Air Berlin bandelt mit TUIfly an

Frankfurter Rundschau vom 18. März 2009 Gesellschaften planen Überkreuzbeteiligung / Konzentration im Fluggeschäft kommt voran: Der zweite Anlauf führt offenbar zum Erfolg: Die Fluggesellschaften Air Berlin und TUIfly stehen vor einer engen Kooperation. Mit der geplanten strategischen Zusammenarbeit beschleunigen die deutsche Nummer zwei und die Flugtochter des Reisekonzerns die erwartete Konzentration im Luftfahrtgeschäft. Beide Unternehmen bestätigten „fortgeschrittene Verhandlungen“.

Konkret liegt ein Plan vor, wonach sich die TUIfly-Mutter TUI Travel mit bis zu 20 Prozent an Air Berlin beteiligt und dort wohl größter Anteilseigner wird. Im Gegenzug steigt Air Berlin im gleichen Umfang bei TUIfly ein und plant zur Finanzierung dieses Schritts eine Kapitalerhöhung.
Durch die Überkreuzbeteiligung wären andere diskutierte Modelle wie eine Schrumpfkur für die TUI-Flotte oder der Verkauf eines Teils an Air Berlin vorerst vom Tisch. Die beiden Gesellschaften hatten bereits im vergangenen Herbst einen Anlauf zum Zusammenrücken unternommen – allerdings ohne Ergebnis. Der nun gefundenen Vereinbarung müssen die Aufsichtsgremien beider Unternehmen noch zustimmen. Der TUI-Aufsichtsrat tagt Anfang kommender Woche.

Kommt die Kooperation zustande, soll sie Kreisen zufolge zügig und noch vor dem Wechsel zum Winterflugplan umgesetzt werden. Fluggäste müssen sich dann mittelfristig darauf einstellen, dass sie zahlreiche Städteverbindungen, die bislang TUIfly anbietet, bei Air Berlin buchen müssen. Am Abfluggate wird aber weiterhin eine Maschine des Hannoveraner Konzerns stehen, die jedoch nicht immer als solche zu erkennen ist. Zehn bis 20 TUI-Flugzeuge sollen im sogenannten Wet-lease-Verfahren (Nassmiete) für Air Berlin abheben. Das Unternehmen aus der Hauptstadt mietet dabei nicht nur die Maschine, sondern auch Piloten, Kabinenpersonal und Wartungsservice. Bei wichtigen Inspektionen sollen die Flugzeuge nach und nach auf das Rot-Weiß-Design von Air Berlin umlackiert werden.

Für Charterpassagiere zu Zielen vorrangig am Mittelmeer ändert sich hingegen wenig. TUIfly will sich auf das reine Urlaubsgeschäft konzentrieren, bei dem große Platzkontingente von Pauschalreisenden genutzt werden. Die Städteverbindungen stellten dagegen ein Problemfeld dar. Obwohl auf einigen Strecken Gewinne eingeflogen wurden, sei das Geschäft insgesamt nicht dauerhaft profitabel gewesen, heißt es. Wenn TUIfly dieses Segment an Air Berlin weiterreicht, kommt das einem kleinen Befreiungsschlag, aber auch einem Schritt zurück gleich. Erst 2007 waren die Urlaubsflüge von Hapagfly und die Billig-Städterouten von HLX unter dem aktuellen Namen TUIfly zusammen geführt worden. Das Ex-HLX-Geschäft soll im wesentlichen Air Berlin übernehmen.

Zudem galt die Zukunft von TUIfly seit Monaten als ungewiss. TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher sagte jüngst, ein „weiter so“ könne es nicht geben. Als Problem galt vor allem die Größe der Flotte. Branchenexperten zufolge können die 41 Flugzeuge des Unternehmens nicht allein mit Urlaubsreisenden ausgelastet werden. Andererseits sei TUIfly zu klein, um ohne Partner dauerhaft zu bestehen, hieß es. Ein angestrebtes Bündnis mit dem Lufthansa-Billigflieger Germanwings und Condor war jedoch geplatzt. Durch die Vereinbarung mit Air Berlin kommt die – von Beobachtern herbeigesehnte – Konsolidierung des deutschen Luftfahrtmarkts nun doch voran.

Branchenexperten reagieren aber verhalten. „In der aktuellen Situation ist es die beste Lösung, die sie treffen
konnten“, sagt Philipp Goedeking vom Luftfahrtberater Airconomy. Die Vereinbarung helfe vor allem Air Berlin, ob sie zum dauerhaften Erfolg reiche, bleibe unklar. Ähnlich äußert sich Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler, der die Vereinbarung als „noch akzeptabel“ ansieht. „Das Risiko ist kleiner, als wenn Air Berlin sich für viel Geld direkt beteiligen würde.“ Aber TUIfly sei „keine attraktive Braut.“ Aufatmen können die 2500 TUIfly-Beschäftigten. Ein Sparkurs mit Verkleinerung der Flotte hätte Stellen gekostet. Auch der in Gewerkschaftskreisen gefürchtete Wechsel von Mitarbeitern zu Air Berlin bleibt aus.

Krise am Himmel

Die Zahl der Fluggäste ist wegen der weltweiten Rezession fünf Monate infolge gesunken. Im Januar lag
sie nach Angaben des internationalen Luftfahrtverbands IATA 5,6 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Als
Reaktion reduzierten Airlines ihr Platzangebot. Dennoch lag die durchschnittliche Auslastung ihrer Flugzeuge mit 72,8 Prozent um 2,8 Prozent niedriger als im Januar 2008.

Im Frachtgeschäft ist die Situation noch akuter. Seit acht Monaten schrumpft das weltweite Cargo-Aufkommen. Im Januar betrug der Rückgang verglichen mit dem Vorjahresmonat 23,2 Prozent.

In Asien mussten Fluggesellschaften die stärksten Einbußen hinnehmen. Im Januar wurden dort 8,4 Prozent
weniger Passagiere gezählt als im Vorjahresmonat. In Europa sank die Zahl um 5,7 Prozent. Lediglich im
Mittleren Osten wurde ein Zuwachs um 3,1 Prozent verzeichnet.

Die Aussichten sind düster. „Die Umsätze in der Luftfahrtindustrie werden sich um 35 Milliarden Dollar
auf 500 Milliarden Dollar verringern“, sagte IATA-Chef Giovanni Bisignani. „Wir rechnen derzeit für die internationale Luftfahrt mit Verlusten in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar in diesem Jahr.“

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