hatte Joussen die Frage aufgeworfen, ob Tui langfristig noch eine eigene Flugzeugflotte benötige.

Long listete nun auf, dass in Tochtergesellschaften 141 Flugzeuge für den Konzern unterwegs sind. Joussen hatte angemerkt, dass es in der Welt der Tui – vor allem bei Tui Travel – mehr als 100 Einzelmarken gebe. Long erklärte, dass gerade die Strategie, sehr differenzierte Angebote für verschiedene Kundengruppen zu machen, zum Erfolg von Tui Travel geführt habe. Am Ende der Präsentation blieb der Eindruck, das Tui-Travel-Management wolle deutlich machen, dass es gut ohne Ratschläge aus Hannover arbeiten kann. Eine weitere Episode im Gerangel zwischen den beiden Konzerngesellschaften – rechtzeitig plaziert, bevor Joussen, der schon in den Tui-Travel-Verwaltungsrat eingezogen ist, dort auch den Vorsitz übernehmen könnte.

Für das Deutschland-Geschäft stellte derweil der seit vergangenem Herbst amtierende Geschäftsführer Christian Clemens ambitionierte Ziele auf. Der Marktanteil des größten Reiseanbieters hierzulande soll von zuletzt 18 Prozent auf 25 Prozent steigen. In den vergangenen Jahren hatte Tui auf dem deutschen Markt lieber auf etwas Umsatz verzichtet, um die Profitabilität zu erhöhen. Für das abgelaufene Geschäftsjahr erreichte Tui Deutschland mit einer Rendite von 2,5 Prozent den besten Wert seit Jahren. Clemens hält allerdings „ein höheres Wachstum mit einer besseren Marge“ für möglich.

Mehr exklusiv angebotene Hotels, deren Anteil im Sortiment der Kernmarke Tui von 65 auf 80 Prozent steigen soll, und eine schärfere Qualitätskontrolle sollen dazu beitragen. Clemens kündigte an, dass Tui fortan nur noch Unterkünfte anbietet, die 83 Prozent der bisherigen Besucher empfehlen. Bislang lag die Schwelle bei 80 Prozent, langfristig strebt er strebt er einen Wert von 90 Prozent an. „Wir wollen Weltklasse sein“, formuliert Clemens seinen Anspruch plakativ. Damit dürfte er bei keinem der beiden Vorstandsvorsitzenden auf Widerstand stoßen.

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