Dümpeln zwischen Weltreise und Notverkauf

F.A.Z. vom 19. November 2014. Im Fernsehen steht das Schiff für Traumreisen, für Anleger ist es ein Albtraum. Die „MS Deutschland“ ankert in der Insolvenz, ihre nächste Fahrt ist noch unsicher. Großes Geschäft machen indes andere große Reeder.

Während man in Italien noch feiert, bläst man in Spanien schon Trübsal. Dabei sind sowohl im italienischen Savona als auch in im spanischen Algeciras nahe Gibraltar Grazien des Meerestourismus zu Gast. In Savona ist es die „Costa Diadema“, der bislang größte Neubau des Costa-Gruppe. Mit dessen erster Kreuzfahrt, die zum Wochenende beginnt, will der Konzern endgültig das Schreckenskapitel schließen, das mit dem Unglück der „Costa Concordia“ begann. In Algeciras ist die Leidensgeschichte noch in vollem Gange. Dort liegt die „MS Deutschland“, besser bekannt als das Traumschiff aus dem ZDF-Abendprogramm. Doch für Investoren ist der 1998 in Kiel vom Stapel gelaufene Dampfer aktuell ein Albtraumschiff: Der Betreiber ist insolvent, Anleihegläubiger bangen um Verzinsung und Rückzahlung ihrer Anlage, wann das Schiff wieder ablegt und wohin es dann fährt, ist unsicher.

Notverkauf oder gar Verschrottung waren zuletzt Schreckensszenarien, wie die Reise des einst stolzen, aber in die Jahre gekommenen Schiffs enden könnte. Nostalgiker dürfen immerhin etwas aufatmen: Dass die „Deutschland“ bald in ihre Einzelteile zerlegt werden könnte, erscheint unwahrscheinlich. Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber berichtet von einem regen Interesse an dem Schiff. 15 „ernstzunehmende Anfragen“ lägen vor – manche mehr, manche weniger verbindlich. Für Passagiere, die im Dezember mit dem dümpelnden Traumschiff auf Weltreise gehen wollten, dürfte die Zitterpartie schnell ein Ende haben. Schmid-Sperbers Sprecher sagte dieser Zeitung, noch im Lauf dieses Mittwochs werde entschieden, ob die Kreuzfahrt rund um den Globus angetreten wird.

Vorher ist ein Werftaufenthalt nötig. Die „Deutschland“ muss gewartet werden, um die sogenannte Klasse erneuert zu bekommen – eine turnusgemäße Untersuchung wie die TÜV-Prüfung für das Auto, das ohne gültige Plakette nicht fahren darf. Doch für den längst gebuchten Check in Cadiz fehlte zuletzt das Geld, die Werft ließ ihre Tore zu, weil sie keine Anzahlung bekam. In Algeciras begutachten derweil Taucher das Schiff, um eine vorläufige Fahrterlaubnis für drei Monate zu bekommen – genug Zeit für die Übergabefahrt zu einem Käufer, zu wenig für die Weltumrundung. Doch nun gibt es Hoffnung auf einen Finanzier, der Geld für die Werft vorstreckt und sich im Gegenzug vom Insolvenzverwalter Sicherheiten geben lässt. Die Weltreise wäre damit gesichert – und ein Schiff in voller Fahrt ließe sich als Verkaufsobjekt besser präsentieren als ein Dampfer an der Ankerkette.

Das Geschäft mit Kreuzfahrten boomt – bloß in Algeciras nahe Gibraltar ist davon nichts zu merken. Kein anderer Teil der Reisebranche kann auf eine derartige Wachstumshistorie verweisen wie die Reeder der schwimmenden Hotels. 843 Prozent Wachstum in zwei Jahrzehnten attestiert der Deutsche Reiseverband (DRV) den Seefahrern, die im vergangenen Jahr 2,1 Millionen Passagiere an Bord nahmen. „Der deutsche Hochseekreuzfahrtmarkt ist der sich am dynamischsten entwickelnde Markt in der Touristik, mit durchschnittlich zehnprozentigem Wachstum in den vergangenen Jahren“, sagt Felix Eichhorn, der Vorsitzende des DRV-Ausschusses für Schiffsreisen.

Eichhorn, im Hauptberuf für den deutschen Marktführer Aida tätig, gehört zu den Berufsoptimisten der Branche – auf dem Traumschiff ist von denen aber gerade keiner. Während Eichhorn sicher ist, dass das Potential für Ozeanriesen noch lange nicht ausgeschöpft ist und Deutschland spätestens 2015 nach dem Vereinigten Staaten zweitgrößte Kreuzfahrernation wird, gibt es rund um die MS Deutschland Zweifel, ob für das Traumschiff überhaupt noch Platz auf dem Markt ist.

Denn die wirtschaftlichen Perspektiven wachsen nicht mehr für alle Kreuzfahrtreeder derart in die Höhe wie die Aufbauten neuer und größerer Ferienschiffe. TUI feierte Anfang der Woche den Baubeginn für das fünfte Mitglied der „Mein Schiff“-Flotte, Aida erwartet mit der „Aida Prima“ das elfte Schiff. Doch je mehr Ozeanriesen von Konzernen wie Carnival, dem Mutterkonzern von Costa und Aida, oder Royal Caribbean, dem Partner der TUI auf der „Mein Schiff“Flotte, auf die Meere geschickt werden, desto schwieriger wird die Lage für Kleinstreedereien, die oft nur mit einem Schiff unterwegs sind. Passagiere sind nur schwer davon zu überzeugen, an Bord eines Schiffs zu gehen, das aufgrund seines Alters keine Balkone und kleine Kabinengrundrisse hat, wenn es die Seereise auch in einer größeren, neueren und möglicherweise schöneren Version gibt. Der Boom der Kreuzfahrten schafft nicht mehr nur Gewinner, sondern mittlerweile auch reihenweise Verlierer.

Die „Deutschland“ ist hierzulande der bekannteste, aber keineswegs der einzige Verlierer. Auch der Eigner des 1987 gebauten Schiffs „Astor“ hat Insolvenz angemeldet. Der Anbieter Ambiente Kreuzfahrten, der zum Unternehmensgeflecht der SPD gehörte, hat in diesem Jahr den Betrieb eingestellt. Und zum Wochenbeginn wurde bekannt, dass das Schiff „Delphin“ nicht mehr für Passat-Kreuzfahrten auf Tour geht, auch dieses Unternehmen ist insolvent – und hat den Betrieb eingestellt.

So weit soll es für die „Deutschland“ nicht kommen. Insolvenzverwalter Schmid-Sperber ist nach eigenen Worten daran gelegen, außer einem hohen Verkaufspreis „möglichst viele Arbeitsplätze auf dem Schiff und bei der Reederei zu erhalten“. Ein Investor, der den Dampfer und die für die Vermarktung zuständige Reederei Peter Deilmann im Paket übernimmt, erscheint als Ideallösung. Doch auch ein Verkauf des Schiffs und ein Ende der Reederei ist nicht ausgeschlossen. Schließlich sollen die Zeichner einer Traumschiff-Anleihe, die dem Schiff 50 Millionen Euro Kapital geliehen hatten, möglichst viel von ihrem Geld wiedersehen. Mancher von denen dürfte mit Schrecken vernommen haben, dass der Finanzinvestor Callista, der Schiff und Reederei 2012 vom Investor Aurelius übernahm und zuletzt in die Insolvenz lenkte, schon ein Angebot abgegeben hat – angeblich in zweistelliger Millionenhöhe.

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