Ryanair wechselt die Landebahn

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. März 2011 Die Billigfluggesellschaft verlässt den Flughafen Altenburg und startet nun im 120 Kilometer entfernten Cochstedt. Durch Ryanair wird der kleine Ort 40 Kilometer südlich von Magdeburg und fast 200 Kilometer entfernt von der Hauptstadt von dieser Woche an zum Sprungbrett Richtung Spanien.

Er war wieder da und hat den deutschen Luftverkehrsmarkt ein klein wenig aufgewirbelt. Michael O’Leary, Vorstandsvorsitzender der irischen Billigfluglinie Ryanair, hat eine kleine Deutschlandtournee hinter sich. Flugverkehr ist dort, wo O’Leary ist – so ließe sich die Reihe seiner Zwischenstopps zusammenfassen. Und wo O’Leary nicht hinkam, da ist eben nichts mehr. Mit Blick auf Ryanair stimmt das und sogar etwas darüber hinaus.

O’Leary flog nach Cochstedt, zu jenem Flughafen, der laut Gerichtsentscheidungen nicht Magdeburg-Berlin International heißen darf und deshalb unter der Bezeichnung Magdeburg-Cochstedt International firmiert. Durch Ryanair wird der kleine Ort 40 Kilometer südlich von Magdeburg und fast 200 Kilometer entfernt von der Hauptstadt von dieser Woche an zum Sprungbrett Richtung Spanien. Fünf Ziele fliegt Ryanair von Sachsen-Anhalt aus an. Nach der Eröffnung zog O’Leary weiter nach Hahn im Hunsrück, zu jenem Flughafen, der Frankfurt im Namen trägt. Zuletzt hatte er dort wegen der seit Jahresbeginn erhobenen Luftverkehrssteuer Verbindungen streichen lassen und Flugzeuge abgezogen. Nun eröffnete er ein Schulungszentrum und einen Werkstatthangar, in dem Ryanair künftig den Großteil seiner Flotte wartet. Zugleich stellte O’Leary neue Ziele in Aussicht, die seine Gesellschaft zusätzlich vom Flughafen Hahn aus ansteuern will, obwohl sich zwischenzeitlich an der deutschen Flugabgabe nichts geändert hat.

Ein Abstecher ins thüringische Städtchen Altenburg stand hingegen nicht auf dem Programm des Ryanair-Chefs. Dort hätte er die letzte von dem Ort startende Maschine seiner Gesellschaft verabschieden und zugleich vorerst das Linienflugzeitalter auf dem ehemaligen Militärflugplatz beenden können. In Altenburg – in der Mitte des Dreiecks aus Leipzig, Chemnitz und Gera gelegen – ist eingetreten, was viele von Ländern, Städten und Gemeinden ausgebaute Kleinflughäfen fürchten: Mit Ryanair wandte sich der einzige Linienflugkunde ab.

2009 hatten die Gesellschafter – der Landkreis Altenburger Land sowie mehrere Kommunen und Kommunalbetriebe – die Landebahn verlängern lassen. Nun war am Samstagnachmittag Flug FR 8927 nach London-Stansted der letzte. Der Traum, die irische Gesellschaft werte Altenburg zum Drehkreuz auf, ist geplatzt. Der Flughafen will als Landeplatz für Privatjets und Geschäftsflieger überleben. Im vergangenen Jahr sorgten diese immerhin für 10 000 Flugbewegungen. Allerdings beschäftigt der Flughafen nur 15 der bisher 60 Beschäftigten weiter.

An zu hohen Gebühren soll es nicht gelegen haben, dass Ryanair sich aus Altenburg verabschiedet hat, um gut 120 Kilometer nordwestlich Cochstedt anzusteuern. Das beteuerte O’Leary zumindest. Seine Kritiker sehen in dem Iren indes einen Airline-Manager, der Kleinflughäfen als Spielbälle seines Geschäftsmodells nutzt und sich dadurch günstige Konditionen sichert. O’Leary würde das anders interpretieren, denn die Landebahnen von Regionalflughäfen wie Lübeck, Weeze, Altenburg oder Cochstedt wären auch dann vorhanden, wenn Ryanair sie nicht nutzte.

In Cochstedt war O’Leary werbewirksam in einem bunten Kostüm angetreten, das an den Schalk Till Eulenspiegel erinnern sollte. Ob er jemanden zum Narren halten wollte, gab O’Leary auch auf Nachfrage nicht preis. Die dänische Betreibergesellschaft Airport Development, die im vergangenen Jahr den Flughafen vom Land Sachsen-Anhalt übernommen hatte, und alle, die auf einen gewohnt launigen Spruch des Iren gewartet hatten, bedachte er jedoch mit mahnenden Worten: “Die Formel ist einfach: Wenn die Kosten steigen, verlässt Ryanair den Flughafen wieder”, verkündete O’Leary – noch bevor die erste planmäßige Ryanair-Maschine in Cochstedt abhob.

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