Der Urlaubs-Choreograph

F.A.Z. vom 4. Juli 2012 Michael Poliza steht für eine neue Marke und für einen neuen Beruf. Nicht Reiseveranstalter oder Touristiker nennt er sich, sondern „Experience Designer“. Er plane keine Reisen, er choreographiere sie, sagt der 54 Jahre alte gebürtige Hamburger zur Erklärung.

Es gehe ihm um eine „Dramaturgie des Reisens“, eine „Optimierung der Erlebnisse“ – irgendwo in der Wildnis von Namibia, Botswana oder Kenia. Und diese Aufgabe übernimmt Poliza künftig für die TUI. Der Reiseveranstalter aus Hannover – Marktführer in Deutschland – hat den Jugendschauspieler, Informatiker, Weltenbummler und Fotografen zum Aushängeschild für sein neues Premiumprodukt erkoren. „Michael Poliza Experiences“ heißt die Marke für Safari-Touren und Expeditionen. Unter den mehreren hundert Produktlinien in der deutschen Reisewelt ist es wohl die einzige, die nach einer lebenden Person benannt ist – eben nach Michael Poliza.

Und der verspricht Heißluftballonfahrten über die Steppe, Hubschrauberflüge entlang einsamer Flussläufe, Landrover-Touren vorbei an Löwen und Elefanten sowie Dinner in der Wildnis. Allerdings haben diese Extravaganzen ihren Preis: mindestens 12 000 Euro pro Person, An- und Abreise nicht inklusive. „Meine Kunden haben die nötigen Ressourcen – was ihnen fehlt, ist die Zeit“, sagt Poliza selbstsicher. Eine dreistellige Urlauberzahl strebt er für das Auftaktjahr an, später mehr – vornehmlich Gutverdiener, die sich für eine oder zwei Wochen so weit von jeglicher Zivilisation entfernen wollen, dass garantiert kein Handy klingelt.

Choreographiert mutet auf jeden Fall schon sein bisheriges Leben an. Poliza hat Ausnahmekarriere an Ausnahmekarriere gereiht. Der Einstieg in die Tourismuswelt markiert den Beginn seiner mittlerweile vierten Laufbahn. Die erste Karriere machte er in Film und Fernsehen, damals war er noch Schüler. Seine wohl prominenteste Rolle hatte er 1975 in dem ZDF-Zweiteiler „Tadellöser und Wolff“, in dem er den jungen Schriftsteller Walter Kempowski spielte. Doch die Schauspielerei blieb eine Jugendepisode.

Von einer Gage kaufte sich Poliza einen programmierbaren Taschenrechner – Modell HP-55 von Hewlett-Packard. Damit war die Technikleidenschaft geweckt. In den Vereinigten Staaten studierte er Informatik. Seine erste Million verdiente er mit dem Vertrieb von IBM-Computern in Deutschland. In der in den achtziger Jahren noch überschaubaren Welt der IT-Fachleute lernte er Bill Gates kennen, lange bevor dessen Konzern Microsoft zum Milliardenimperium wuchs. Während eines Branchentreffens in München teilte sich die beiden einen Raum in einer bayerischen Pension, weil kein Hotelzimmer mehr verfügbar war. Auf dem Weg zur Messe am nächsten Morgen habe er Gates noch die Schuppen vom Jackett gewischt, erinnerte sich Poliza einmal in einem Gespräch.

Aber auch der Computerbranche blieb Poliza nicht treu. Ende der neunziger Jahre war er reif für eine Auszeit. Er verkaufte sein Unternehmen und schipperte auf einer Motoryacht drei Jahre lange um die Welt – im Gepäck seine Fotokamera, ohne die seine dritte Karriere nie begonnen hätte. Irgendwie zufällig endete Polizas Weltreise in Südafrika. Fortan tourte er durch die Wildnis. Dabei entstanden Fotos von Landschaften und Tieren, die er einem Verlag für einen Bildband anbot. Auf den unerwarteten Verkaufserfolg folgten weitere Bücher. Mittlerweile zählt Poliza zur Spitzengruppe der Naturfotografen. Schließlich nahm er Interessierte mit in die Wildnis – es war der Beginn der Touristikkarriere, die nun durch die Kooperation mit der TUI eine frühe Ehrung erfährt. Der Weltenbummler soll den endgültigen Abschied von der Urlaub-von-der-Stange-Ära illustrieren.

Dabei ist Poliza ein Wagnis für die TUI, die TUI aber genauso ein Wagnis für Poliza. Der Reisekonzern macht ihn zum Aushängeschild für seine teuersten Urlaubspakete – und für sein gesamtes Fernreiseprogramm gleich mit. Dafür hat man sogar Fußball-Bundestrainer Jogi Löw ausrangiert. Und Poliza, mehr Individualist als Konformist, gibt seinen Namen für den größten Reiseproduzenten hierzulande her. Der nächste Katalog für Langstreckenreisen kommt nicht mehr ohne ihn aus. Seine Fotografien illustrieren, sein Konterfei dient quasi als Qualitätssiegel. Poliza wird zur Werbefigur, die mehr als 20 Hotels aus dem bestehenden Programm empfiehlt – allerdings nur solche, die seinen persönlichen Vorstellungen von naturnahem Reisen entsprechen.

TUI und Poliza bilden ein Paar der Gegensätze: Die eine schickt Jahr für Jahr Millionen Bürger in den Urlaub, der andere organisiert Touren, die ab einer Teilnehmerzahl von zwei Personen buchbar sind. Die eine assoziierte bislang mit Exquisitem Fünf-Sterne-Hotels, der andere sagt: „Wir definieren Luxus nicht durch goldene Wasserhähne, Kaviar oder Champagner.“ Statt mit Souvenirs vom Basar sollen Polizas Kunden mit Erinnerungen aus der Wildnis zurückkehren, die im Idealfall ein Leben lang bleiben.

Mit seiner gesamten Erscheinung steht Poliza im Kontrast zur langjährigen TUI-Anmutung, die zuweilen den Verdacht nahelegte, dass Urlaub irgendetwas mit Anzug und Krawatte zu tun hat – zumindest, wenn man die Personen anschaut, die die Reisepakete schnüren. Nadelstreifen passen nicht zu Poliza. Zum Dreitagebart und leicht zotteligen Haar trägt er sportliche Kleidung, als ob die nächste Safari unmittelbar bevorsteht. Authentisch wirkt er damit allemal.

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