Schöne Ferien – aber billig

F.A.Z. vom 24. August 2014 Der Urlaub steckt voller Widersprüche. Nicht nur, dass es für perfekte Ferien aus Sicht vieler Reisender am Büfett in der Türkei italienische Spaghetti und deutsches Schnitzel geben soll. Der Weltmeister der Auslandsreisen, der deutsche Urlauber, wünscht auch ein Maximum an Erlebnis und Entspannung für ein Minimum an Kosten.

„Der deutsche Verbraucher ist sehr qualitätsbewusst“, sagt Willi Verhuven, der Chef des Reiseveranstalters Alltours. Das klingt diplomatisch. Manch anderer Touristiker beschreibt die Urlauber drastischer: „Mehr wollen, weniger zahlen.“ Ein weiterer Widerspruch in der Urlaubswelt ist daher, dass der Sommer 2014 eine Zeit des Abschieds ausgerechnet von den Billigmarken deutscher Reiseanbieter ist. Marktführer TUI stampft die Günstiglinie Discount-Travel ein. Sie war vor einem Jahrzehnt geschaffen worden, um besonders preisbewussten Kunden ein Angebot zu schaffen. Nun fällt Discount-Travel der Entschlackungskur in der Markenfamilie der TUI zum Opfer. Auch Konkurrent DER Touristik streicht einen Namen. Nach 40 Jahren verschwindet die Marke Tjaereborg, die zuletzt ebenfalls auf Schnäppchensucher ausgerichtet war. Die Reise darf – entgegen den Preisvorstellungen der Urlaubskunden – nicht mehr „Discount“ heißen.

Viel lieber spricht die Reisebranche über ihre neuen Hotel-Eigenmarken wie Sensimar und Puravida (TUI), Sentido und Sunconnect (Thomas Cook) oder Allsun (Alltours). Dahinter stehen Konzepte, die jeder Zielgruppe den passenden Urlaub versprechen. Und weil diese Häuser nur von einem Anbieter exklusiv angeboten werden, sehen die Touristiker damit die Chance, der totalen Vergleichbarkeit der Reisepreise auf Online-Portalen zu entkommen. Zumindest dieses Kalkül scheint aufzugehen. Thomas-Cook-Vorstandschefin Harriet Green rechnete jüngst vor, dass sich im laufenden Sommergeschäft bis Ende Juni 615 492 Kunden für ein Markenhotel des Konzerns entschieden hätten. Ähnlich klingt Christian Clemens, der Deutschland-Chef der TUI: „Unsere eigenen, differenzierten Hotelkonzepte sind eine echte Erfolgsgeschichte und einer unserer zentralen Wachstumshebel“, sagt er. Der bereinigte operative Gewinn im deutschen TUI-Geschäft stieg in den Monaten April bis Juni um 16 Prozent.

Doch mit der Gesamtzahl der verkauften Urlaube lag TUI in Deutschland Ende Juni ein Prozent unter dem Niveau vom Juni 2013. Auch Thomas Cook meldete für Kontinentaleuropa bloß einen Buchungsstand auf Vorjahresniveau. Die edlen Eigenmarken taugen dafür, höhere Preise von zufriedenen Urlaubern zu verlangen und die Rendite zu verbessern. Zum Erobern von Marktanteilen dienen sie – bislang – nicht.

Mehr vom Urlaubsgeschäft scheint nur der zu ergattern, der sich um die preissensiblen Massen sorgt. Anders als es die Werbung für die Vorzeigehotels suggeriert, wird besonders im Günstigsegment umgebaut und poliert. Vorreiter ist Thomas Cook. Wer mit dem Konzern auf Pauschalreise gehen will, kann aus 20 000 Hotels wählen, rund 5000 mehr als vor einem Jahr. Die Zahl der rund 140 Konzepthäuser wirkt dagegen geradezu niedlich. Auch bei TUI gehören von 15 000 buchbaren Hotels lediglich 118 zu den Eigenmarken. Der Abschied von den Billigmarken wie Discount-Travel und Tjaereborg täuscht daher über die wahre Bedeutung des Billigsegments.

TUI verschiebt die Angebote für preissensible Kunden zur Marke 1-2-Fly, DER führt mit Travelix gar einen neuen Namen ein. Damit verbunden ist ein technisches Aufrüsten in der Reise-IT. So preist DER das Travelix-Geschäft als „papierlosen Reiseverkauf“, weil es ganz ohne Katalog auskommt. Das soll nicht nur 12 Tonnen Papier im Jahr sparen, sondern auch die technische Möglichkeit geben, Flüge und Hotelzimmer, die aus Datenbanken abgerufen werden, täglich neu zu bepreisen.

Was Branchenneulinge vor rund einem Jahrzehnt als Technik-Innovation neben das alte Pauschalreisegeschäft stellten, steht mittlerweile nicht mehr im Widerspruch zum traditionellen Metier der Urlaubsanbieter. Vielen Urlaubern ist es egal, ob ein Konzern ihnen einen Flugsitz aus seinem vorab eingekauften Charterkontingent zuteilt oder den Platz aktuell aus einem Buchungssystem saugt. Doch das technische Aufrüsten hat die Branche mehr verändert, als mancher Urlauber ahnt. Das Kurzentschlossenen-Geschäft alter Prägung verschwindet. „Last Minute ist kein eigenes Marktsegment mehr“, sagt Michael Frese, Geschäftsführer von DER Touristik in Frankfurt. Mittlerweile schlägt an jedem Tag die letzte Minute für Reisepakete, die auf elektronischem Wege geschnürt werden.

Ohnehin erkaufen sich Reiseveranstalter und Hoteliers lieber mit Frühbucherrabatten vom Kunden die Sicherheit, Betten und Zimmerkontingente auszulasten. Zum Beginn der Sommerferien hatten die Konzerne weit mehr als 80 Prozent ihrer eingekauften Kapazitäten abgesetzt. Das gelang nicht nur, weil Urlauber zum frühen Buchen erzogen wurden. Die Touristiker planen vorsichtiger, um nicht auf eingekauften Kapazitäten sitzen zu bleiben. Neue Angebote lassen sich dank der Datenbank-Zugriffsmöglichkeiten auf bis zu 20 000 Hotels nahezu immer nachreichen.

Trotz aller Vorsicht: Der Sommer begann für die Touristiker mit der Sorge, allzu schöne Ferien geplant zu haben. Nach einem fulminanten Auftakt – die Zahl der Buchungen im Januar übertraf die Vorjahreswerte deutlich – folgte eine Phase der Ernüchterung, die bis zum Abpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft anhielt. Erst die vergangenen Wochen brachten Buchungen von Kurzentschlossenen

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