Das Konzept Ryanair macht Schule

F.A.Z. vom 29.Juli 2014 Der Abgesang auf die Günstiganbieter in der Luftfahrt war verfrüht. Das Modell Ryanair dient Rivalen immer öfter als Vorlage denn als Schreckensbeispiel – zumal die Iren wieder mit steigenden Gewinnen aufwarten. 

Alles hat seinen Preis. Einmal Einchecken am Flughafenschalter kostet künftig 5 Euro, die freie Sitzplatzwahl schon jetzt 10 Euro, eine Cola auf dem Flug nach Mallorca 2,50 Euro. Ein Koffer kann für 7,50 Euro mitgenommen werden, wenn er online angemeldet wird – sonst werden 85 Euro fällig. Das klingt nach Ryanair – ist es aber nicht. Die Preise haben deutsche Fluggesellschaften ersonnen. Auch Condor, Germanwings oder TUI Fly kassieren für Zusatzleistungen – in unterschiedlichem Maße. Kunden, die das günstigste Ticket buchen, können sich nach dem Baukastenprinzip ihren Flug veredeln und verteuern – nach dem Vorbild der irischen Gesellschaft. Schon macht in der Branche das Wort von der „Ryanairisierung“ der Luftfahrt die Runde.

Das Zeitalter der Billigfluggesellschaften nach dem Vorbild von Ryanair, die günstige Tickets offerieren und für jedes Extra zusätzlich kassieren, geht keineswegs zu Ende, es hat gerade erst begonnen. Und auch deutsche Gesellschaften haben sich Kniffe bei dem irischen Vorbild abgeschaut, um mehr Einnahmen zu erzielen und effizienter zu fliegen. Lufthansa bereitet neben der Tochtergesellschaft Germanwings den Neustart der Marke Eurowings als Günstiganbieter auf innereuropäischen Strecken vor. Der British-Airways-Mutterkonzern IAG mischt mit Vueling im Billigsegment mit, und Air France arbeitet an einem Plan, um Marktanteile zurückzuerobern.

Nach einer Phase mit rückläufigen Überschüssen läuft das Fluggeschäft von Ryanair wieder gut. In den Monaten April bis Juni, dem ersten Quartal des Geschäftsjahres 2014/2015, hat Ryanair gegenüber dem Vorjahreszeitraum den Gewinn mehr als verdoppelt – von 78 Millionen auf 197 Millionen Euro. Der Umsatz wuchs um 11 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Zwar begünstigte der späte Osterreiseverkehr, der 2014 anders als 2013 komplett in den Monat April fiel, diese Entwicklung. Doch auch ohne den Ostereffekt geht es für Ryanair aufwärts. Während der deutsche Marktführer Lufthansa seine Gewinnprognose für das laufende Jahr um ein Drittel gesenkt hat, sattelt Ryanair drauf. Der Billigflieger will bis März 2015 nun mindestens 620 Millionen Euro verdienen, bislang war dies die Zielmarke für das optimistischste Szenario – und sie liegt rund 100 Millionen Euro über dem Vorjahresergebnis.

Ryanair erklärt den Aufwärtstrend damit, dass die jüngst verordnete Charmeoffensive wirkt. Die Gesellschaft will Kunden nicht mehr nur mit dem Billigimage, sondern auch mit Service gewinnen. „Wir haben in den vergangenen sechs, sieben Monaten große Fortschritte beim Service erzielt“, sagte Finanzvorstand Howard Millar am Montag. Vor allem die Möglichkeit, sich gegen Aufpreis einen Sitzplatz auszusuchen, werde nachgefragt. Die Erlöse aus dem Verkauf von Extras stiegen ebenso wie die Passagierzahlen um 4 Prozent.

Ab Herbst steht der nächste Wachstumsschub bevor. Dann beginnt die Auslieferung von 180 neuen Flugzeugen, die zum Teil ältere Modelle in der rund 300 Flugzeuge zählenden Ryanair-Flotte ersetzen, aber auch zum Ausbau des Streckennetzes genutzt werden. Unter anderem wird Hamburg in den Flugplan aufgenommen. Ryanair kommt nämlich zunehmend vom Kurs ab, vor allem Kleinflughäfen mit niedrigen Gebühren und wenig Verkehr anzusteuern. Stattdessen rückt man auf die Stationen der traditionellen Linienflieger vor. Mit Hamburg steuern die Iren vier der zehn größten Flughäfen Deutschlands an. Im Gegenzug werden Flüge zum 70 Kilometer von der Elbe entfernten Flughafen Lübeck vorerst eingestellt – Rückkehr ungewiss. Günstigrivalen wie Easyjet, Vueling oder Norwegian sind ohnehin schon in Hamburg angekommen. Mit dem Umsteuern verliert Ryanair auch den Ruf, an Flughäfen der brachialste Verhandler um Gebührennachlässe zu sein, berichtet ein Kenner der deutschen Luftfahrtbranche. Das Feilschen um Rabatte am Terminal hätten sich die Wettbewerber längst vom Vorbild aus Irland abgeschaut.

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